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Erdgeschosswohnungen dank Klimawandel im Trend

Dachgeschosswohnungen galten lange als Inbegriff des Luxus, doch steigende Temperaturen verschieben die Präferenzen am Immobilienmarkt.
Benedikt Schweigl  •  29. März 2026 Volontär    Sterne  36
Mit ein paar Tricks wie Oberlichten, Milchglastüren und gut positionierten Spiegeln lässt sich auch eine Erdgeschosswohnung sehr hell gestalten. (Foto: Shutterstock)
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Die Terrassentür steht offen, ein schmaler Innenhof liegt dahinter, ein alter Baum spendet Schatten und daneben stehen zwei einfache Liegestühle, auf einem kleinen Tisch eine Tasse Kaffee. Es ist ein heißer Tag, aber in der Wohnung bleibt es angenehm kühl. Kein Summen einer Klimaanlage, keine stickige Luft, stattdessen Ruhe und ein leichter Luftzug. Ein paar Pflanzen, ein Sonnenschirm als Sichtschutz von oben und Fenster, die den Straßenlärm erstaunlich gut abschirmen. Die Wohnung wirkt nicht luxuriös, aber durchdacht, neu renoviert und insgesamt wie ein Ort, an dem es sich gut leben lässt.

Erdgeschosswohnungen, wie die eben beschriebene, rücken zunehmend in den Fokus von Mietern und Investoren. Lange Zeit standen Dachgeschosswohnungen und Penthäuser für Exklusivität, doch diese Wahrnehmung verschiebt sich allmählich, und das hat einen konkreten Grund: Hitze.

Für Samuel Schneider, der gerade vom vierten Stock in die Erdgeschosswohnung desselben Gebäudes zieht, überwiegen klar die Vorteile: „Ich hatte bisher keinen Balkon. Dieser Zugang zum Innenhof gibt mir ein Gefühl von Freiheit, das ich zuvor nicht hatte“, erklärt er.

Eine Rolle spielt dabei der Klimawandel. „Im Sommer kann es im vierten Stock heiß werden. Eine Klimaanlage ist für mich wegen dem Preis, wegen des Surrens und ihres ökologischen Fußabdruckes keine Option.“ Erdgeschosswohnungen erscheinen ihm deshalb als naheliegende Alternative, weil sie durch Beschattung und Bodennähe in der Regel deutlich kühler bleiben.

Schöner Ausblick, aber zu welchem Preis?

In oberen Stockwerken sammelt sich die Wärme an Hitzetagen, Räume heizen sich schneller auf und kühlen langsamer ab. Klimaanlagen sind in diesem Fall nur bedingt eine Lösung, denn das Raumklima, das diese Geräte erzeugen, empfinden manche Mieter als unangenehm. Zudem verursachen die Anlagen zusätzliche Energiekosten.

Dabei hatten Erdgeschosswohnungen bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine gewisse Attraktivität, vor allem in Gebäuden ohne Aufzug. Gleichzeitig galten sie nie als Maß der Dinge, auch weil Themen wie Sicherheit, Lärm oder fehlende Aussicht bereits damals eine Rolle spielten. Mit technischen Entwicklungen und neuen Wohnidealen verlagerte sich die Nachfrage schließlich in Richtung Dachgeschosswohnungen.

„Der Klimawandel bringt da einige Veränderungen, was aber nicht bedeutet, dass von nun an jede Erdgeschosswohnung ein Must-Have ist. Es geht wie immer auch hier um die Details“, sagt der Immobilieninvestor Gerald Hörhan, der mehrere hundert Wohnungen besitzt.

Seiner Einschätzung nach werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Dachterrassenwohnungen, die in ihrer Bauweise noch nicht an den Klimawandel angepasst sind, im Wert eher sinken, während bestimmte Erdgeschosswohnungen im Wert eher steigen werden.

Aktuell sind die Mieten für Erdgeschosswohnungen jedoch noch in der Regel günstiger, das ist auch bei Samuel Schneider der Fall. Er hat durch seinen Umzug geringere monatliche Fixkosten, was für ihn eine spürbare Entlastung in Zeiten steigender Wohnungs- und Energiepreise bedeutet.

Stockwerk bleibt nur eines von vielen Kriterien

Eine Erdgeschosswohnung direkt an einer stark befahrenen Straße bringt weiterhin klare Nachteile mit sich, vor allem durch Lärm und Abgase. Auch Feuchtigkeit kann zum Problem werden, insbesondere bei Gebäuden in Gewässernähe, wo Wasser schneller in die unteren Stockwerke eindringt.

Gleichzeitig verschärfen sich die Herausforderungen in den oberen Etagen. „In Dachgeschosswohnungen drohen Mietern Probleme bei Hitze, stürmischen Wetter und starkem Regen“, erklärt Hörhan.

Das Stockwerk allein entscheidet daher weiterhin nicht über die Qualität einer Wohnung. Faktoren wie Lage, Preis, Ausstattung und persönliche Präferenzen spielen nach wie vor eine Rolle. „Es ist und bleibt eine Frage einer individuellen Analyse“, so Hörhan.

Auch die Sicherheitsfrage bleibt präsent. Erdgeschosswohnungen gelten traditionell als anfälliger für Einbrüche, weil Fenster und Terrassentüren leichter zugänglich sind. Gleichzeitig relativieren sich solche Annahmen in der Praxis, abhängig davon, wie viel Aufmerksamkeit Mieter dem Schutz vor Einbruch und Diebstahl tatsächlich widmen.

Schneider sieht das pragmatisch. „Ich wurde bereits im vierten Stock ausgeraubt. Ich denke, dass es in Wien niemals vollständige Sicherheit vor Einbrüchen gibt. Aber auch bei diesem Thema kann ich mit vielen kleinen Tricks wie Außenjalousien und stabilen Türen für mehr Sicherheit sorgen.“

Er freut sich erstmal darauf sein Frühstück bei angenehm kühlem Klima im Freien zu genießen, ganz ohne Dachterrasse. „Der Blick über Blechdächer und Rauchfänge ist überschätzt, finde ich.“

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