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Verehrt eine kambodschanische Gruppe Jeffrey Epstein als Gott?

Mönche in Kambodscha, die den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein als Gott verehren? Was wie ein absurder Witz klingt, verbreitet sich derzeit millionenfach auf sozialen Medien. Urheber der Videos ist der Account „dixiedragon“, hinter dem ein amerikanischer Yogalehrer steckt. Doch wie glaubwürdig ist das wirklich? campus a hat sich auf Spurensuche begeben.
Julia Ehrensberger  •  23. März 2026 Redakteurin    Sterne  666
Verehren Mönche in Kambodscha Jeffrey Epstein als Gott? campus a hat es herausgefunden. (Foto: Robert Stuart Lee)
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In den Videos knien Männer in orangefarbenen Mönchgewändern am Boden und murmeln Gebete. Vor ihnen eine Art improvisierter Schrein aus gestapelten leuchtenden Plastikflaschen, auf dem Jeffrey Epsteins Gesicht prangt. Zu sehen sind weitere Schreine, auf denen Epstein in golden eingerahmten Bildern mit einer Krone und weißen Kutte abgebildet ist. Auf dem Tisch liegen Opfergaben wie Früchte, Räucherstäbchen, Kerzen und Gebetsschriften. In Supermärkten, Cafés und Friseursalons vor Ort hängen anscheinend Fotos des verurteilten, verstorbenen Sexualstraftäters. Auf Instagram geht dieser Content derzeit millionenfach viral. Die Botschaft: In Kambodscha verehren buddhistische Mönche den berüchtigtsten Sexualstraftäter der jüngeren Geschichte als einen Gott der Liebe. Doch kann das wirklich stimmen? 

Amerikanischer Yogalehrer unter einem Pseudonym

campus a ging der Sache auf den Grund und kontaktierte den Urheber der Videos. Nach wenigen Minuten meldete er sich und war sofort bereit, uns ein Interview zu geben. Hinter dem Pseudonym steckt der Amerikaner Robert Stuart Lee. Ursprünglich aus Atlanta, USA stammend, lebt er seit vier Jahren in Asien. Eine spirituelle Selbstfindungsreise führte ihn nach Vietnam, sagt er, heute unterrichtet er dort Yoga, Englisch und Meditationsklassen. Auch seine Frau hat er dort kennengelernt und geheiratet.

Der 33-jährige studierte Anthropologe hat auf seinen Reisen quer durch Vietnam, Kambodscha, Laos, Thailand und Indien Zeit mit den unterschiedlichsten Stämmen und kulturellen Gruppen verbracht. Als campus a ihn auf die Videos über den Epstein-Kult anspricht, erzählt er bereitwillig. „Ich habe ja schon viel erlebt, aber so etwas habe ich noch nie gesehen,“ sagt er. 

In ländlichen Regionen Kambodschas habe er eigene Beobachtungen gemacht, mehrere Schreine gesehen und Gespräche mit Anhängern geführt. Der Kult knüpfe an Vorstellungen an, die in Teilen der Region existieren sollen: Manche Buddhisten glauben, dass außergewöhnliche Persönlichkeiten Reinkarnationen von Göttern seien und eine besondere kosmische Mission hätten. Innerhalb dieser Kreise würde Epstein demnach als eine Art „Gott der Liebe“ gedeutet, wobei die genaue Bezeichnung, die sie für ihn verwenden, sich laut Lee nur schwer in westliche Sprachen übertragen lasse. „Sie glauben, Epstein bringe neue Lehren über freie Liebe und Beziehungen,“ behauptet Lee. Das wisse er von seinen Gesprächen mit den Mönchen. Doch nicht nur sie, auch die normale Bevölkerung würde zu Epstein beten, so der Influencer weiter.

Sexualverbrechen spielen keine Rolle

Für die Mönche und die Gläubigen gilt demnach die Nähe von Milliardären, Politikern und anderen einflussreichen Persönlichkeiten zu Epstein als Beleg für seine vermeintliche Reinkarnation. Lee: „Die Leute denken: Wäre er keine Gottheit gewesen, weshalb haben dann so viele der mächtigsten Menschen der Welt seine Gesellschaft gesucht und sich ihm sogar unterworfen.“

Dass Epstein schwere Sexualverbrechen begangen hat, spiele in ihrem Glauben kaum eine Rolle und werde eher ausgeblendet. „Ich versuche, das als kulturelles Phänomen zu betrachten und gehe mit einem vorsichtigen Hands-off-approach in den Diskurs mit den Menschen, weil sie sehr überzeugt von ihrem Glauben sind,“ sagt Lee. Kritik oder Konfrontation über den Missbrauch würden sie leicht als Angriff auf ihre spirituelle Überzeugung wahrnehmen.

Bilder von Epstein hängen sogar in Supermärkten.Bilder von Epstein hängen sogar in Supermärkten. (Foto: Robert Stuart Lee)

Epstein habe keinen Selbstmord begangen

Der internationale Skandal um Epstein habe die Mönche nach Lees Eindruck nicht erschüttert, sondern teilweise sogar bestärkt. Einige glauben, dass „böse Kräfte“ spirituell bedeutende Menschen verfolgen oder zerstören. In dieser Logik interpretieren sie die Vorwürfe gegen ihn als Versuch westlicher Regierungen, ihn zu diskreditieren. Viele sind demnach überzeugt, dass Epstein nicht Selbstmord begangen habe, sondern dunkle Mächte ihn geopfert haben. Das ist nicht so weithergeholt, angesichts der zahlreichen Verschwörungstheorien über Epstein, die selbst in westlichen Gesellschaften kursieren.

„Sie wissen alles über ihn, sie lesen alle Bücher und Interviews, die es von ihm gibt,“ sagt Lee. In mindestens drei Tempeln hätte er schon Schreine gesehen, um die hundert aktiv praktizierenden Mönche seien verstreut über ländliche Teile von Kambodscha. Er sehe jeden Tag mehr Bilder und Schreine, behauptet Lee. Für seine Einschätzungen liefert er außer der Videos jedoch keine unabhängig überprüfbaren Belege. Was ist also dran an seinen Darstellungen? Sind es Fake News oder stimmt das alles wirklich?

Friseurbesuche, Mittagessen und Raubüberfälle

Auf seinem Instagram Account mit knapp 93 Tausend Followern postet Lee hauptsächlich Situationen, die ihn in seinem Alltag zeigen. Er isst zu Mittag, fährt mit dem Motorrad durch die Straßen von Vietnam oder geht zum Friseur. Daran ist erstmal nichts Ungewöhnliches. Doch wer sich seine Videos mit Millionen Aufrufen genauer ansieht, stößt auf teils skurrile Szenen, in denen Lee Hunde- und Katzenfleischverkäufer in Vietnam filmt oder er versucht, mit einer überdimensionalen altertümlichen Münze (angeblich aus einer „chinesischen Dynastie“), Essen und Sprit zu bezahlen. Die Verkäufer weisen ihn darauf hin verärgert ab.

Die Videos auf Lee's Instagram Account.Die Videos auf Lee’s Instagram Account. (Foto: Robert Stuart Lee)

Die Videos zielen auf maximale Reichweite ab und rücken die teils wohl unfreiwilligen Protagonisten in ein wenig schmeichelhaftes Licht. Zudem sind Videos zu sehen, in denen Menschen versuchen, Lee von seinem Motorrad zu stoßen und ihn auszurauben. Betitelt mit der Überschrift: „Geht in Kambodscha nicht allein nach draußen.“ Vor allem die Überfälle wirken inszeniert, zumal sie sich mit verschiedenen Akteuren wiederholen. Bezahlt er womöglich auch unwissende Mönche, um einen möglichst spektakulären Clip zu inszenieren, der garantiert Millionen Aufrufe generiert? 

Deutliche Kritik aus der Wissenschaft

Die Suche nach Experten aus der Wissenschaft mit einer Meinung dazu stellte sich anfangs als schwieriger heraus als gedacht. Weder das Institut der Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien noch das Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde kann die Videos plausibel einordnen. Nach einigen Absagen kann schließlich ein Forscher aus der Kommunikationswissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg weiterhelfen. Thomas Herdin, Leiter der Abteilung für Transkulturelle Kommunikation und Südostasienexperte hält die Authentizität der Videos für höchst unwahrscheinlich.

Inszenierte oder technisch erzeugte Fälschung

Herdin lebte selbst sieben Jahre in Asien, war in Schweigeklöstern und Tempeln und setzte sich intensiv mit dem Buddhismus auseinander. Da er kürzlich einen Forschungsaufenthalt in Thailand verbrachte, kommt er nach Konsultationen seiner thailändischen Forschungskollegen und seiner eigenen Erfahrung zu einer klaren Einschätzung: Es handle sich sehr wahrscheinlich um eine inszenierte oder technisch erzeugte Fälschung. Die Rituale und Erklärungen würden nicht mit den bekannten Praktiken des Buddhismus übereinstimmen. 

„Für mich kann es sich nur um ein KI-Fake handeln. Es macht alles keinen Sinn, denn wenn man sich mit Buddhismus auseinandersetzt, dann passen viele Erklärungen des Influencers nicht mit dem Gezeigten überein. Das müsste ich schon mit eigenen Augen sehen, um es zu glauben.“ Herdin verweist auf die Logik sozialer Medien: Inhalte, die schockieren oder irritieren, generieren besonders viel Aufmerksamkeit. „Daher: wenn man etwas sieht, was unglaublich erscheint: Follow the Money. Follow the Attention. Wem nützt die Aufmerksamkeit?“ 

Spuren führen zu einer vietnamesischen Onlinezeitung

Von Lee selbst gibt es außerhalb seiner Social Media Präsenz nur sehr wenige öffentlich zugängliche Informationen, die seine Angaben legitimieren könnten. Nur ein Facebook Post vom 18. März 2024, gepostet von „Dân trí“, einer vom vietnamesischen Innenministerium betriebenen Onlinezeitung, berichtet über einen 31-jährigen Amerikaner mit dem Namen Robert Stuart Lee, wohnhaft in Vietnam. Er habe ein Foto eines Hunde- und Katzenfleischrestaurants mit der Bildunterschrift: „Dieses Restaurant liebt seine Haustiere so sehr, dass sie ein Foto ihres Lieblingshundes und ihrer Lieblingskatze auf ihrer Werbetafel zeigen,“ gepostet. Auf dem Bild in der Zeitung erkennt campus a Lee sofort wieder. 

Das Foto aus der Onlinezeitung von Lee.Das Foto aus der Onlinezeitung von Lee. (Foto: Dan tri)

Die Reporter beschreiben, dass Lees Post zehntausende Likes und Kommentare erhalten habe und das „Missverständnis des westlichen Gastes“ auf allen vietnamesischen Social-Media-Plattformen für Aufsehen gesorgt hätte. Im Gespräch mit einem Reporter von Dân trí sagte Lee, er habe das Foto in einem Restaurant in der Stadt Di An (Provinz Binh Doung) aufgenommen. Er habe den Post „humorvoll gestaltet“, indem er sich als ahnungsloser westlicher Kunde ausgab, um auf das „Abschlachten von Hunden und Katzen“ aufmerksam zu machen. Die Zeitung betont, dass Lee über das „Missverständnis“ aufgeklärt worden sei. Womöglich auch im Interesse der vietnamesischen Regierung, der wenig daran liegen dürfte, den Tierhandel in die öffentliche Aufmerksamkeit zu rücken.

Lee will Missstände über illegalen Tierhandel aufdecken

Denn laut einer investigativen Untersuchung der Tierschutzorganisation Vier Pfoten über den Handel mit Katzen- und Hundefleisch in Vietnam aus dem Jahr 2022, ist ein Großteil der Transporte illegal und es gäbe massive Mängel bei der Umsetzung geltender Gesetze. Die Schlachtungen mit Schlägen, Elektroschocks oder Ertränkungen seien an Grausamkeit nicht zu überbieten, so die Kampagnenleiterin Rebecca Dharmpaul. Händler würden das Fleisch anschließend direkt am Straßenrand verkaufen und damit Restaurants beliefern. 

Auf Lees Account finden sich zahlreiche Videos, in denen er auf den Katzen- und Hundefleischmarkt in Vietnam aufmerksam macht und Straßenhändler filmt. Ziel sei es, Missstände aufzudecken, wie er in seinen Clips betont. Diese Videos zeigen also zweifellos reale Situationen, doch lässt sich das auch auf die Epstein-Clips übertragen? Denn auch wenn Lee eine heldenhafte Moral und ein Herz für die Tiere haben sollte, an deren Leid verdient er zugleich mit. Drastische Bilder wie Katzenköpfe in Suppentöpfen sorgen schließlich für maximale Aufregung und Klicks.

Echtheit des Epstein-Kults nicht bestätigt

Obwohl Lee bei den Epstein-Videos vehement bestreitet, dass es sich um KI-Fälschungen handelt und auf deren Echtheit beharrt, kann campus a nach aktuellem Recherchestand nicht bestätigen, dass ein solcher Kult um Epstein tatsächlich existiert. Ob es vielleicht dennoch vereinzelte Mönche gibt, die sich vor einem leuchtenden Plastikflaschenaltar hinknien und für Epsteins Erlösung beten, lässt sich dennoch nicht mit letzter Sicherheit ausschließen. 

Nur eines ist sicher: Die Verbreitung von Desinformation, befeuert durch die Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie der sozialen Medien, erreicht immer extremere Dimensionen. 


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