Wien | Gesundheit | Meinung | Chronik | Kultur | Umwelt | Wirtschaft | Politik | Panorama
InternationalVereinigte Arabische EmirateFakten

Der neue Riss im nahen Osten

Die bewegten Ereignisse der vergangenen Monate im Sudan und im Jemen offenbaren eine neue Konfliktlinie zwischen den ehemals engen Verbündeten Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Marvin Oechsle  •  19. Februar 2026 Volontär    Sterne  12
Foto aus der jemenitischen Insel Sokotra 2023 (Foto: Hardscarf (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Southern_Transitional_Council_-_roadblock_Socotra_(2).jpg), „Southern Transitional Council - roadblock Socotra (2)“, Ausschnitt, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode)
X / Twitter Facebook WhatsApp LinkedIn Kopieren

Als am 26. Oktober des vergangenen Jahres die sudanesische Großstadt Al-Fashir, nach 18-monatiger Belagerung, bei der „Rapid Support Forces“ (RSF) die Stadt ausgehungerten,** die Zivilbevölkerung* und zivile Infrastruktur* gezielt angriffen und die Bevölkerung durch Einmauerung* an der Flucht hinderten, von den RSF eingenommen wurde, spielte sich das ab, was viele weithin befürchteten* und was RSF-Truppen bereits mehrfach zuvor* verübten: Ein Massaker unvorstellbaren Ausmaßes.* Die Gewalt hat in ihrer Art und Weise* sowie in der schieren Quantität** eine unbeschreibliche Dimension. Al-Fashir, einst eine Großstadt mit etwa 250.000 Menschen vor der Einnahme,* gleicht nach der Eroberung, bis heute,* einer Geisterstadt*.

Der Krieg im Sudan hat über die letzten vier Monate eine neue Dynamik sowie gesteigertes internationales Interesse erlebt. Nennenswert ist dabei, dass der Krieg im Sudan kein isolierter, sondern ein erheblich internationalisierter,*** Konflikt ist und ein Teil des internationalen Mächteringens der Region wurde, welches dieser Artikel näher beleuchten will. Denn nicht nur im Sudan, sondern auch in Libyen, am Horn von Afrika und im Jemen spielen die Umtriebe der konkurrierenden Regionalmächte eine für das Verständnis der Konflikte essenzielle Rolle, besonders die Rolle der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) ist hierbei, wie zu sehen sein wird, hervorzuheben.

Begonnen mit, wenn nicht sogar direkt in Gang gesetzt,* durch die erschütternden Ereignisse von Al-Fashir flammen zurzeit auch die Auseinandersetzungen an den anderen Konfliktherden der Region auf und erreichen eine neue Stufe der Eskalation,* wie insbesondere an den Zäsuren der ereignisreichen letzten Wochen und Monate in Somalia und im Jemen zu sehen ist.

Was dabei mittlerweile nicht mehr zu übersehen ist, dass die VAE mit ihrer ambitionierten, interventionistischen Außenpolitik endgültig in eine offene Auseinandersetzung mit Saudi-Arabien, einem ehemals engen Verbündeten, getreten sind. Über viele Jahre kultivierten und bauten die VAE ein Netzwerk an bewaffneten Organisationen, Milizen und Autonomie- und Sezessionsgruppierungen auf, dass nun aber erheblich ins Wanken gerät. Insbesondere im Jemen haben die VAE und ihre örtlichen Verbündeten innerhalb kürzester Zeit eine herbe Niederlage erlitten, wodurch die Anstrengungen der letzten neun Jahre innerhalb zwei schicksalhafter Wochen zunichte gemacht wurden. Nicht zuletzt, da Saudi-Arabien in den neuen Allianzen und Konfliktlinien nun offener denn je gegen die VAE agiert,*** ist die geopolitische Lage auffallend angespannt und entwickelt sich derzeit äußerst turbulent und dynamisch. Ein Ausgang ist dabei noch nicht abzusehen.

Der Krieg im Sudan

Im Sudan stehen sich zwei Hauptkriegsparteien gegenüber: Auf der einen Seite die sudanesischen Streitkräfte (SAF) und Regierung, unter der Führung des Generals Abdel Fattah al-Burhan und auf der Gegenseite die „Rapid Support Forces“ (RSF), unter der Führung von Mohammad Hamdan Dagalo (genannt „Hemedti“).* Die RSF waren ursprünglich ein wichtiger Teil der fragmentierten Militärarchitektur des Sudans** und wirkten am Militärputsch mit, der im April 2019 den langjährigen und unbeliebt gewordenen Diktator Omar al-Bashir absetzte.* Nach einem ursprünglichen, fragilen Abkommen über eine geteilte militärisch-zivile Übergangsregierung, mit dem langfristigen Ziel demokratischer Wahlen, dass erst durch Proteste, die zuerst blutig unterdrückt worden waren, erkämpft worden war, griff das sudanesische Militär (immer noch inklusive der RSF) nach der alleinigen Macht, und entfernte den zivilen Teil der Übergangsregierung in einem Putsch im Oktober 2021.* In der Folge entflammten erneute Proteste der Zivilbevölkerung, die erneut blutig bekämpft wurden, jedoch erneut Konzessionen erstreiten konnten. Allerdings offenbarten sich in dieser Phase auch tiefere Risse und Konflikte der Ambitionen zwischen den sudanesischen Streitkräften und den RSF (konkret entzündete ein Streit um die Integration der RSF in die Struktur des Militärs)** und als im April 2023 Kämpfe zwischen SAF und RSF ausbrachen, gingen die letzten Hoffnung auf einen geordneten, demokratischen Übergang zu Grunde.*

Die Kämpfe dauern seitdem an und fordern einen enormen Blutzoll; die humanitäre Lage ist eine Katastrophe.*** Wie bereits aus der jüngeren Geschichte erkenntlich, verüben beide Seiten regelmäßig Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen von erheblichem Ausmaß an der Zivilbevölkerung.* Auch die SAF und Burhan können kaum mehr „Legitimität“ für sich beanspruchen und tragen ebenfalls erheblich Verantwortung für das Leid im Sudan.*******  

Die RSF sind in ihrer Brutalität und ihrem wiederholt quasi-genozidalen Auftreten**** hervorzuheben, das Massaker von Al-Fashir stellt hierbei zwar einen traurigen Höhepunkt, jedoch keine Ausnahme dar.*** Laut einer jüngst veröffentlichten, unabhängigen Umfrage des Arab Centers DC (im Sudan bereits im November 2024 durchgeführt) gaben 34% der befragten Sudanesen an, dass sie oder ein Familienmitglied Opfer eines Diebstahls von Eigentum wurden, 89% davon gaben die RSF als Täter an.* 17% erlebten Angriffe in Gefechten, in 94% der Fälle waren die RSF dafür verantwortlich.* Bei weiteren Eigentums- sowie Gewaltverbrechen liegt die angegebene Täterschaft der RSF zwischen 82% (Verhaftung) und 97% (Besetzung des Hauses).

Allein in der vorletzten Woche machten die RSF Schlagzeilen durch Drohnenangriffe auf Konvois Geflüchteter und humanitärer Hilfsorganisationen,* die Entdeckung von Massengräbern mit über 1.000 Toten auf dem Gelände der Universität Khartum, aus der Zeit ihrer RSF-Besetzung,* sowie einen Cholera-Ausbruch in einem Gefängnis der RSF, dem bereits über 300 Inhaftierte zum Opfer gefallen sind.*

Die Hintergründe dieses Krieges sind komplex und vielschichtig, im Folgenden wird nur ein kurzer, oberflächlicher Überblick gegeben werden.

Während sich die RSF als säkulare und explizit anti-islamistische Kraft präsentieren,**** stehen die SAF in diversen Verbindungen mit islamistischen Gruppen.* Zum einen haben die alten Strukturen des islamistischen Bashir-Regimes weiterhin Einfluss behalten (bzw. wiedererlangt),* zum anderen greifen die SAF im Zuge einer allgemeineren Mobilisierung der Bevölkerung auch auf islamistische Segmente und Netzwerke zurück.*****

Diese ideologischen Motive spielen vor allem in der internationalen (Selbst-)Darstellung der ausländischen Akteure eine wichtige Rolle und passen in die Narrative der geopolitischen Konstellation, in der sich die VAE als Kämpfer gegen radikalen Islamismus sehen.*** Für die sudanesischen Akteure selbst treten eher andere Motive in den Vordergrund. Weitere Sudan-interne Triebfedern des Krieges sind u.a. die konkurrierenden persönlichen Ambitionen und ökonomischen* und machtpolitischen Interessen der verschiedenen Führungspersonen und Gruppen des Sudans, sowie ethnische bzw. tribalistische Konflikte, vor allem zwischen der Obergruppe der traditionell nomadisch bzw. als Hirten lebenden Baggara* Arabern, denen der Großteil der Kämpfer der RSF angehört,**** und sesshaften Afrikanern* sowie den Nil-basierten Arabern, dem traditionellen Machtzentrum des Sudans.**

Allerdings ist der Krieg, und seine gesamte Dynamik und Intensität, nicht ohne die Rolle der involvierten ausländischen Staaten zu verstehen, die VAE stechen hier in besonderem Maße hervor.* Da dieser Artikel prinzipiell die außenpolitischen Strategie und Konflikte der VAE beleuchten will, und folglich den Sudan besonders unter diesem Gesichtspunkt angeführt hat, muss betont werden, dass der Krieg im Sudan bei weitem nicht nur aus dieser Dimension besteht. Die lange Geschichte von Gewalt und Auseinandersetzungen, die verschiedenen lokalen Interessengruppen und Faktionen und deren Perspektive, sowie dessen Kontrast mit den Auseinandersetzungen und Entscheidungen der Elite und vieles weitere sind alles relevante Faktoren und Dimensionen, die eine eigene Betrachtung verdienen und erfordern würden.* 

Die Rolle der Vereinigten Arabischen Emirate

Auch wenn sich die VAE diplomatisch offiziell neutral halten und eine direkte Unterstützung einer Kriegspartei im Sudan dementieren* ist es doch ein offenes Geheimnis***, dass die die VAE die RSF tatkräftig unterstützen.* Vorgeworfen werden unter anderem umfangreiche Waffenlieferungen,******** die Entsendung von Emiratis** sowie kolumbianischer Söldner*** zur Unterstützung der RSF und den Zugang zu Finanzierungsquellen, insbesondere durch den Goldschmuggel**.* Der glaubhafte Vorwurf von Waffenlieferungen, die mit bzw. als humanitäre Hilfe verdeckt worden waren, wiegt besonders schwer.* Die Unterstützung und aktiven Kontakte, besonders im florierenden Goldhandel bzw. -schmuggel, zwischen den VAE und RSF reichen dabei schon weit vor Ausbruch des Krieges zurück.*

Neben den RSF unterstützen und unterhalten die VAE ein ganzes Netzwerk an Staaten, Organisationen und bewaffneten Gruppen in der gesamten Region Westasiens und Afrikas. Darunter zu nennen sind unter anderem der Tschad, welcher als direktes Nachbarland zum Westen des Sudans besonders bedeutsam ist.*** Dazu kommen in der Region die „Libysche Nationalarmee“ (LNA) unter Leitung des Generals Khalifa Hafter, die als bewaffneter Arm des Tobruk-basierten Repräsentantenhauses eine der Hauptparteien des libyschen Konfliktes ist und den Osten Libyens, und somit die Grenze zum Sudan, kontrolliert und damit den Schmuggel zur RSF ermöglicht bzw. daran partizipiert.*** Außerdem unterstützen die VAE verschiedene Akteure und autonome Regionen in Somalia. Am prominentesten davon Somaliland, dass als einzige dieser Region auch eine formale Unabhängigkeit von Mogadischu reklamiert.* Dazu kommen außerdem noch die semi-autonomen Regionen Jubaland und Puntland.** Bis zuletzt wurden dazu auch einige Gruppen im Jemen von der VAE unterstützt.*

Dieses Netzwerk ist für die Unterstützung und Belieferung der RSF essenziell, da die RSF den Westen des Sudans kontrollieren und daher Lieferungen per Luft transportiert werden müssen. Dafür sind die VAE auf Luftraumgenehmigungen und Umschlagplätze in der Region angewiesen. Im Verdacht stehen dabei besonders auffällige Flüge und Aktivitäten im Tschad***** und dem Südosten Libyens****, außerdem dienen Bosaso*** in der semi-autonomen Region Puntland sowie die abtrünnige Region Somaliland*, mit ihrer strategischen Lage am Horn von Afrika, als wichtige Transitregionen. Daneben haben auch Kenya, Uganda und der Südsudan und in letzter Zeit, da die anderen Routen seit Al Fashir unter Druck geraten sind, besonders Äthiopien Luftraum und Infrastruktur bereitgestellt.***

In Extremfällen dienen diese Nachbarregionen sogar zur Beherbergung von RSF-Truppen und als Ausgangspunkt für Angriffe in den Sudan.*** Außerdem sind die benachbarten Staaten wichtige Etappen auf dem Goldschmuggel, meistens mit dem Endziel in den VAE.*

Die RSF sind also ein bedeutsamer Teil eines Netzwerks, dass die VAE unterhält, und die gesamte Region umspannt. Ohne die VAE und dieses Netzwerk ist die Unterstützung und Belieferung der RSF in diesem Ausmaß nicht denkbar. Der ausgesprochen VAE-kritische Beobachter und Forscher Andreas Krieg nennt dieses Netzwerk „axis of secessionists“* und beschrieb es 2025 folgendermaßen:*

The RSF is but one of the nodes in a network of non-state actors the UAE has curated over the past decade. The small Gulf monarchy has tapped into secessionist causes from Libya, to Yemen, Sudan and Somalia, using surrogates as Trojan horses to generate strategic depth and influence. […] Abu Dhabi has curated a multilayered network of violent non-state actors, financiers, traders, political figureheads and influencers to create bridgeheads in countries of strategic value to Emirati national interests. […] The networks Abu Dhabi has curated are diverse. Nodes in the networks retain a great degree of autonomy, with the UAE content to surrender some control over activities on the ground. Connections between the various networks tend to be horizontal rather than vertical, where Abu Dhabi often remains the switch to orchestrate and connect different nodes from different networks. […] The UAE’s support for the RSF is just one piece of a much wider networked puzzle, which aims to generate strategic depth through a web of intermediaries. Abu Dhabi has established itself as a hub in a regional network that not only augments the UAE’s limited capacity and status, but creates an organic, self-sustaining system of interdependence, where nodes operate with degrees of autonomy that in turn provide the UAE with plausible deniability.

Die Kontrahenten der VAE

Während die VAE die Hauptunterstützer der RSF sind, verfügen auch die SAF unter al-Burhan über gewichtige internationale Unterstützer. Dazu zählen unter anderem die Nachbarländer Ägypten und Eritrea,* sowie mittlerweile bzw. zwischenzeitlich auch der Iran* und Russland**, für die sich damit die Möglichkeit für Stutzpunkte am roten Meer eröffnet hatte. Dazu kommt außerdem der einst enge Verbündete der VAE, Saudi-Arabien, welches seinen Einsatz für Burhan über das vergangene Jahr steigerte, wobei sich ihr Engagement aber eher auf diplomatische, anstatt militärischer, Unterstützung beschränkt.***

Die Türkei agierte in der Zeit nach dem Sturz Bashirs im Vergleich eher im Hintergrund und ergriff erst später klar Partei für Burhan, in der Zwischenzeit erreichten türkische Waffen beide Seiten.*** Mittlerweile ist die Türkei allerdings ein wichtiger Unterstützer der SAF, besonders die türkischen Bayraktar und Akinci Drohnen sind ein entscheidender Faktor für die Kriegsführung der SAF geworden, diese haben die Zahl der zivilen Todesopfer aber auch noch weiter erhöht.****

Die Türkei unter Erdogan stellt in der geopolitischen Großkonstellation der Region außerdem eine besonders nennenswerte Partei dar, da sie, sowie Qatar, seit langem der Unterstützung bzw. Nähe zur Muslimbruderschaft und islamistischer Gruppierungen in der Region bezichtigt werden.* Lange Zeit verstanden sich nicht nur die VAE, sondern auf ihrer Seite auch Saudi-Arabien, als vorrangig darum bemüht, die Muslimbruderschaft und damit verbundene anti-status-quo Gruppen des „arabischen Frühlings“ zu bekämpfen, was etwa in Ägypten mit El-Sisi gelang,* und standen daher in einem angespannten Verhältnis zur Türkei.*****

Auch unter dem Druck ökonomischer und finanzieller Probleme richtete die Türkei ab 2020, verstärkt 2021 nach dem Ende der Blockade Qatars, ihre Außenpolitik neu aus, reduzierte die offene Unterstützung der Muslimbruderschaft und näherte sich Ägypten, Saudi-Arabien und den VAE an, besonders letztere honorierten das mit signifikanten Investitionen und Finanzhilfen.*** Im Zuge der Konkurrenz zwischen Saudi-Arabien und den VAE überlappen die Interessen der Türkei aber stark mit denen Saudi-Arabiens.*

Einen interessanten Fall stellt Ägypten unter El-Sisi dar. Dieser übernahm die Macht, nachdem ein vom ihm angeführter Militärputsch 2013 den gewählten Präsidenten Mohamed Morsi, der mit der Muslimbruderschaft verbunden war, entfernte.**** Die Türkei kritisierte den Putsch, sowie die gewaltsam Bekämpfung***** der Gegner des Putsches und der Muslimbruderschaft, scharf.* Erdogan nannte Sisi einen „illegitimen Tyrann“* und „Mörder“* und beteuerte noch 2019, dass er sich niemals mit ihm treffen werde*. Letztere Aussage sollte allerdings nicht lange Bestand haben und mittlerweile ist Sisi für Erdogan zu einem „geschätzten Bruder“* aufgestiegen. Ein Beispiel für den fundamentalen Wandel der diplomatischen Beziehungen in der Region in den letzten Jahren.

Ägypten verfolgt in seinen Nachbarländern Libyen und Sudan eigene sicherheitspolitische und ideologische Interessen (etwa die Eindämmung von Islamismus oder Flüchtlingsströmen) und steht auf Seiten der SAF sowie Haftars, steht jedoch auch in einem engen ökonomischen Verhältnis, wenn nicht sogar finanzieller Abhängigkeit, mit den VAE.*

Mit dem Fall von Al Fashir soll für Präsident Sisi allerdings eine „rote Linie“ überschritten worden sein und seitdem hat Ägypten sein Engagement für Burhan und die SAF erheblich gesteigert.* Laut einem Bericht der New York Times vom 1.2.2026 werden mittlerweile Drohnen von einem ägyptischen Militärstützpunkt aus gegen die RSF eingesetzt, ein Video darin zeigt einen Angriff gegen einen Lastwagenkonvoi, der sich auf der strategisch wichtigen Versorgungsroute befand, die aus dem von Haftar kontrollierten libyschen Gebieten ausgeht.** Laut Medienberichten hat Ägypten auch hinter den Kulissen den Druck auf Haftar erhöht,* interessanterweise wurde der logistisch wichtige* Flugplatz im südostlybischen Kufra Mitte Januar geschlossen, offiziell für Wartungsarbeiten und nur für einen Monat, es wird zu schauen sein, ob danach erneut Flüge der VAE aufgenommen werden.*

Der Hintergrund im Jemen

Nur wenig später nach den Ereignissen in Al Fashir sollte es auch einschneidende Entwicklungen im Jemen geben. Der Bürgerkrieg im Jemen hat eine ebenso tiefe Geschichte wie der im Sudan, wütet allerdings bereits seit 2014, mit einer langen Vorgeschichte der Gewalt und mit schwankender Intensität. 2015 begann eine internationale Koalition, unter der Führung Saudi-Arabiens, militärisch in den Konflikt einzugreifen und Partei für die international anerkannte Regierung des Präsidenten Hadi zu ergreifen.* Besonders für Saudi-Arabien war es ein unabdingbares Ziel die schiitischen Huthi-Rebellen (offiziell „Ansarallah“), die zum Zeitpunkt der Intervention große Teile des Landes, inklusive der Hauptstadt und der besiedelten Grenzregion zu Saudi-Arabien, kontrollierten, zu bekämpfen.** Die Huthis befanden sich schon lange im (teils bewaffneten) Konflikt mit der jemenitischen Regierungen und Saudi-Arabien und sind Teil der vom Iran geführten schiitischen „Achse des Widerstandes“.***

Der sunnitisch-schiitische geopolitische Konflikt ist sicherlich medial gut bekannt. Wenn auch simplifiziert, war der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran in den 2010ern sicherlich die definierende geopolitische Frontstellung. In diesem Zusammenhang sollte außerdem in Erinnerung gerufen werden, dass in den 2010ern massive Unruhen und Aufstände der schiitischen Minderheit auch innerhalb Saudi-Arabiens aufflammten (hauptsächlich im Nordosten, aber vereinzelt auch in der Grenzregion zum Jemen)**, die Saudi-Arabien blutig unterdrückte.***** Die Eindämmung der Huthis im Nachbarland Jemen hatte für die saudischen Entscheidungsträger also unüberraschenderweise eine hohe Priorität. 

Zu Beginn der internationalen Intervention schienen die VAE als ein enger und folgsamer Partner Saudi-Arabiens, im Laufe der Intervention, die die Huthis zwar teilweise zurückdrängen, diese aber nicht im Ansatz entfernen konnte, und außerdem durch die zeitweise großen Gebietsgewinne Al-Qaedas weiter verkompliziert wurde, offenbarten sich allerdings Risse in der intervenierenden Koalition.** Die VAE verfolgten offenbar eine eigensinnige Strategie, was Saudi-Arabien negativ aufnahm und was Zweifel daran weckte, ob sich die VAE aus denselben Motiven der Intervention anschlossen, oder ob diese damit eigene Interessen verfolgen wollten.*******

Die VAE haben als Teil der Koalition bereits von Beginn an relativ eigenständig agiert und eigene Faktionen unterstützt, damit wurde schon früh im Jemen ein Teil des oben beschriebenen Netzwerkes der VAE aufgebaut.*** Interessanterweise heuerten die VAE und Saudi-Arabien zwischen 2015 und ca. 2020 die RSF an (damals noch Teil des Bashir-Regimes), welche mit zehntausenden Kämpfern im Jemen gegen die Huthis eingesetzt wurden, für die anti-Huthi-Koalition militärisch bedeutsame Schlagkraft und für die RSF ein äußerst lukratives Geschäft, dass die RSF entscheidend stärkte.**

Der offenkundige Bruch innerhalb der Koalition, zwischen den VAE und Saudi-Arabien, kam 2017 als sich der „südliche Übergangsrat“ (STC, „Southern Transitional Council“) bildete, der von der VAE unterstützt wird, und effektiv Kontrolle über einige Truppen und bewaffnete Verbände ausübte, die in der Folge mit Truppen der Regierung Hadis aneinanderstoßen, mehrfach um Aden kämpften und Aden schließlich 2019 einnahmen.** Damit wurde die anti-Huthi-Seite de-facto entzweit und eine neue Front eröffnet, bei welcher Saudi-Arabien und die VAE nun auf gegenüberliegenden Seiten standen.*

Gründung und Aufstieg des STC

Der STC wurde bereits 2017 gegründet, nachdem der damalige Gouverneur des Gouvernements Aden, Aidarus al-Zubaidi, durch den Präsidenten Hadi von seinem Posten entfernt wurde. Der Grund hierfür war Zoubadis zweifelhafte Loyalität und zu enge Zusammenarbeit mit den VAE und seine Nähe zu der Autonomie- bzw. Sezessionsbewegung des Südens (z.T. auch bekannt als „al-Hirak“, „die Bewegung“ [des Südens]).* Der Entlassung vorausgegangen waren Anfang 2017 bewaffnete Kämpfe zwischen VAE-nahen Truppen und Truppen Hadis um den Flughafen Aden, in welchen Hadi eine konkrete Bedrohung seiner Autorität sah.**

Der Südjemen war bis 1990 ein eigenständiger Staat und seit der Vereinigung bestehen Differenzen und Spannungen zwischen den Landesteilen, bereits 1994 versuchten Kräfte des Südens militärisch die Unabhängigkeit wiederherzustellen.* Nach dem Scheitern dieses Versuches verschlechterte sich die reale und wahrgenommene Lage der Südjemeniten, die unfair und schlechter als der größere Norden behandelt und zunehmend marginalisiert wurden, seit 1994 sprechen viele Südjemeniten von einer „Besatzung“ durch den Norden.** Spätestens seit 2007 erstarkte die Bewegung des Südens erneut und seit 2009 bedienten sich Teile der Bewegung auch wieder bewaffnetem Widerstand.* Bei Beginn des aktuellen Bürgerkrieges 2014/15 waren Südjemeniten zentral daran beteiligt den Vormarsch der (damaligen) Allianz aus Huthis und Saleh-Anhängern zu stoppen und diese (sowie jihadistische Gruppen) aus großen Teilen des Südens zurückzudrängen.****

Im folgenden Krieg bauten besonders die VAE enge Beziehungen auf und unterstützen Kräfte des Südens.* Die südlichen Autonomie-orientierten Kräfte waren aus mindestens zwei Gründen ein natürlicher Partner für die VAE. Zum einen war die geographische Lage und besonders die wichtige Hafenstadt Aden hoch interessant für die VAE, um ihren Einfluss auf die wichtige Handelsroute am Golf von Aden und dem Bab al-Mandab auszubauen,* des Weiteren steht die südliche Bewegung in historisch** bedingter Gegnerschaft zur al-Islah Partei, die mit der Muslimbruderschaft verbunden ist und einen bedeutsamen Teil der übrigen Anti-Huthi Landschaft im Jemen ausmacht.*****

Für Saudi-Arabien war die Spaltung der Anti-Huthi-Kräfte also ein großes Hindernis für ihr Hauptziel im Jemen, die Huthis zu entfernen. Auch wenn Saudi-Arabien selbst in einem komplizierten bis angespanntem Verhältnis mit al-Islah steht,** war eine Sezession des Südens eine unannehmbare Vorstellung, da es eine massive Schwächung der anerkannten Regierung bedeuten würde.* Die schiitische Bevölkerung, und damit die Machtbasis der Huthis befindet sich praktisch exklusiv im Nordteil des Landes, seit Oktober 2014 kontrolliert die jemenitische Regierung Hadis nur noch kleinere, disparate teile des Nordens.* 

Nachdem 2017 al-Zubaidi, sowie weitere, der VAE nahestehende Politiker, durch Hadi entlassen wurden, formten sich Proteste in Aden,* wenig später gründete al-Zubaidi, mit vielen weiteren bedeutenden Personen des Südjemens (darunter mehrere Gouverneure), am 11. Mai 2017 den „südlichen Übergangsrat“ (STC).**** Al-Zubaidi betonte allerdings weiterhin seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der anti-Huthi-Koalition.** Die meisten, wenn nicht sogar alle, der Truppen, deren Loyalität der STC für sich reklamierte, fielen zwar weiterhin auf dem Papier unter die de-jure Autorität und Struktur der Regierung, in der Praxis war der Bruch jedoch manifest.*

In der Folgezeit häuften sich Kämpfe zwischen STC und Regierungstruppen, besonders um Aden. Im Januar 2018 brachen heftige Kämpfe in Aden aus, in denen der STC fast die gesamte Metropole einnahm, nachdem Präsident Hadi nicht der Forderung des STC nachkam, den unpopulären und inkompetenten Premierminister Ahmed Obeid bin Daghr abzusetzen, der für die schlechte Situation der Infrastruktur und Grundversorgung verantwortlich gemacht wurde und der Korruption beschuldigt wurde.** Al-Zubaidis Nachfolger als Gouverneur von Aden war zuvor im November 2017 sogar zurückgetreten, mit der Begründung der grassierenden Korruption in der Regierung, für die er zentral bin Daghr verantwortlich machte.* Die damalige Situation konnte allerdings durch Kooperation Saudi-Arabiens und der VAE deeskaliert werden und STC-Truppen zogen sich von neu eingenommen Positionen in Aden zurück und beendeten die Belagerung des Präsidentenpalast, behielten aber Kontrolle über weite Teile Adens und des Südjemens (zu diesem Zeitpunkt befand sich der Kampf gegen die Huthis in einer kritischen Phase, außerdem gab es offenbar Differenzen zwischen den verschiedenen Verbänden, die durch die VAE unterstützt wurden, von denen aber nicht alle die Aktionen des STC in Aden befürworteten)*.******* Im Oktober 2018 wurde Bin Daghr schließlich aufgrund seiner schlechten Regierungsarbeit doch durch Hadi entlassen und die Lage der Zivilbevölkerung verbesserte sich etwas.***

Im folgenden Jahr konnte der Konflikt zwischen STC und Hadi-Regierung allerdings nicht aufgelöst werden,**** ebenso wenig gelang es, die Huthis militärisch zu schlagen, und angesichts steigender Verluste zogen die VAE ihre eigenen, emiratischen Truppen teilweise, v.a. aus dem Westen und Norden des Landes (der Front gegen die Huthis), ab.******

Die bereits brüchige saudisch-emiratische Koalition sollte im August 2019 noch weiter zusammenbrechen als diesmal noch erbittertere Kämpfe um Aden ausbrachen.* Der konkrete Auslöser war die Ermordung (durch einen Huthi-Drohnenangriff) des STC-Militärkommandeurs Munir al-Mashalis, an welcher heftige Streitigkeiten um die Verantwortlichkeit, und um eine unterstellte Mittäterschaft Islahs, ausbrachen.** Nach dem Drohnenattentat begannen Elitetruppen des STC, an deren Aufbau der Salafist und damalige STC-Vizepräsident Hani bin Burayk zentral mitwirkte,* mit Racheangriffen und Schikanierungen gegen Zivilisten aus dem Norden in Aden.*** Bei der Beerdigung der Opfer des ursprünglichen Drohnenangriffs brachen Kämpfe zwischen Truppen der Regierung und des STC aus und Burayk rief zum Sturz der Regierung auf.**** Unter der Initiative Burayks erlangten Truppen des STC in den folgenden Tagen in heftigen Kämpfen die komplette Kontrolle über Aden, diesmal inklusive des Präsidentenpalastes*.*****

In der Folge stellte der STC weitreichende Forderungen* inklusive der Unabhängigkeit und die Kämpfe weiteten sich auf weitere Teile des Südjemens aus und die Regierung entließ mehrere Sicherheits- und Militärkommandeure aufgrund von Kollaboration mit dem STC.******** Als Truppen der Hadi-Regierung, auch mit Unterstützung einiger lokaler südlicher Kräfte, Gebiete zurückeroberten und erneut um Aden kämpften, berichten diese, von den VAE bombardiert worden zu sein, die VAE gab ihre Luftschläge zu, beschrieb diese aber als gegen bewaffnete Terrororganisationen gerichtet.******

Über die nächsten Monate gab es weitere, kleinere Zusammenstöße und, angeleitet durch Saudi-Arabien und die VAE, Gespräche und Verhandlungen über ein Übereinkommen zwischen STC und Regierung.* Diese Verhandlungen führten nach saudischer Mediation am 5. November 2019 zur Unterzeichnung des „Riad Abkommens“*, mit welchem die entzweiten Kräfte vereint werden sollten, mit einer einflussreicheren Rolle Saudi-Arabiens über die neue vereinte Regierungsstruktur.** Mit dem weitreichenden Abkommen wurden große Hoffnungen verbunden, aber fast alle der Bestimmungen wurden nicht oder nur schleppend und verspätet in die Praxis umgesetzt (es gab sogar wieder vereinzelte Kämpfe), saudische Mediationsversuche 2020 und 2021 versuchten den Integrationsprozess wieder in die Spur zu bekommen, hatten allerdings auch keinen durchschlagenden Erfolg.************ 2021 steigerten die VAE auch wieder ihr Engagement im Yemen.**

Eine durchschlagende Neuordnung kam erst im April 2022 mit der Formierung des achtköpfigen Präsidialrates (PLC, „Presidential Leadership Council“) als neuem Exekutivorgan des Jemens.* Mit Gründung des PLC wurde der korrupte, unpopuläre und völlig unfähige* Präsident Hadi, unter dem Druck Saudi-Arabiens und der VAE, entfernt und das Amt des Präsidenten zukünftig durch den PLC ersetzt.*** Mitglieder des PLC sind die wichtigsten Führungspersonen der großen Faktionen, darunter auch Vertreter des STC.* Mit der Formierung des PLC ist es nicht gelungen die verschiedenen und rivalisierenden Interessen und Visionen der verschiedenen Faktionen zu einer zu bündeln, jedoch ist mit dem PLC eine de-jure Integration der unterschiedlichen Gruppen in einem gemeinsamen Staatsorgan, zumindest auf dem Papier, gelungen.* In der Folgezeit stellte sich eine zeitweise gewisse Koexistenz aus Pragmatismus der verschiedenen Gruppen der Anti-Huthi-Seite ein, die Rivalitäten und Konflikte blieben aber real (inklusive einer erneuten STC-Offensive Ende 2022)*.***

Während die militärische Einmischung der VAE im Sudan offiziell dementiert wird und indirekt über die RSF vonstattengeht, ist das Engagement der VAE im Jemen offen und deutlich transparenter und direkter.* Der STC und die südliche Bewegung haben zweifellos ein beachtliches Maß an lokaler Verankerung und Popularität unter der Bevölkerung, bei der Formierung, Ausrüstung, Training und beim Unterhalt der bewaffneten Einheiten und der Organisation des STC haben die VAE jedoch eine zentrale Rolle gespielt.*********

Neben der mutmaßlich direkten militärischen Beteiligung im Kampf um Aden im August 2019 ist ein bizarrer Höhepunkt des Interventionismus der VAE die militärische quasi-Besetzung der Insel Sokotra durch Truppen der VAE im Mai 2018.******

In STC-Gebieten ist die Flagge der VAE ständig präsent, nicht nur in den vielen humanitären und infrastrukturellen Projekten und Fördereinrichtungen der VAE.**** Exemplarisch ist etwa eine Veröffentlichung des Gouverneurs Sokotras aus dem Jahr 2022, als zum 55. Jahrestag der Unabhängigkeit des Südjemens die Abschlusszeremonie eines Ausbildungsjahrganges von STC-Truppen begangen wurde. Auf der Tribüne bei besagter Zeremonie ist neben der Flagge und Insignien des Südjemens und dem Abbild al-Zubaidis auch die Flagge der VAE mehrfach an prominenter Stelle zur Schau gestellt.Foto

Poster des STC auf Sokotra 2023: v.l.n.r. Gouverneur Sokotras („Sokotra in einer neuen Ära…“), Emblem des STC, „Präsident“ Aidarus al-ZubaidiPoster des STC auf Sokotra 2023: v.l.n.r. Gouverneur Sokotras („Sokotra in einer neuen Ära…“), Emblem des STC, „Präsident“ Aidarus al-Zubaidi (Foto: Hardscarf (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Southern_Transitional_Council_-_posters.jpg), https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

Die Zäsur

Dieser ossifizierte Status der Koexistenz und Kooperation unter dem Schirm des PLC wurde am 2. Dezember 2025 gesprengt, als der STC und die von der VAE unterstützen Truppen im Süden des Landes eine große Militäroffensive starteten und in schneller Folge den Osten des Landes von überraschten PLC-Kräften eroberten.**** Vorausgegangen waren Spannungen in Hadramaut über die dortigen Ölvorkommen und deren Verwendung.***** Die Offensive, welche den Namen „Operation Vielversprechende Zukunft“ („المستقبل الواعد“) erhielt, wurde bei Beginn nicht nur mit den Unruhen an den Ölfeldern begründet sondern auch damit, Hadramaut vor extremistischen Organisationen (Huthis, al-Qaeda, IS, Islah bzw. Muslimbruderschaft) und deren Schmuggelrouten zu sichern.**** In einer Ansprache am 3.12., bei welcher der Sprecher der STC-Streitkräfte den Erfolg der Operation verkündete, gab er die genannten Beweggründe an und fasste die Operation zusammen als „eine Fortsetzung unseres Kampfes gegen den Terrorismus, der als Mittel und Instrument der Besatzung in unser Heimatland im Süden exportiert wurde“.**

In einem Interview nach allen Ereignissen am 12.2.2026 stellt der hochrangige STC-Offizielle und Sonderbeauftragte des STC für auswärtige Angelegenheiten* Amr al-Bidh (der in Abu-Dhabi ansässig ist)* die Situation vor der Offensive als einen sich verschlechternden Stillstand dar und begründet die STC-Offensive im Nachhinein dreifach: ** Zuerst mit den bekannten Begründungen über Waffenschmuggel* und Al-Qaeda-Aktivitäten, al-Bidh betont allerdings noch einen dritten, wahrscheinlich den wichtigsten Grund, ohne dabei ein Blatt vor den Mund zu nehmen:**

From the beginning of the southern movement 30 years ago, it was the STC’s objective to liberate the whole area [the whole south]. We had a war in 1994 against the north, who then occupied us, and there were remnants of their occupation in Wadi Hadhramaut. We had a few reasons for why we thought that now is the time to move: in order to make sure that the Houthis don’t get weapons; that we extend our operation against AQAP and also to liberate the south.

Approximative kartografische Darstellung der vorherrschenden Kontrolle der Gebiete im Jemen vor Start der Offensive am 2.12.2025Approximative kartografische Darstellung der vorherrschenden Kontrolle der Gebiete im Jemen vor Start der Offensive am 2.12.2025 [Gelb: STC, Orange: Mit STC verbündete HEF, Rot: Regierung, Blau: NRF unter Tariq Saleh, Grün: Huthis, Weiß: Al-Qaida] (Karte: Ali Zifan (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Yemeni_Civil_War_2_December_2025.svg), https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

Die Gebietsgewinne waren schnell und groß und es gelang dem STC in wenigen Tagen den Osten des Landes, die Grenzregionen zu Saudi-Arabien und zum Oman, inklusive der Ölfelder, unter ihre Kontrolle zu bekommen, womit such nun auch erstmals fast das gesamte Gebiet des ehemaligen Südjemens in der Hand des STC befand.****** Am 5. Dezember verließ der Vorsitzende des PLC, Rashad al-Alimi, Aden für Beratungen in Riad.* Saudi-Arabien zog als Reaktion auf die neuen Entwicklungen vielerorts seine Truppen zurück,** darunter auch am 6.12. vom Präsidentenpalast in Aden,** welchen daraufhin STC-Truppen einnahmen.*** In den Folgetagen hielt Abdulrahman al-Mahrami** (auch „Abu Zara’a“ genannt)*, der sowohl hochrangiges Mitglied des PLC sowie des STC** ist und der Oberbefehlshaber der VAE-unterstützen „Giganten Brigade“,* mit salafistischem Hintergrund, ist, Meetings im Präsidentenpalst ab, in denen er sich als eine Art Bindeglied zwischen PLC und STC präsentierte.*

Nachdem diplomatische Verhandlungsversuche scheinbar keine Wirkung zeigten reagierte Saudi-Arabien entschieden und resolut und war nicht darauf aus, wie etwa in den Jahren zuvor, einen Ausgleich zu suchen.** Mit der Offensive der STC war eine „rote Linie“ Riads überschritten.*** Saudi-Arabien und die damit verbündeten PLC-Truppen positionierten sich Ende Dezember neu und forderten am 25.12. den Rückzug der STC-Truppen aus den jüngst eroberten Gebieten.*** Dieser Forderung wurde nicht nachgekommen, STC-Einheiten nahmen sogar noch weitere Stellungen ein.* Daraufhin reagierte Saudi-Arabien mit der Bombardierung besagter Einheiten, was wohl als allerletzte Warnung verstanden werden kann.*****

Am 30.12. spitzte sich die Lage zwischen Saudi-Arabien und den VAE endgültig zu, als Saudi-Arabien Schiffe und Güter der VAE im Hafen Mukalla bombardierte,* die beschuldigt wurden, unerlaubterweise Waffen an den STC zu liefern.******** Am selben Tag rief der PLC-Vorsitzende Alimi per Dekret den Ausnahmezustand aus und kündigte das Verteidigungsabkommens mit den VAE auf und rief diese dazu auf, das Land mit all ihren Kräften innerhalb von 24 Stunden zu verlassen.**

In einem „ungewöhnlich deutlichem“* Statement Saudi-Arabiens am 30.12. wurden die VAE direkt kritisiert: laut der Erklärung sei die STC-Offensive auf den Druck der VAE geschehen, weiter werden die Schritte der VAE als „enttäuschend“ und „höchst gefährlich“ bezeichnet und die Offensive in den Grenzregionen zu Saudi-Arabien als Bedrohung der nationalen Sicherheit Saudi-Arabiens gewertet, mit der eine „rote Linie“ überschritten wurde, weshalb das Königreich „nicht zögern wird, alle notwendigen Schritte und Maßnahmen zu ergreifen, um einer solchen Bedrohung entgegenzutreten und sie zu neutralisieren“.* Außerdem betonte Saudi-Arabien dabei, dass es wichtig sei, dass die VAE der Forderung nachkommen, mit ihren Truppen den Jemen zu verlassen.* Die VAE leugneten zwar die saudischen Vorwürfe,* kamen der Forderung Alimis aber am selben Tag nach und zogen ihr eigenes Militär aus dem Jemen ab.*

Nachdem Saudi-Arabien sein volles Gewicht hinter die PLC-Regierung stellte, wendete sich die Machtverteilung und die Initiative lag nun auf Seiten der Regierung und gegen die folgenden Luftschläge Saudi-Arabiens war der STC weitgehend machtlos, weshalb es den neu massierten Regierungstruppen in ihrer Gegenoffensive ab 2. Januar schnell gelang die eroberten Gebiete zurückzugewinnen.**

Es ist anzumerken, dass in einer gemeinsamen Erklärung vom 30.12. die vier Mitglieder des PLC, die bis dahin den VAE nahestanden,* die Ausrufung des Ausnahmezustandes sowie die Forderung des Abzugs der VAE kritisierten und die Rolle der VAE lobten.* Dieser Erklärung schlossen sich neben den STC-Spitzen al-Zubaidi und al-Bahsani auch al-Mahrami („Abu Zara’a“) und Tariq Saleh, der den UAE nahesteht aber keine Verbindung zum STC hat und im Nordteil operiert, an.* An einem Dialog in Riad am 4. Januar nahmen von den vier oben genannten PLC-Mitgliedern nur die letzten beiden teil, dort wurden diese, deren Loyalität sich in der Vergangenheit bereits als mutabel erwiesen hat,*** mutmaßlich auf die Seite der saudischen Koalition gezogen bzw. verständigten sich mit dieser im Lichte der neuen Machtkonstellation nach dem Rückzug der VAE.***** Am 4.1. wurde al-Zubaidi außerdem von der Koalition aufgefordert, innerhalb von 48 Stunden nach Riad anzureisen um an den dortigen Besprechungen teilzunehmen.*

In dem Interview mit STC-Repräsentant al-Bidh vom 12.2.2026, beteuert dieser, dass der STC über die saudische Reaktion vollkommen überrascht war und ein saudisches Bombardement ihrer Truppen „niemals“ erwartet hätte.*** Die Forscherin und Jemen-Expertin Fatima Abo Alasrar sieht die zweifellos andersartige* Reaktion Saudi-Arabiens darin begründet, dass Saudi-Arabien in der vorliegenden Auseinandersetzung keinen Jemen-internen Disput mehr sah, sondern in Geschehnissen sah, dass sich die „VAE-Israel Architektur südwärts ausdehnt“.*

Die neue historische Qualität dieser Situation wurde auch am 2. Januar 2026 ersichtlich, als der STC eine Verfassungserklärung veröffentlichte, in der dargelegt wurde, wie ein Staat „Südarabien“, in den Grenzen des Südjemens, innerhalb einer Übergangszeit von zwei Jahren die Unabhängigkeit erlangen sollte.** In einer erläuternden Erklärung und Ansprache al-Zubaidis betonte dieser weiter, dass die vorliegende Erklärung über die Unabhängigkeit sofortig in Kraft treten würde, falls „die Bevölkerung des Südens, ihr Land oder ihre Streitkräfte einem militärischen Angriff ausgesetzt werden“.*

Zu diesem Zeitpunkt war das Schicksal des STC allerdings bereits abzusehen, durch die Gegenoffensive der Regierungskoalition und mehrfachen saudischen Luftschläge wurden die STC-Truppen fluchtartig zurückgetrieben.* Bereits am 3. Januar, am Tag nach der Verfassungserklärung, änderte sich der Ton des STC in einen verzweifelten „Appell an regionale und internationale Führungskräfte, den Sicherheitsrat und die Mitglieder der Vereinten Nationen, die von der Muslimbruderschaft mit militärischer Unterstützung Saudi-Arabiens angeführte Aggression zu stoppen“.*

Schon am 5. Januar waren die Gewonnen Gebiete sowie zusätzlich Mukalla*** wieder zurückerobert.***** In schneller Folge zerfiel der Block des STC, örtliche Behörden von Shabwah***, Abyan* und Lahj* sowie die schlagkräftigen „Giganten Brigade“ unter dem Kommando al-Mahramis**** kooperierten mit dem PLC anstatt* dem STC, und am 7. Januar sicherten die „Giganten Brigade“ und PLC-verbundene Kräfte die Kontrolle über Aden******.*

Am 7. Januar erließ der PLC, unter Mitwirkung Salehs und Mahramis,* ein Dekret, mit dem Zubaidi wegen „Hochverrat“ aus dem PLC ausgeschlossen wurde und an die Staatsanwaltschaft übergeben werden sollte.* Bahsani wurde ebenso aus dem PLC entfernt, gleichermaßen wurde auch mit weiteren STC-Angehörigen Ministern, Militärkommandeuren und dem Gouverneur Adens verfahren, die allesamt ihrer Ämter enthoben wurden.*******

Al-Zubaidi kam der Forderung zum Erscheinen in Saudi-Arabien nicht nach und floh in der Nacht vom 7. auf 8. Januar, laut der saudischen Koalition mit Hilfe der VAE, aller Wahrscheinlichkeit nach durch offiziell somalisches Staatsgebiet in die VAE.*** Eine Delegation aus z.T. hochrangigen Vertretern des STC, die sich in Riad befand, gab am 9. Januar die Auflösung des STC und Schließung aller seiner Büros bekannt.*** Andere Vertreter des STC, die sich anderswo (etwa in den VAE) befanden, bestritten diese Erklärung der Auflösung allerdings sofort und erklärten diese für nicht rechtmäßig legitimiert und ungültig.**

Seitdem gibt es anhaltende und große Proteste im Südjemen von Unterstützern des STC.** Die Lage ist noch immer volatil und unklar.*** Gestärkt durch die beeindruckenden Großdemonstrationen, zeigen sich die STC-Anhänger mittlerweile wieder erneut ermutigt und nach 24-tägiger Funkstille meldete sich Zubaidi seit 10. Februar erneut mit öffentlichen Statements, in denen er revolutionäre Parolen anstimmt und zur Fortsetzung der Proteste aufruft.** Indessen fanden im Umfeld einer Demonstration am 11. Februar sogar die ersten Schießereien zwischen Sicherheitskräften und STC-Anhängern statt, wobei die genauen Hergänge umstritten***** sind.******

Die Regierung hat sich ebenfalls neuformiert: Die zwei vakanten PLC-Plätze wurden neu besetzt,* Militär und Sicherheitskräfte wurden neu geordnet* und am 9. Februar wurde ein neues Kabinett vereidigt.* Die Aufgaben der neuen Regierung könnten größer kaum sein, nicht nur ist die humanitäre und wirtschaftliche Lage der Zivilbevölkerung ruinös, auch die Probleme und berechtigten Beanstandungen der südlichen Bevölkerung müssen nun endlich angegangen werden und die Bedrohung durch die Huthis ist weiterhin real.* Vor dem Hintergrund dieser Herkulesaufgaben und der langen Geschichte des Scheiterns der politischen Führerschicht des Jemens spricht das Sana’a Center treffenderweise von „der Regierung der letzten Chancen“.*

Konflikt am Horn von Afrika

Eine weitere zentrale Konfliktregion, an der sich die Spannungen in den vergangenen Monaten merklich steigerten, ist das Horn von Afrika. Ausgelöst durch die kontroverse Anerkennung Somalilands durch Israel am 26. Dezember heizte sich der Konflikt in Somalia weiter auf und die VAE spielen auch hier eine erhebliche Rolle als Unterstützer Somalilands sowie der semi-autonomen Regionen Puntland und Jubaland.*** Nach den Ereignissen im Jemen (und der unautorisierten Evakuierung al-Zubaidis durch somalisches Territorium) kündigte die Somalische Zentralregierung in Mogadishu alle Hafen- und Sicherheitsabkommen mit den VAE auf, was vor allem die genannten drei Regionen betrifft.** Da die Zentralregierung allerdings wenig praktische Kontrolle in diesen Regionen hat, kann sie diese Entscheidung in der Praxis kaum umsetzten und die drei Regionen erkannten die Aufkündigung nicht an.***

Die Unterminierung der Autorität Mogadishus wurde gekontert, indem der somalische Präsident einen Ort in Somaliland besuchte, was zuvor seit über 40 Jahren kein somalischer Präsident tat, und der Amtseinführung der Regierung eines neuen Bundestaates Somalias, auf dem bisherigen und beanspruchten Territoriums Somalilands, beiwohnte.**

Einer der wichtigsten internationalen Partner der somalischen Zentralregierung ist die Türkei. Das türkische Engagement im Somalia reicht von militärischer Unterstützung und humanitärer Hilfe bis zur Errichtung eines türkischen „Spaceports“ (auf welchem auch ballistische Raketen getestet werden sollen)*.*** In letzter Zeit verstärkten Somalia und Saudi-Arabien außerdem ihre Beziehungen.* Die verschiedenen Konflikte der Region verflechten sich zunehmend, laut einem Bericht vom 13.2.2026 bilden nun sogar SAF-Offiziere Somalische Truppen in Somalia aus.*

Ein weiterer wichtiger Akteur am Horn ist Äthiopien, neben dessen Konflikt mit Ägypten und dem Sudan um den Grand-Ethiopian-Renaissance-Staudamm* ist es Äthiopiens Hauptambition einen direkten Zugang zum Meer zu erlangen.** Dazu kooperiert Äthiopien mit Somaliland und fällt zunehmend in die Achse der VAE.**** Tatsächlich scheint Äthiopien ein neuer Sammelpunkt für die RSF zu sein und Ende Januar eröffnete sich im Sudan eine neue Front am Blauen Nil, der Nachbarregion Äthiopiens, es wird weitgehend davon ausgegangen, dass Äthiopien diese Vorstöße der RSF (und verbündeter Rebellen) unterstützt.** Neben der Erschließung als Transitroute für Waffenlieferungen der VAE*** beschuldigt nun ein Reuters-Bericht vom 10. Februar, dass Äthiopien ein Militärlager zur Ausbildung von RSF-Truppen errichtet hat, dass laut internen Quellen durch die VAE finanziert und mit Militärausbildern und logistischer Unterstützung ausgestattet wird.*** Äthiopien reagierte auf den Bericht mit dem Entzug von Presseakkreditierungen Reuters.***

Über die vergangenen Tage droht außerdem eine Eskalation um Spannungen zwischen Äthiopien und Rebellengruppen im Norden des Landes, die kürzlich auch Gebietsgewinne verzeichnen konnten, sowie Spannungen mit Eritrea.***** Tatsächlich scheint Äthiopien gerade eine militärische Mobilisierung durchzuführen,**** und ein Ausbruch eines handfesten Krieges, der das Potenzial einer weiteren humanitären Katastrophe bietet, scheint immer wahrscheinlicher.*

Der emiratische Alleingang

Um den besonderen Weg, den die emiratische Außenpolitik eingeschlagen hat, zu verstehen, lohnt ein Blick in die Geschichte. Die VAE haben schon seit längerem eine besondere Stellung in der Region. Bereits während der frühen 2010er Jahre verlieh ihnen der damalige US CENTCOM Oberbefehlshaber, und spätere Verteidigungsminister, James Mattis wertschätzend den Beinamen „little sparta“, für ihre aktive Rolle an der Seite der USA und ihre militärische Schlagkraft trotz der kleinen Bevölkerung.*

Die VAE haben ihre gesteigerte außenpolitische Agilität in einigen Manövern unter Beweis gestellt. 2018 waren die VAE der erste der arabischen Staaten, die wieder diplomatische Beziehungen mit Assad aufnahmen.*

Um ein Vielfaches kontroverser sind die Abraham Accords mit denen 2020 die VAE (und Bahrain) Israel offiziell anerkannten und diplomatische Beziehungen aufnahmen.* Die Beziehungen und Kooperation zwischen Israel und den VAE wurden seitdem enger und auch das emiratische Netzwerk rückt näher an Israel heran.**** Neben Somalilands Anerkennung* durch Israel hatte auch al-Zubaidi in der Vergangenheit mehrmals seine Bereitschaft dafür ausgedrückt, dass ein unabhängiger Südjemen den Abraham Accords beitreten und diplomatische Beziehungen mit Israel aufnehmen würde.***

Die Abraham Accords sind in der arabischen Welt allerdings höchst unpopulär, laut des neu veröffentlichten „Arab Opinion Index 2025“ des Arab Centers DC liegt in den meisten der 14 befragten Ländern die Unterstützung für die Anerkennung Israels durch das eigene Land im einstelligen Bereich, während etwa 85% bis 96% eine Anerkennung Israels ablehnen.* Bedauerlicherweise wurden die VAE nicht befragt, in Saudi-Arabien liegt die Unterstützung für die Anerkennung Israels bei nur 4%, während 61% diese ablehnen, in Saudi-Arabien ist die Anzahl derer, die keine Antwort abgaben mit 35% außergewöhnlich hoch.* Interessanterweise ist unter den befragten Ländern die Unterstützung für die Anerkennung in Syrien mit 14% am höchsten, aber auch hier spricht sich die klare Mehrheit der Befragten (74%) gegen eine Anerkennung Israels aus.*

In den vergangenen Wochen und Monaten werden in den saudischen, analogen und digitalen, Medien immer häufiger kritische Töne gegen die VAE angestimmt.*** Neben der destabilisierenden und megalomanischen Politik der VAE, für die gesondert Abu-Dhabi in die Kritik genommen wird,* sind die Abraham Accords und die Normalisierungspolitik der VAE gegenüber Israel eine beliebte Zielscheibe massiver Kritik.** Die Offenheit und Vehemenz dieser Kritik ist eine neue Entwicklung, vor noch nicht allzu langer Zeit wurde noch über einen möglichen Beitritt Saudi-Arabiens bei den Abraham Accords spekuliert.** In den vergangenen Wochen hat insbesondere ein Zeitungsartikel für Aufsehen gesorgt, der nach internationaler Empörung online erst gelöscht wurde, nach Protesten in Saudi-Arabien dann aber wieder veröffentlicht wurde.* In besagtem Artikel wird das Emirat Abu-Dhabi als der Antagonist herausgegriffen und beschuldigt, ein „Werkzeug des Zionismus“ zu sein (ferner werden hierfür auch die Bilder von Dolchstoß und Trojanischem Pferd eingesetzt).* Die Emirate sind diese harsche Kritik nicht gewöhnt und diese sehen sich aktuell einer medialen Hetzkampagne ausgesetzt, ein prominenter emiratischer Politikwissenschaftler spricht u.a. von „Beleidigungen“, „Lügen“, „Aufhetzung“, „Schikanierung“ und „Rufmord“.*

Außerdem sorgen jüngst die Enthüllungen über Kontakte hoher VAE-Offizieller zu Epstein für weitere internationale Empörung, unter anderem musste aufgrund seiner Beziehungen zu Epstein der CEO des Logistikunternehmens DP World, ein Herzstück der Geopolitik der VAE, zurücktreten.**** Resümierend kann gesagt werden, dass sich die VAE über die letzten Jahre ideologisch und außenpolitisch von weiten Teilen der muslimischen Welt der Region entfremdet haben.

 Die Divergenz zwischen Saudi-Arabien und den VAE

Wie die Beleuchtung der jüngsten Auseinandersetzungen in der Region gezeigt hat, ist der Riss zwischen Saudi-Arabien und den VAE real. Dies erkennt mittlerweile sogar der US-Präsident an.* Die hintergründigen Beweggründe für das Auseinanderdriften der ehemals engen Verbündeten würde eine gesonderte Ausführung benötigen, im Folgenden sollen jedoch die zentralen Leitlinien genannt werden, die die divergierende Außenpolitik der zwei Staaten erläutern sollen.

Neben einigen ideologischen Uneinigkeiten geht es vor allem und rivalisierende Visionen für die Zukunft der Region und deren Strukturierung, sowie um eine unterschiedliche Priorisierung der politischen Mittel.

Besonders nach der Deeskalation zwischen Saudi-Arabiens und dem Iran durch das durch China vermittelte Abkommen im März 2023 fokussiert sich Saudi-Arabien zunehmend auf die innere Entwicklung, vor allem auf die Diversifizierung und Modernisierung der eigenen Wirtschaft, etwa durch die „Saudi Vision 2030“.*** Die Außenpolitik wurde eher sekundär und der Fokus tendierte dabei zur de-eskalation, mit einem starken Fokus auf der Wahrung territorialer Integrität, unter dem Hauptziel den Kollaps souveräner Staaten und Regierungen zu vermeiden.***

Demgegenüber nimmt für die VAE die Geo- und Außenpolitik eine zentrale Rolle bei der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung des Landes ein, da sich die VAE als „Hub“ des vernetzen Handels der Region sehen.* Die VAE verstehen ihre außenpolitische Strategie dabei durchaus interventionistisch und sind nicht besonders daran interessiert, bereits bestehende, aber brüchige oder fragile Staaten und Ordnungen zu erhalten, sondern untergraben diese auch, falls sich die Möglichkeit, etwa durch lokale Gruppen mit einer soliden Machtbasis, ergibt.**

Der tendenziell VAE-Nahe Journalist Nadim Koteich bringt das, was er die „Abu Dhabi Doktrin“ nennt, prägnant und unverblümt auf den Punkt: „Abu Dhabi did not set out to destroy the liberal international order. It set out to ensure that the Emirates would prosper whatever happened to the liberal international order.”*

Neben diesen unterschiedlichen Strategien wird ein Teil der Divergenz natürlich auch durch die natürliche Konkurrenz zweier Regionalmächte ausgemacht, die beide darauf aus sind, Einfluss und Monopolstellungen (etwa im Warenhandel oder bei regionalen Unternehmenssitzen), zwangsläufig auf Kosten des anderen, zu gewinnen.*

 Resümee

Der Riss zwischen Saudi-Arabien und den VAE ist aktuell nicht zu ignorieren, das zeigen die Geschehnisse im Sudan, Jemen und am Horn von Afrika. Auch ist diese Divergenz zurzeit ein beliebtes Thema journalistischer Kommentare und Analysen.********

Die Lage entwickelt sich aktuell dynamisch und der Ausgang ist noch offen. Nach der Niederlage im Jemen und den Problemen in Somalia, liegt zuerst die Vermutung nahe, dass sich die VAE zurückziehen und ihre außenpolitischen Ambitionen zurückfahren werden. Der Analyst Cameron Hudson betont allerdings, dass sich dies erst in der Zukunft zeigen wird und merkt an: „in the past, when they have been boxed in, the UAE has doubled down and fought their way out”.* In der Tat scheint es aktuell besonders im Südjemen so, dass der STC (und dadurch wohl auch die VAE) weit davon entfernt sind, „aufzugeben“, ebenso wütet der Krieg im Sudan weiter. Auch die Ausweitung auf weitere Länder droht, beispielsweise spitzen sich die unüberbrückbaren Konflikte in Somalia immer weiter zu und auch weitere Länder in der Region sind hoch instabil, wie bspw. der Tschad, mit mehreren bewaffneten und missgestimmten Gruppen, auch aufgrund Débys Unterstützung der RSF**.****

Besorgniserregend ist außerdem die fortschreitende Involvierung Äthiopiens.** Der Krieg im Sudan wird dadurch weiter befeuert und neue Regionen werden in die Kampfhandlungen hineingerissen. Falls die Konflikte zwischen Äthiopien und Eritrea oder den Rebellengruppen im Norden außerdem eskalieren, droht weiteres Leid in großem Maße.

Bei all dem soll noch einmal betont werden, dass es sicherlich weit übertrieben wäre, die Konflikte der Region einfach als einen „Stellvertreterkrieg“ zu bezeichnen. Alle genannten Konflikte besitzen fundamental und schlussendlich ihre eigenen Logiken und prinzipiell speisen sich alle aus diversen hausgemachten Motiven und Konfliktlinien. 

Der Riss zwischen Saudi-Arabien und den VAE erscheint aktuell zwar tiefer denn je, und in den letzten Monaten war die Konfrontation direkter als sonst, doch auch eine Bezeichnung als „Kalter Krieg“ (wie es für den Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran oft gebräuchlich war)*** scheint hierfür weit überzogen, korrekter ist die Bezeichnung der derzeitigen Auseinandersetzung als Rivalität oder Konkurrenzsituation.

Saudi-Arabien und die VAE verbindet eine lange Geschichte, sowie eine tiefe wirtschaftliche Integration und Vernetzung mit der gesamten Region und zwischen beiden Ländern. Beide Staaten haben weiterhin einen regen und aktiven diplomatischen Austausch und sind um gute und produktive Beziehungen bemüht. Auch „wahre“ ideologische Gegensätze zwischen den beiden sind viel kleiner als sie manchmal erscheinen oder dargestellt werden. Dennoch sind die Ambitionen und Strategien der beiden Staaten aufeinandergeprallt und es lässt sich vermuten, dass sich diese Gegensätze wohl nur zu den Ungunsten eines der beiden entscheiden lassen. Dies wird, aller Voraussicht nach, kein einfacher und auch kein schneller Prozess, sondern wird die Region noch auf die absehbare Zukunft prägen. 


campus a-Preis für Nachwuchsjournalismus

Werde Teil der campus a-Redaktion!

Verfasse auch du einen Beitrag auf campus a.

Empfehlungen für dich

Kommentar
0/1000 Zeichen
Advertisement