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Mord am Friedhof: Das Verbrechen hätte sich verhindern lassen

Sie war in psychiatrischer Behandlung, ehe sie den Mord beging: Warum die Tat einer 14-Jährigen, die gestand, eine Frau auf einem Friedhof erstochen zu haben, absehbar war.
Bernadette Krassay  •  25. Februar 2026 CvD    Sterne  868
Was minderjährige Straffällige eint, sind biografische Brüche, Überforderung, Traumatisierungen und allen voran ein Mangel an frühzeitiger, wirksamer Prävention. (Foto: Shutterstock)
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Das Entsetzen war groß: Eine 14-Jährige soll eine 64-jährige Frau auf einem Wiener Friedhof mit zahlreichen Messerstichen getötet haben. Wie kann so etwas passieren? Wer hat welche Fehler gemacht? Doch der Fall wirft eine unbequeme Frage auf, die über individuelles Versagen hinausgeht: Das Mädchen war zuvor in psychiatrischer Behandlung. Wie gut schützen wir psychisch belastete Kinder und Jugendliche vor sich selbst und vor Taten, die ihr Leben unwiderruflich zerstören? Wieviel Verantwortung haben wir für die Opfer, die dabei entstehen?

Niemand kommt als Verbrecher zur Welt

Kinder- und Jugendkriminalität wachsen, die Gewaltbereitschaft der jungen Generationen steigt. Dabei hätten wir eine Handhabe, Opfer zu verhindern. Denn viele minderjährige Täter hat das psychiatrische System bereits vor ihren Taten erfasst. Eine bessere Form der Prävention, als dort anzusetzen, gibt es nicht.

Kinder und Jugendliche handeln nicht, weil sie „böse“ sind. Niemand kommt als Verbrecher zur Welt, wie noch der italienische Kriminologe Cesare Lombroso im 19. Jahrhundert annahm. Aus Sicht der heutigen Kriminologie ist klar, Kriminalität entsteht durch das Zusammenspiel von individuellen Belastungen, Umwelteinflüssen, sozialen Bedingungen und biografischen Erfahrungen.

Was minderjährige Straffällige eint, sind biografische Brüche, Überforderung, Traumatisierungen und allen voran ein Mangel an frühzeitiger, wirksamer Prävention. Gerade deshalb braucht es einen Perspektivwechsel. Wir müssen verstörte, gebrochene, traumatisierte und in der Folge verhaltensauffällige Kinder vor sich selbst und die Gesellschaft vor ihrem kriminellen Potenzial schützen, und zwar mit Mitteln der Kinder- und Jugendpsychiatrie. 

Jugendliche Straftäter mit psychiatrischer Diagnose

Wie eng psychische Belastungen und Jugendkriminalität zusammenhängen, zeigt auch die Forschung. In einer österreichischen Studie untersuchten Wissenschaftler psychosoziale Belastungen bei 294 inhaftierten Mädchen und Buben. Die Ergebnisse zeichnen ein bedrückendes Bild: 91 Prozent der Mädchen und 79 Prozent der Buben berichteten von innerfamiliären Missbrauch oder schwere Verlusterfahrungen. Massive schulische Probleme zeigten 76 Prozent der Mädchen und sogar 88 Prozent der Buben. Auffällig ist auch, dass viele der Jugendlichen bereits vor ihren Straftaten psychiatrische Behandlungen in Anspruch nahmen: 57 Prozent der Mädchen und 29 Prozent der Buben taten das. Das System kannte demnach viele dieser Jugendliche bereits. 

Diese Befunde betreffen nicht nur Österreich. Internationale Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Eine groß angelegte US-amerikanische Untersuchung zeigt, der überwiegende Teil der inhaftierten Jugendlichen erfüllt mindestens eine psychiatrische Diagnose. Besonders häufig treten sogenannte externalisierende Störungen auf, also Verhaltensauffälligkeiten, Impulsdurchbrüche, Aggressionen. Wer diese Warnzeichen früh erkennt, erkennt auch, Gewalt entsteht selten aus dem Nichts. Sie kündigt sich an, der Staat müsste nur genau hinsehen.

Nichthandeln kostet Leben

Hier liegt die Verantwortung der Kinder- und Jugendpsychiatrien. Wenn sie erst in den Strafvollzugsanstalt zu handeln beginnen, kommen sie zu spät. Sie müssen systematisch Präventionskonzepte anwenden, noch bevor die jeweiligen Jugendliche straffällig werden. Sie müssen bei stationärer Aufnahme Risiken abklären, die potenziellen Straftäter erkennen und mit ihnen arbeiten. 

Der Fall der 14-Jährigen beweist kein Versagen einzelner Ärzte oder Einrichtungen. Er sendet ein Warnsignal an ein System, das noch immer zu oft reagiert, statt zu rechtzeitig zu agieren. Prävention kostet Geld, Zeit und Personal. Aber Nichthandeln kostet Leben, die der Opfer und die der Kinder, die zu Tätern werden können.

 

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