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Yacht-Saison: Reiche entleeren „Shit-Tanks“ im Meere

Tagsüber glänzen die Yachten im Sonnenlicht, abends bewundern sie neugierige Spaziergänger in den Häfen. Doch ihre Eigentümer verbindet eine schmutzige Wahrheit. Statt die kostenpflichtigen Einrichtungen dafür zu nützen, entleeren sie ihre „Shit-Tanks“ kurzerhand direkt ins Meer. Das deckt ein Insider im Gespräch mit campus a auf.
Georg Krierer  •  11. März 2026 Redakteur    Sterne  124
Luxusyachten liegen dicht an dicht in den Marinas des Mittelmeers. Hinter der glänzenden Fassade der schwimmenden Paläste landet ihr Abwasser häufig direkt im Meer. (Foto: Shutterstock)
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Palma de Mallorca wirkt wie ein Schaufenster für globalen Reichtum. Entlang des Paseo Marítimo spazieren Touristen zwischen Bars, Boutiquen und Restaurants, während im Wasser Superyachten dicht an dicht liegen. Auf den Decks stehen Helikopter, Tenderboote und Jetskis, Crewmitglieder polieren Edelstahlgeländer, Gäste trinken Champagner in der Abendsonne. Für Durchschnittsverdiener verkörpern diese Schiffe Freiheit und Luxus. Unter der Wasseroberfläche verbirgt sich jedoch eine Realität, über die in der Branche kaum jemand öffentlich spricht.

Ein Koch, der seit fünfzehn Jahren auf Privatjachten arbeitet, beschreibt einen Alltag, der in Kontrast zum glänzenden Image der Yachting-Szene steht. Florian Berger (Name von der Redaktion geändert), arbeitete in Marinas in Spanien, Frankreich, Griechenland, Italien und Kroatien. In all diesen Häfen stellte sich für ihn irgendwann dieselbe Frage: Wohin verschwindet eigentlich das gesamte Schwarzwasser (Schmutzwasser inklusive Abwässern der Toilettenanlagen) eines Schiffes, auf dem oft mehr als zwanzig Menschen leben und arbeiten? 

Die globale Superyacht-Industrie wächst seit Jahren rasant. Branchenstatistiken zählen heute mehr als 5.500 Yachten mit mehr als 24 Metern Länge weltweit. Viele dieser Schiffe verbringen ihre Sommermonate im Mittelmeer. In Häfen wie Palma de Mallorca, Antibes, Monaco oder Porto Cervo konzentriert sich ein erheblicher Teil dieser Flotte. Die 10-Meter-Modelle dazu gerechnet sind in der Hauptsaison zehntausende Boote auf den Meeren unterwegs, und wo Menschen sind, entsteht Abwasser.

Das Ventil um drei Uhr morgens

Die Antwort, wo das Abwasser hinfließt, bekam Berger während einer Nachtwache. Ein Kapitän erklärte ihm, er solle sich einen Wecker stellen und um drei Uhr früh auf die Brücke kommen. Dort müsse er lediglich einen Knopf drücken, um die Tanks zu leeren. Auf Nachfrage erklärte der Kapitän, der Zeitpunkt diene vor allem dazu, Beschwerden zu vermeiden. Um diese Uhrzeit bemerke niemand den Gestank. 

Erst später erkannte Berger, was dieser Knopfdruck bewirkte. Die Ventile der Abwassertanks öffneten sich und der gesamte Inhalt floss ins Meer. In der Schifffahrt trägt dieser Inhalt eine klare Bezeichnung: Schwarzwasser. Der Begriff beschreibt eine Mischung aus Stoffen, die für marine Ökosysteme problematisch sein können. Neben Fäkalien und Urin enthält Abwasser von Schiffen auch Reinigungsmittel, Chemikalien aus Bordtoiletten, Mikroplastik aus Waschmaschinen sowie Nährstoffe wie Stickstoff und Phosphor. Hinzu kommen häufig Fäkalbakterien, Medikamentenrückstände, Desinfektionsmittel und Ölspuren aus dem Schiffsbetrieb. Diese Stoffe können das Wachstum von Algen fördern, den Sauerstoffgehalt im Wasser senken und empfindliche Ökosysteme in Küstengewässern schädigen. In geschlossenen Hafenbecken können sich solche Belastungen besonders stark anreichern und sowohl Meereslebewesen als auch Badende gefährden. „Die Reichen scheißen unsere Meere voll“, ärgert sich Berger.

Eine Verschwörungstheorie? Eine leere Behauptung im Schutz der Anonymität? Oder kann das wirklich stimmen? campus a recherchierte weiter und fand einen österreichischen Meeresbiologen, der sich mit diesem Thema seit Jahren beschäftigt. „Das ist ein riesiges Problem“, sagt Robert Hochrichter, der das Phänomen unter anderem anhand der kroatischen Insel KRK untersucht und beschrieben hat. „Mit Satelitensystemen wären diese Gesetzesverstöße leicht erkennbar“, so der Experte, doch niemand wendet sie an. Selbst wenn ein Fall auffliegt, sind die Strafen zu niedrig, um für Yachtbesitzer eine Rolle zu spielen. Ganz abgesehen davon, dass sich die Reichen notfalls gegenseitig decken. „Denn wie es aussieht, tun das fast alle.“

Gerade im Mittelmeer könne sich diese Belastung besonders stark auswirken, so Hofrichter weiter. „Das Meer ist vielerorts nur fünfzig bis siebzig Meter tief“, erklärt er. 

Eigentlich verbieten internationale Regeln dieses Vorgehen. Grundlage bildet die sogenannte Marpol-Konvention, ein weltweites Abkommen zur Vermeidung von Meeresverschmutzung durch Schiffe. Demnach müssen größere Yachten entweder zertifizierte Abwasseraufbereitungsanlagen besitzen oder ihre Tanks in Häfen über spezielle Entsorgungssysteme leeren. Yachten mit mehr als fünfzehn Personen an Bord oder mehr als 400 Bruttoregistertonnen unterliegen besonders strengen Regeln. Häfen müssen sogenannte „pump-out systeme“ bereitstellen, über die Abwasser in Kläranlagen gelangen können. Teils fehlen zwar derartige Anlagen, zumal in Mittelmeerhäfen, oder sie eignen sich nur für kleinere Boote. Selbst für Superyachten mit mehreren tausend Litern Tankvolumen wäre eine reguläre Entsorgung technisch trotzdem möglich, sie würde jedoch Organisation, Zeit und Kosten erfordern. Viele Crews bevorzugen daher unauffällige Lösungen, die schneller funktionieren. 

Gift für küstennahe Gewässer

Auf keinen Fall sollte Schwarzwasser in küstennahe Gewässer gelangen, doch auch davor schrecken der Geld-Adel und seine Kapitäne nicht zurück. „In vielen Marinas sind höhere Konzentrationen von Schadstoffen und Keimen nachweisbar“, sagt der Umweltgeowissenschaftler Thilo Hofmann von der Universität Wien. Dazu gehören auch höhere Belastungen mit Fäkalbakterien.

Hofmann kritisiert auch noch andere Belastungen der Meere durch die Lieblingsspielzeuge der Betuchten. So seien auch Rückstände von sogenannten Anti-Fouling-Anstrichen besonders in Marinas zu finden. Diese Anstriche sollen Algen und Muscheln vom Schiffsrumpf fernhalten und wären eigentlich unter geschützten Bedingungen in Werften aufzutragen, weil die darin enthaltenen Biozide giftig für viele Meeresorganismen sind. 

Auch mit Mikroplastik verschmutzen die Yachten die Meere. Ein Teil davon stammt direkt von den Schiffsrümpfen selbst. „Die Anstriche der Boote schälen sich mit der Zeit ab. Diese Partikel sind eine bisher unterschätzte Quelle von Mikroplastik im Meer“, erklärt Hofmann. 

Doch vor allem die illegale Entsorgung des Schwarzwassers ärgert ihn. „Die Meere sind schon genug belastet. Eigentlich ist das eine Sauerei.“

Millionen Liter Abwasser im Hafen

Der aktuelle Arbeitsplatz des Yacht-Kochs Florian Berger liegt in Palma de Mallorca, einem der größten Superyachtzentren des Mittelmeers. Entlang der Hafenanlagen reihen sich mehrere Marinas aneinander. Club de MarMarina Palma und weitere Häfen bieten Liegeplätze für große Yachten. „Entlang der Promenade liegen sicher 500 bis 700 große Boote, von fünfzehn bis hundert Meter Länge“, erzählt er. 

Bei dieser Anzahl müsste regelmäßig eine Flotte von Tankfahrzeugen erscheinen, um die Abwassertanks zu entleeren. Berger beobachtet jedoch ein anderes Bild. „Ich sehe dort kaum je auch nur einen einzigen Tanktruck.“ 

Auf Schiffen gilt eine einfache Faustregel. Jeder Mensch an Bord produziert täglich 150 bis 250 Liter Abwasser. Auf einer 30 bis 40 Meter langen Motoryacht leben oft zehn bis zwanzig Crewmitglieder. Während Charterreisen kommen zusätzlich Gäste an Bord. Selbst bei konservativer Rechnung entstehen so durchschnittlich 3.000 bis 5.000 Liter Abwasser pro Tag und Boot. Ein einzelnes Schiff kann damit innerhalb weniger Tage mehrere Kubikmeter Abwasser erzeugen. 

Die Tanks an Bord wirken groß, doch ihre Kapazität bleibt begrenzt. Auf einer Motoryacht fassen Schwarzwasser-Tanks meist drei bis sieben Kubikmeter Abwasser, also mehrere Tausend Liter. Bei voller Besetzung mit der Crew und Gästen können sich diese Tanks innerhalb weniger Tage füllen. Wenn nur 300 dieser Schiffe täglich jeweils 3.000 Liter Abwasser produzieren, entstehen rechnerisch 900.000 Liter Abwasser pro Tag. Das entspricht fast einer Million Litern Abwasser, die Yacht-Eigner jeden Tag irgendwo entsorgen müssen.

Um bei der illegalen Entsorgung weniger aufzufallen, nutzen die Kapitäne einen Trick. „In der Branche ist das ein offenes Geheimnis“, sagte er, und beschreibt: Während längerer Überfahrten zwischen zwei Ankerplätzen öffnen Techniker die Ventile der Abwassertanks leicht, sodass kontinuierlich kleine Mengen des Inhalts ins Meer gelangen. Der Tank leert sich langsam während der Fahrt. Am Ziel bleibt kaum Rest im System. „Wenn ein Boot fünfzehn Stunden unterwegs ist, kann der Tank am Ende komplett leer sein“, sagt Berger. Die so schön anzusehenden weißen Schiffe am glitzernden Meer ziehen also oft stinkende Spuren durchs Wasser.

Aufbereitung an Bord

Besonders größere Superyachten besitzen teilskomplexe Aufbereitungsanlagen, die Abwasser chemisch oder biologisch behandeln sollen. Berger arbeitet derzeit auf einem Schiff, das über eine solche Anlage verfügt. Ein Gespräch mit dem First Mate des Schiffs schürte allerdings seine Zweifel an der sauberen Nutzung der Anlage. Der Offizier erklärte ihm, das System setze im Wesentlichen Chemikalien ein, um den Inhalt der Tanks zu verändern. Anschließend darf die Flüssigkeit wieder ins Meer gelangen. „Während er mir das erklärt hat, hat er die Augen verdreht“, schildert Berger. Diese Mühe scheint sich kaum jemand unter den Verantwortlichen zu machen, und auch das scheint ein offenes Geheimnis zu sein.

Berger berichtet von internen Codewörtern, die Crews für das Ablassen von Schwarzwasser verwenden. Auf einem früheren Schiff habe die Crew regelmäßig eine kurze Frage über Funk geschickt: „Are we ready for the Desert Storm?“ Sobald die Bestätigung kam, öffneten Techniker die Ventile der Tanks. Der Ausdruck diente als Tarnbegriff, damit für Außenstehende der wahre Inhalt des Funkverkehrs rätselhaft bleibt.

Die Folgen im Hafenwasser

Die Folgen solcher Praktiken zeigen sich laut Florian besonders in der Nähe großer Marinas. Er nennt einen Begriff, der unter Seeleuten kursiert: Shitfische. So nennen Crewmitglieder Fische, die in stark verschmutzten Hafenbecken leben und sich von organischen Abfällen ernähren. In solchen Gewässern sammeln sich häufig Bakterien, Krankheitserreger und Schadstoffe, die über die Nahrungskette in die Tiere gelangen können. Trotzdem landen diese Fische weiterhin in den Netzen der Fischer, gelangen als frische regionale Ware auf lokale Märkte und in den besten Restaurants. Auch in seiner eigenen Yacht-Küche stellt ihn das vor Probleme, doch wenn er mit Crew-Kollegen darüber sprechen will, stößt er auf Spott oder Gleichgültigkeit. „Ich bin ja nur ein Koch“, sagt er. Er beschreibt eine Atmosphäre des Schweigens, in der Kritik zwar gelegentlich zur Sprache kommt, jedoch selten über die Grenzen der Crew hinausdringt.


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