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Vier Wochen Faktencheck bei der Austria-Presseagentur

An den meisten Krankenhäusern wird die Nabelschnur zu früh durchgeschnitten. Stimmt das? Meine vier Wochen als Faktencheckerin.
Marietta Dümont  •  2. Februar 2026 Volontärin    Sterne  20
Hier beginnt die Recherche. In der Faktencheck-Redaktion der APA werden Falschbehauptungen systematisch überprüft. (Foto: APA-Images / Weingartner-Foto / Ernst Weingartner)
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Es ist 9.30 Uhr, mein Kaffee steht noch unberührt neben der Tastatur. Auf dem Bildschirm vor mir sehe ich einen Facebook-Beitrag mit mehreren tausend Interaktionen. „In Island dürfen Politiker nicht lügen. Tun sie es doch, droht sofortiger Amtsverlust“, steht darüber. Ich markiere den Satz, kopiere ihn in ein Excel-Dokument und starte mit meiner Recherche. Wer hat den Beitrag veröffentlicht? Kann das stimmen? Zehn Minuten später markiere ich die Spalte mit dem Titel in meiner Datei grün. Die Quelle existiert nicht. Die Aussage ist falsch. 

Mein Weg in den Faktencheck 

Im vergangenen Winter schickte mir eine Professorin der Universität Wien, wo ich Publizistik- und Kommunikationswissenschaft studiere, eine E-Mail mit der Einladung zu einem kostenlosen Faktencheck-Kurs bei der Austria Presse Agentur (APA). Als ich dort wenig später in einem Besprechungsraum sitze und den Vortragenden zuhöre, wird schnell klar, wie wichtig Faktenchecks für den Journalismus geworden sind. Aussagen, die plausibel klingen, zerfallen bei genauer Prüfung. Bilder erzählen andere Geschichten als ihre Beschriftungen. Mir wird klar, wie leicht Wahrnehmung steuerbar ist, auch die von Menschen, die sich für informiert halten. Ich frage die Referenten nach einem Praktikumsplatz bei der APA und neun Monate später ging es nach zwei Tagen Testphase los. Mit 960 Euro netto monatlich, doch darum geht es nicht. Ich will etwas Sinnvolles tun.

Der Arbeitsalltag im Faktencheck-Team 

„In den meisten Krankenhäusern wird die Nabelschnur zu früh durchgeschnitten“, lese ich in einer Facebook-Gruppe. Gesundheitsthemen und Mythen über den Klimawandel tauchen dort häufig auf. Nachdem mein Team die Aussage freigibt starte ich mit der Recherche. Dafür informiere ich mich über die Durchtrennung der Nabelschnur auf verschiedenen Gesundheitsportalen und bitte ein Krankenhaus um Stellungnahme. Jede Aussage, die ich lese, prüfe ich erneut. Das Ergebnis meiner Recherche erscheint am nächsten Tag als Faktencheck auf der Website der APA und bei Partnern. Dort können ihn die Menschen lesen, die der ursprünglichen Behauptung bereits begegnet waren. 

Faktenchecks: ein Ressort mit wachsender Bedeutung 

Dank Social Media steigt der Bedarf an verlässlicher Überprüfung rasant. Das Faktencheck-Team der APAprüft täglich politische Behauptungen, Videos aus Kriegsgebieten oder vermeintliche Studien aus dem Gesundheitsbereich, oft zu Schwangerschaften und Impfungen. Ein überprüfter Beitrag kann dazu führen, dass Inhalte gelöscht, Beiträge korrigiert oder Behauptungen zurückgezogen werden. Falschinformationen verbreiten sich besonders schnell, wenn sie Angst auslösen oder bestehende Überzeugungen bestätigen. In Pandemiezeiten oder bei Kriegen können sie Misstrauen schüren und politische Entscheidungen beeinflussen. 

Was vom Faktencheck bleibt 

Mein Kaffee ist inzwischen kalt, der Facebook-Beitrag überprüft, der Faktencheck wartet im System auf die Veröffentlichung. Ich öffne Facebook erneut und scrolle durch die neuen Beiträge, wo neue Falschbehauptungen darauf warten, von mir überprüft zu werden. Die Arbeit ist nie ganz erledigt. Würde ich jemandem, der sich mit Faktenchecks noch nicht auskennt, Tipps geben, wären es diese fünf: 

1.     Immer zur Originalquelle zurückgehen. Ein Facebook-Nutzer teilt die Ergebnisse einer Studie über vermeintliche Impfschäden und interpretiert sie falsch. 

2.     Misstrauisch bei dubiosen Studien ohne Autor oder Institution sein. 

3.     Bei Fotos den Kontext beachten. Ein Foto aus der Ukraine ist bereits zwei Jahre alt und stammt aus einem anderen Ort, als angegeben. 

4.     Experten fragen, anstatt nur zu recherchieren. Ein Arzt gibt Entwarnung zu einer Behauptung über den Zusammenhang von Paracetamol und Autismus. 

5.     Lieber einmal zu viel prüfen als einmal zu wenig. 

Faktencheck gilt oft als trockene Kontrollarbeit, doch für mich ist es eine besonders spannende, verantwortungsvolle Form von Journalismus, die einen kleinen Beitrag zu einer besser informierten Welt leistet. 

Übrigens: Die Sache mit den Nabelschnüren ließ sich nicht bestätigen. Tatsächlich halten sich Krankenhäuser im Regelfall an die offiziellen Empfehlungen, die Nabelschnur nach etwa einer Minute zu durchtrennen. Nur in Ausnahmefällen und wenn Komplikationen auftreten, entscheiden sich Ärzte manchmal für eine verfrühte Abnabelung. 


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