2020 publizierten Forschende der Federal University of Rio Grande eine großangelegte Studie, die den Zusammenhang zwischen Umweltbedingungen und der Färbung von Schmetterlingen untersuchte. Die Ergebnisse zeigen, dass sich mit steigenden Temperaturen zunehmend hellere Farbvarianten durchsetzen. In der Forschung ist dieser Trend als „Ausbleichen“ von Artengemeinschaften bekannt. Warum ist das so?
Der Grund liegt in der Thermoregulation: Dunkle Oberflächen absorbieren mehr Sonnenstrahlung und erwärmen sich schneller, während helle Farben Licht reflektieren und dadurch kühler bleiben. Bei wärmeren Klimabedingungen kann dieser Unterschied das Überleben sichern.
Was zunächst wie ein Detail wirkte, das einzelne Arten betreffen kann, entpuppte sich inzwischen als globales Muster. Der Klimawandel verändert nicht nur die Verbreitung von Arten, sondern auch ihr Aussehen. Tiere und Pflanzen verlieren an Farbintensität, ganze Artengemeinschaften werden blasser. Der Effekt ist subtil, aber ökologisch hoch relevant.
Ausbleichen ist nicht gleich Ausbleichen
Bekannt ist das Phänomen vor allem aus den Meeren: Korallenriffe verlieren durch Hitzestress ihre symbiotischen Algen und damit ihre Farbe. Sie bleichen aus. An Land funktioniert der Prozess anders. Hier geht es meist nicht um ein plötzliches Weißwerden, sondern um eine beeinträchtigte Pigmentproduktion oder um evolutionäre Verschiebungen innerhalb von Populationen.
„Hitzestress, Trockenheit oder eine veränderte Nährstoffverfügbarkeit können die Bildung von Farbstoffen wie Anthocyanen oder Carotinoiden bei Pflanzen sowie Melanin bei Tieren reduzieren“, erklärt Johann Zaller, Professor für Zoologie an der Wiener Universität für Bodenkultur. Das Ergebnis sind blassere Blüten, mattere Federn oder eine weniger intensive Haut- und Fellfärbung.
Über längere Zeiträume führt dieser Selektionsdruck dazu, dass sich hellere Varianten innerhalb von Populationen häufiger durchsetzen. Dadurch verändert sich nicht nur das Erscheinungsbild einzelner Arten, sondern die Zusammensetzung ganzer Artengemeinschaften.
Blick nach Österreich
Auch in Österreich lassen sich solche Entwicklungen beobachten, wenn auch weniger spektakulär als in den Tropen. Systematische Langzeitdaten fehlen bislang, doch zahlreiche Einzelbefunde zeichnen ein klares Bild.
Bei Pflanzen gibt es Hinweise, dass Hitze- und Dürrestress Blütenfarben abschwächt. Pigmente schwinden, Blüten wirken weniger leuchtend, mit möglichen Folgen für die Bestäubung. Denn viele Insekten orientieren sich am Farbspektrum, oft auch im UV-Bereich. Verblasste Blüten sind schwerer zu finden, der Fortpflanzungserfolg sinkt.
Vor allem in alpinen und urbanen Lebensräumen zeigen sich zudem Verschiebungen bei Tieren, die auf den ersten Blick überraschen mögen.
Der Marienkäfer als Klimazeiger
Besonders auffällig ist die Entwicklung beim Marienkäfer. Kaum ein Insekt steht so sehr für Farbe wie er: leuchtendes Rot mit schwarzen Punkten. Doch in europäischen Populationen nehmen dunkle Farbformen ab.
Dunkle Marienkäfer waren in kühleren Klimata im Vorteil, doch mit steigenden Temperaturen, etwa durch den Klimawandel, verliert dieser Vorteil an Bedeutung. In Städten, die als Wärmeinseln wirken, ist dieser Trend besonders gut dokumentiert. Die Käfer werden heller, nicht aus ästhetischen Gründen, sondern weil es ihre Überlebenschancen erhöht.
Ähnliche Muster finden sich auch bei anderen Arten, etwa bei Baumschnecken, deren Gehäusefarben und Bänderungen sich in warmen, sonnigen Habitaten zunehmend in Richtung hellerer Varianten verschieben.
Wenn die Farbe nicht mehr zur Umgebung passt
Noch gravierender sind Fälle, in denen sich nicht die Farbe selbst verändert, sondern ihre Abstimmung mit der Umwelt verloren geht. Ein klassisches Beispiel dafür ist das Schneehuhn.
Im Winter wechselt es zur Tarnung zu einem weißen Gefieder. Doch durch kürzere und schneeärmere Winter bleibt diese Weißfärbung oft länger bestehen als die Schneedecke. Vor braunem, schneefreiem Untergrund ist das Tier plötzlich auffällig sichtbar und es entsteht ein sogenannter „Camouflage Mismatch“.
„Das ist kein kosmetisches Problem, sondern hat reale Folgen für die Spezies“, betont Zaller. Die Sichtbarkeit für Fressfeinde steigt, das Prädationsrisiko nimmt zu, Populationen können geschwächt werden. Ähnliche Fehlanpassungen werden auch beim Hermelin und beim Schneehasen beobachtet.
Ein frühes Warnsignal
Warum all das so problematisch ist, liegt an der Rolle von Farbe in der Natur. Sie dient der Tarnung, der Partnerwahl, der Bestäubung und der Thermoregulation. Verändert sich die Färbung, geraten diese Funktionen aus dem Gleichgewicht.
Der Farbverlust ist daher kein Randphänomen, sondern ein frühes Warnsignal. Er zeigt an, dass Organismen unter Stress stehen und sich schneller anpassen müssen, als es evolutionär möglich ist.
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