In Riegersburg riecht es nach geröstetem Kakao. Hier, in der Schokoladenfabrik von Zotter, endet die Reise der Kakaobohnen und gleichzeitig beginnt eine politische Debatte. Denn genau an diesem Punkt stellt das Lieferkettengesetz seine zentrale Frage. Wer trägt Verantwortung für das, was davor passiert ist?
Um das zu erklären, haben wir von campus a mit Julia Zotter, Mitinhaberin von Zotter Schokolade und Tochter des visionären Gründers Josef Zotter gesprochen. Gemeinsam mit ihr verfolgen wir den Weg einer Tafel Schokolade vom Kakaobaum bis nach Riegersburg.
Das Lieferkettengesetz verpflichtet Unternehmen dazu, Verantwortung für ihre gesamte Lieferkette zu übernehmen. Es geht nicht nur um die eigene Produktion, sondern auch um Arbeitsbedingungen bei Zulieferern, den Schutz vor Kinder- und Zwangsarbeit sowie um Umwelt- und Klimafragen. Unternehmen müssen Risiken erkennen, Maßnahmen setzen und dokumentieren, wie sie Menschenrechte und Umwelt schützen.
In Österreich gibt es derzeit noch kein eigenes Lieferkettengesetz. Stattdessen wird eine EU-Richtlinie vorbereitet, die große Unternehmen ab 2028 schrittweise zu mehr Sorgfalt verpflichtet. Direkt betroffen sind vorerst nur wenige Firmen. Die ursprünglich strengeren Vorgaben wurden auf EU-Ebene zuletzt abgeschwächt. Indirekt wirkt das Gesetz jedoch bereits jetzt, etwa wenn große Konzerne von ihren Zulieferern mehr Transparenz verlangen.
Wie das in der Praxis aussieht, zeigt sich besonders dort, wo Verantwortung entlang der Lieferkette schon heute gelebt wird. Ein Beispiel dafür ist die Zotter Schokoladenmanufaktur. Entlang dieses Weges zeigt sich Schritt für Schritt, was das Lieferkettengesetz von Unternehmen verlangt.
Zotter bezieht seinen Bio-Kakao aus Ländern wie Peru, Bolivien, Ghana, Uganda, Tansania oder der Dominikanischen Republik. Der Kakao stammt von ausgewählten Kooperativen, denen jeweils bis zu 1.000 Kakaobauern angehören. „Wir sind direkt mit den Kooperativen in Kontakt“, erklärt Julia Zotter. Allerdings bezieht das Unternehmen nur kleine Mengen Kakao und arbeitet innerhalb der Kooperativen mit wenigen Bauern im Qualitätssegment zusammen.
„Natürlich kennen wir nicht jeden einzelnen Bauern. Dafür sind die Mengen und Strukturen zu groß. Deshalb arbeiten wir ausschließlich mit anerkannten Bio- und Fairtrade-Zertifizierungen.“
Üblicherweise wird der Einkauf über Lieferverträge und dokumentierte Zertifizierungs- und Kontrollnachweise abgesichert. Zotter verlässt sich auf international anerkannte Standards wie Fairtrade oder FLO. Diese gelten als die höchsten und etabliertesten Zertifikate im fairen Handel und gelten als Nachweis für die Einhaltung sozialer und ökologischer Standards. Laut Julia Zotter sind diese Zertifikate sogar Voraussetzung für einen Kaufabschluss. Zudem wird die Lieferung erst übernommen, wenn nach der Bio-Kontrolle in Europa alle erforderlichen Papiere vollständig vorliegen.
Der Schutz vor Kinderarbeit ist ein zentrales Anliegen des Lieferkettengesetzes. Gerade im Kakaoanbau gilt sie international als großes Risiko. Julia Zotter verweist auf die Realität im Bio-Anbau. „Wer die Voraussetzungen für Bio-Zertifizierungen erfüllt und an den nötigen Schulungen teilnimmt, hat ein gewisses Bildungsniveau. Da ist Kinderarbeit kein Thema. Die Familien achten sehr darauf, dass ihre Kinder eine gute Ausbildung bekommen.“
Kinder helfen in landwirtschaftlichen Betrieben nach der Schule oder während der Haupternte mit. „Das passiert freiwillig im Familienverband“, sagt Zotter, „so wie man das auch von europäischen Bauernhöfen kennt.“ Entscheidend sei, dass Bildung Vorrang habe.
Eng damit verbunden ist der Schutz der Umwelt, insbesondere die Frage der Entwaldung. Beim Bio-Kakao sei dieses Risiko jedoch gering. „Bio-Kakao wächst nur unter einem natürlichen Blätterdach, idealerweise in Mischwäldern mit anderen Bäumen, die Schatten spenden“, erklärt Zotter. Neben Kakao bauen viele Bauern Bananen, Papayas oder andere Früchte an und sichern so ihr Einkommen.
Diese Anbauformen werden dokumentiert und in EU-Datenbanken erfasst, auch im Hinblick auf die kommende EU-Entwaldungsverordnung. „Wir bereiten uns darauf seit mehr als zwei Jahren vor“, sagt Zotter. Verzögerungen änderten nichts an den bestehenden Anforderungen.
Wie gelangen die Kakaobohnen von den Anbauländern nach Riegersburg?
Zotter arbeitet dafür mit Importpartnern zusammen, die die Verschiffung organisieren, die Ware versichern und den zuvor vereinbarten Preis im Auftrag des Unternehmens an die Kooperativen auszahlen. „Es herrscht völlige Kostentransparenz“, erklärt Julia Zotter.
Ein Teil des Kakaos aus Belize wird sogar per Segelfrachter transportiert. Das ist die umweltschonendste Transportform, allerdings auch mit deutlich höheren Kosten verbunden. „Es ist ein Anfang“, sagt Zotter. „Wir wollen zeigen, dass Alternativen möglich sind und sich weiterentwickeln können.“
Wo es keine emissionsarmen Optionen gibt, wird zumindest auf Effizienz geachtet. Durch die Zusammenarbeit mit Importpartnern wird das Containervolumen bestmöglich ausgelastet, um unnötige Leerflächen zu vermeiden. Andere realistische Transportmöglichkeiten gibt es derzeit kaum. Sozialrisiken sieht Zotter im Transportbereich nicht, da dieser international streng reguliert und standardisiert ist.
Während viele Schokoladenhersteller Teile der Produktion auslagern, macht Zotter alles selbst. Rösten, Mahlen, Walzen, Conchieren. Die komplette Bean-to-Bar-Produktion findet in Riegersburg statt. Das hat auch rechtliche Vorteile. Jeder Verarbeitungsbetrieb muss Hygienevorschriften befolgen und Prüfmaßnahmen dokumentieren. „Wir können ausschließen, dass Fehler aus vorherigen Produktionsstufen unsere Produkte beeinflussen“, so Zotter. Das erleichtert Kontrolle, Dokumentation und Qualitätssicherung. „Somit können wir Innovationen direkt umsetzen und mit neuen Rezepten experimentieren.“
Das Lieferkettengesetz verpflichtet Unternehmen dazu, regelmäßig zu analysieren, wo entlang der Lieferkette die größten Risiken liegen. Bei Zotter liegt der Fokus klar auf dem Kakaoanbau. „Ohne Bohnen keine Schokolade. Wenn der Rohstoff fehlt, helfen auch die besten Rezepturen nicht“, sagt Julia Zotter.
Klimabedingte Ernteausfälle, Umweltkatastrophen und schwankende Erträge verschärfen die Situation vor Ort. Zotter begegnet diesen Risiken mit langfristigen Partnerschaften, fairen Preisen und enger Zusammenarbeit mit Importpartnern, um auch in Zeiten knapper Rohstoffe verlässlich beliefert zu werden.
Der direkte Austausch mit den Partnern ist dabei zentral. Zotter trifft sie regelmäßig auf internationalen Bio-Messen. „Mit unserem vergleichsweise kleinen Volumen von rund 300 Tonnen Kakaobohnen pro Jahr wären wir am Weltmarkt sonst kaum sichtbar“, so Zotter.
Zertifikate, Herkunftsnachweise und Prüfberichte sammeln die Importpartner und laden sie in die vorgesehenen EU-Datenbanken hoch. So erfüllt Zotter die gesetzlichen Dokumentationspflichten und bereitet sich zugleich auf kommende Vorgaben wie die EU-Entwaldungsverordnung vor.
Meldesysteme für mögliche Missstände gibt es direkt bei den Kakaokooperativen vor Ortund nicht bei Zotter selbst. „Wir sind dort Kunden, keine Eigentümer. Wir besitzen keine eigenen Kakaoflächen“, erklärt Julia Zotter. Als Mitglied der World Fair Trade Organization stehen Bauern, Arbeitnehmern und externen Personen anonyme Beschwerdewege offen.
Werden Verstöße gemeldet, zieht das klare Konsequenzen nach sich. „Bei Unregelmäßigkeiten wird eine Kooperative gesperrt, bis die Ursachen behoben sind“, erklärt Zotter. In Ländern, die noch neu im fairen Handel sind oder sich in der Bio-Umstellung befinden, brauche es Zeit, bis stabile Strukturen entstehen. „In den zwei Jahren bis zur ersten Zertifizierung kann es zu Unsicherheiten kommen, bis die Früchte der Umstellung geerntet werden können.“
Für Zotter ändert das Lieferkettengesetz überraschend wenig. Viele der geforderten Maßnahmen sind im Unternehmen seit Jahren gelebte Praxis. Kritischer sieht Zotter die politische Ebene. „Vorgaben müssen in der Praxis umsetzbar sein. Berichte und Datenbanken sollten übersichtlich und einheitlich gestaltet werden.“
Gleichzeitig steht das Lieferkettengesetz auf europäischer Ebene unter politischem Druck. Die ursprünglichen Vorgaben wurden zuletzt abgeschwächt und der Kreis der verpflichteten Unternehmen verkleinert. Wirtschaftsvertreter begrüßen diese Entwicklung, Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen warnen hingegen vor einem Verlust an Verbindlichkeit. Wie stark das Gesetz künftig wirkt, hängt daher von politischen Entscheidungen ab.
In Riegersburg endet die Reise der Kakaobohnen. In der Schokoladenfabrik entsteht daraus eine Tafel, die später im Supermarktregal landet. Das Lieferkettengesetz erinnert daran, wie wichtig Menschen, Umwelt und Verantwortung am Anfang dieser Lieferkette sind.
Am Beispiel Zotter wird deutlich, wie sehr Transparenz, faire Beziehungen und nachvollziehbare Entscheidungen entlang der Lieferkette zählen. Jede Tafel Schokolade erzählt eine Geschichte. Das Lieferkettengesetz soll Ausbeutung verhindern und eine faire Herstellung fördern.
Verfasse auch du einen Beitrag auf campus a.