Von Mietrechtsverteidigungen in der Steiermark zur Strafverteidigung in aufsehenerregenden Kriminalfällen in Wien. Astrid Wagner zählt heute zu den bekanntesten Anwältinnen Österreichs. Mit einer bewusst klein gehaltenen Kanzlei und persönlicher Betreuung ihrer Klientinnen und Klienten hat sie sich einen Namen gemacht. Nicht zuletzt durch prominente Fälle wie die Verteidigung von Josef Fritzl oder ihre Tätigkeit in mehreren Femizid-Verfahren. campus a hat mit Wagner über ihren beruflichen Werdegang, ihre Arbeit und über Femizide in Österreich gesprochen.
campus a: Sie sind keine klassische Juristin, erklären Sie auf Ihrer Homepage. Wie das?
Wagner: Ich sehe die Juristerei eher als eine Art Werkzeug, das es gut zu beherrschen gilt. Ich liebe Sprachen und Kunst und kann vernetzt Denken, Zusammenhänge erkennen. Das Leben ist weniger schematisch, als es klassische Anwälte gerne hätten, es hat so viele Facetten, dass die Paragraphen nicht immer ausreichen. Paragraphen sind nicht die letzte Warheit.
campus a: Warum ausgerechnet Strafrecht?
Wagner: Das Strafrecht hat mich einfach sehr interessiert, weil es um Psychologie und Menschenkenntnis geht, um Kreativität und überzeugende Rhetorik.
campus a: Wo ziehen sie bei Frauenmördern die Grenze zwischen professioneller Verteidigung und moralischer Distanz?
Wagner: Eine Grenze zu ziehen, ist für mich hier der falsche Ansatz. Es ist etwas passiert und die meisten Leute, die ich vertrete, sehen das selbst ein und bereuen ihre Taten. Nur ein einziges Mal hatte ich einen Fall, einen Ehrenmord, bei dem die Familie und der Täter keine Reue gezeigt haben. Das hat mich auch wirklich gestört. Im Regelfall sind die Angeklagten entweder unschuldig oder sie hatten sich für ein paar Sekunden nicht unter Kontrolle und würden die Zeit gerne zurückdrehen. Das bedeutet nicht, dass an einem Femizid irgendetwas zu beschönigen wäre.
Eine moralische Grenze zu ziehen ist für mich fehl am Platz.
campus a: Wer bezahlt Sie in solchen Fällen?
Wagner: Meistens die Familie meiner Klienten. Der Staat übernimmt ja entgegen verbreiteter Annahmen die Pflichtverteidigung nicht sondern zahlt nur bei einem Freispruch.
campus a: Wie fühlt es sich an, Frauenmördern zu helfen?
Wagner: Es ist bedauernswert zu sehen, wie manche Menschen so viel Schuld auf sich geladen haben. Ich helfe Ihnen, sie zu bewältigen. Das ist sinnvolle Arbeit leiste und die Menschen sind mir dankbar dafür. Deshalb erlebe ich meinen Beruf als erfüllend. Ich bin kein Partner-in-Crime, sondern mache die Strafverteidigung. Die Tat ist passiert und lässt sich nicht mehr ungeschehen machen.
campus a: Was löst das Leid der weiblichen Opfer bei Ihnen aus?
Wagner: Als Opfer würde ich das Mitleid der anderen nicht haben wollen. Die meisten sind Heuchler, wirkliches Mitgefühl mit den Opfern ist selten und kommt dann meist von Verwandten. Die Fälle aus den Zeitungen sind den meisten Menschen emotional egal, sie finden sie höchstens aufregend.
campus a: Gibt es Fälle, die Sie grundsätzlich nicht übernehmen würden?
Wagner: Schwer zu sagen. Es hängt bei mir oft davon ab, ob die Chemie stimmt. Da war einmal eine Frau, die einen Hund umgebracht hatte, und zwischen uns hat es nicht wirklich gepasst. Ich habe den Fall trotzdem übernommen und es bereut. Wegen eines bestimmten Tatvorwurfes würde ich keinen Fall ablehnen. Sag niemals nie, ist hier meine Devise.
campus a: Wie verarbeiten Sie belastende Fälle abends daheim?
Wagner: Kalt lässt einen so etwas nie. Dennoch bleibt es für mich ein Beruf. Wer im Laufe der Jahre so viele Schicksale erlebt hat, lernt ganz von selbst, Abstand zu wahren und sich emotional zu distanzieren. Alles kann Routine werden und Menschen, bei denen das nicht der Fall ist, sollten sich einen anderen Job suchen. Außerdem ist das trotzdem nicht mein Leben. Egal, wie das Verfahren endet, es ist das Schicksal anderer, nicht meines.
campus a: Die Femizide häufen sich. Heuer sind es bereits zwei, in einem Fall sind Sie die Strafverteidigerin. Dieser Fall ereignete sich im Jänner in der Steiermark. Die Polizei fand die Leiche der Frau vergraben in einem Waldstück. Der Cobra-Beamte, der unter Verdacht steht, hatte sie zu dem Fundort geführt.
Wagner: Das ist furchtbar, aber in Bezug auf den Fall des Cobra-Beamten, den Sie ansprechen, handelt es sich meiner Meinung nach eher nicht um einen Femizid. Der mutmaßliche Täter wird sofort als Mörder abgetan und das, obwohl er nicht überführt ist. So etwas stört mich dann. Es wird immer reflexartig alles in einen Topf geworfen, samt medialer Vorverurteilung. Unschuldsvermutung? Uninteressant. Die Öffentlichkeit will Blut sehen.
campus a: Was tun Sie privat, um den Kopf freizubekommen?
Wagner: Zeit in der Natur verbringen. Aus der Natur und den Tieren schöpfe ich Kraft. Ich habe drei Katzen und mich schon als Kind zu Tieren hingezogen gefühlt. Partys und andere Veranstaltungen besuche ich kaum.
campus a: Sind Schreiben und machen einen Podcast. Ist das auch Teil Ihres Selbstschutzes?
Wagner: Auf jeden Fall. Bereits als Kind verfasste ich eigene Gedichte, Geschichten und andere Texte. Reden über die Dinge, die mich beschäftigen, hilft auch. Dafür braucht es die richtigen Menschen. Auch die Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens gibt mir Kraft. Ich denke, dass am Ende doch alles irgendeinen Sinn hat.
campus a: Was sind die großen öffentlichen Missverständnisse bei Mordverfahren zu Femiziden?
Wagner: Das Schicksal der Angehörigen des mutmaßlichen Täters ist zu selten Thema. Für sie gibt es im Vergleich zu den Angehörigen der Opfer keine Anlaufstellen oder unterstützende Einrichtungen. Dabei sind auch sie Betroffene, mit oft großem Leid. Vor allem aber setzen viele Menschen Täter mit ihrer Tat gleich. Täter darauf zu reduzieren, ist aber ein Fehler.
Diese Menschen sind, obwohl sie Schreckliches getan haben, nicht nur böse. Jeder Mensch hat viele Facetten.
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