„Wenn ein junger Mensch anruft und sagt, er steht auf einer Brücke und will springen, was mache ich dann?“ Gudrun Schellner kennt solche Momente gut. Die Telefonseelsorgerin ist oft die letzte Anlaufstelle für Jugendliche, die keinen Ausweg mehr sehen. Trotz ihrer langjährigen Erfahrung und Ausbildung werden solche Situationen auch mit der Zeit auch für die Ordensschwester nicht leichter.
Die telefonseelesorge.at ist unter der Nummer 142 rund um die Uhr anonym und kostenlos auch per Chat oder Mail erreichbar. Vor mehr als fünfzig Jahren haben die römisch-katholische und die evangelische Kirche gemeinsam mit einem privaten Verein in Vorarlberg das Angebot ins Leben gerufen. Heute arbeiten dort ehrenamtlich rund 800 ausgebildete Berater in wechselnden Diensten, während ein kleiner Kern von 25 hauptamtlichen Mitarbeiter die Organisation trägt. Zu letzteren gehört auch Schwester Schellner.
Neben ihrer Tätigkeit in der Telefonseelsorge arbeitet sie hauptberuflich als Schulseelsorgerin und Bildungsberaterin am Sacré-Coeur-Gymnasium in Wien. Dort begleitet die Franziskanerin seit vielen Jahren Schüler in Krisensituationen, bei Konflikten sowie bei Fragen der Lebens- und Berufsorientierung.
In der Telefonseelsorge übernimmt sie oft auch Nachtdienste. „Wir sind zwar keine eigene Hotline für junge Menschen, aber wenn sie bei Rat auf Draht nicht durchkommen, rufen sie oft als Nächstes bei uns an“, sagt sie. „Rat auf Draht“ ist eine der mitunter beliebtesten Telefonseelsorgediensten in Österreich. Was sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert habe, sei das Alter der Anrufenden. „Obwohl alles anonym ist, höre ich an der Stimme, wie jung viele sind“, erzählt Sr. Schellner. „Es werden mehr und sie werden immer jünger.“
Die Themen seien vielfältig, aber oft ähnlich: familiäre Konflikte, psychische Belastungen oder soziale Probleme. „Oft geht es um Streit mit den Eltern, Depressionen oder auch selbstverletzendes Verhalten“, sagt sie. Auch Mobbing sei ein zentrales Thema. Viele Jugendliche brauchen weniger Hilfe bei konkreten Problemen als vielmehr Orientierung und Lebenssinn. Auch Zukunftsängste hätten spürbar zugenommen. Sr. Schellner führt das auf die Krisen der vergangenen Jahre zurück, die junge Menschen besonders geprägt hätten.
Einen Gedanken gibt sie den Jugendlichen immer wieder mit: „Irgendwann musst du entscheiden, ob du vor dein Leben ein Plus oder ein Minus setzt.“ Das helfe laut ihrer Erfahrung schon vielen. „Aus der Mathematik wissen sie, wie viel Unterschied ein Vorzeichen macht“, sagt sie. „Es wird immer Negatives geben, aber wie ich damit umgehe, macht den Unterschied.“
Die Gespräche sind auch für Sr. Schellner belastend, aber ihr eigener Glaube sei dabei eine wichtige Stütze „Ich trage das nicht dauerhaft mit mir“, sagt sie. Gleichzeitig sei Empathie zentral, denn wäre ihr das alle egal, würde sie den Job nicht machen können, sagt sie.
Ob Jugendliche heute religiöser sind, könne sie nicht eindeutig sagen. „Sie sind auf jeden Fall fragender und suchender gegenüber dem Glauben geworden, da kann ich den offiziellen Statistiken zu hundert Prozent zustimmen.“ In Krisensituationen komme Religion jedenfalls häufig zur Sprache. Eine Frage begegne ihr besonders oft: „Warum lässt Gott das zu?“
Trotz des kirchlichen Hintergrunds der Telefonseelsorge und ihres eigenen Glaubens verzichtet sie bewusst darauf, religiöse Antworten in den Vordergrund zu stellen. „Ich bringe das Thema nicht von mir aus ein“, sagt sie. „Aber wenn es angesprochen wird, gehe ich darauf ein.“ Manche Jugendliche wünschen sich auch konkrete spirituelle Unterstützung. „Einige bitten darum, gemeinsam zu beten, oft wünschen sie sich das Vaterunser.“
Laut der vom Foresight-Institut begleiteten Ö3-Jugendstudie von knapp 28.000 jungen Österreichern gehören für sechzig Prozent der 16- bis 25-Jährigen das Feiern religiöser Feste zum Lifestyle, regelmäßig in die Kirche gehen 16 Prozent. Das Vertrauen in die Religionsgemeinschaften und die Kirche schwächelt jedoch, nur 25 Prozent vertrauen „ziemlich“, nur fünf Prozent „sehr“. 37 Prozent haben „wenig“ Vertrauen, jeder Dritte hat gar kein Vertrauen in die Kirche. Überraschenderweise war das Vertrauen bei den 16- und 17-Jährigen stärker: 37 Prozent vertrauen Religionsgemeinschaften „ziemlich“, elf Prozent „sehr“. In jeder Altersgruppe war unter den männlichen Befragten das Vertrauen höher als unter weiblichen und diversen.
2024 traten 71.531 Menschen aus der Kirche aus, 2023 waren es noch 85.163 und im Jahr 2022 waren es 90.975. Deutlich gestiegen ist auch die Zahl der Gottesdienstbesucher, sowie die der Wieder- und Neueintritte.
Obwohl die Zahlen nicht auf besonders großes Comeback zum Christentum in Österreich deuten, lässt sich ein gewisser Trend dazu auf jeden Fall ablesen. Und der breitet sich international in fast allen westlichen Gesellschaften aus.
Eine Umfrage des Institut Ipsos von 19.000 Teilnehmern in 26 Ländern im Jahr 2023 zeigte, dass die unter 26-Jährigen in Deutschland, Schweden, Frankreich und Großbritannien häufiger beteten als die Babyboomer (geboren zwischen 1946 und 1964). Außerdem besucht die Gen Z in diesen Ländern signifikant öfter die Kirche als ihre Großeltern und glaubt eher an Gott oder eine höhere Macht.
Die Jugend sucht ihre spirituellen Führer aber nicht in den Pfarrhäusern, sondern passend zur Gen Z auf Social Media. Der Aufstieg von Christfluencern, also christlichen Influencern hat in den vergangenen Jahren stark an Aufmerksamkeit gewonnen. Zuletzt durch Charlie Kirk, ein rechtskonservativer und Trump-naher politischer Aktivist, der vor seiner Ermordung auf einem Universitätscampus in Utah, in den USA im September 2025, regelmäßig Debatten mit Studenten über die Themen Abtreibung, Migration, LGBTQ und dem Christentum führte.
Der ehemalige Geschäftsführer von Turning Point USA, einer konservativen Studentenorganisation, sprach regelmäßig von seiner Hingabe zu Jesus, der Bedeutung von konservativen Familienrollen und einer strengen Auslegung der Bibel. Nach seinem Tod übernahm seine ebenfalls gläubige Witwe Erika Kirk die Leitung von Turning Point USA. Doch das Phänomen greift auch in Europa um sich: Christlich-konservative junge Influencer, die Millionen von Followern um sich scharen und rechts-nationalistische Werte vermitteln, die Hand in Hand mit ihrem strengen Glauben gehen.
In Deutschland erfreut sich Leonard Jäger, besser bekannt als „Ketzer der Neuzeit“, mit mehreren hunderttausend Followern großer Beliebtheit. Nach Vorbild von Charlie Kirk spricht er über seine Liebe zu Gott, seine konservativen Werte und warum die AFD die einzige Partei ist, die für gläubige Christen wählbar seien. Auf dem Parteitag der AFD interviewte er Alice Weidel und beendete das Gespräch mit den Worten: „Gottes Segen und ich drück die Daumen, dass es was wird mit der Wahl, das muss was werden.“
Jasmin Neubauer und Jana „Highholder“, mit bürgerlichem Namen Hochhalter, zählen mit jeweils mehr als 70.000 Followern zu den bekanntesten Stimmen in der christlichen Influencer-Szene in Deutschland. In ihren Inhalten vertreten sie eine Rollenverteilung, in der sich die Frau dem Mann unterordnen soll.
Religiöse Inhalte auf Social Media spielen auch in Sr. Gudrun Schellners Gesprächen mit Jugendlichen zunehmend eine Rolle. Viele kämen erstmals über Plattformen wie TikTok oder Instagram mit dem Glauben in Berührung. Ihre Meinung zu Christfluencern ist aber zwiegespalten. „Alles, was Menschen hilft, ist grundsätzlich gut.“ Gleichzeitig warnt sie vor den Grenzen. „Wir brauchen echte, menschliche Begegnung. Es ist ein Unterschied, ob ich mit jemandem persönlich spreche oder mir nur Inhalte anschaue.“
Ihren Beobachtungen zufolge ziehen sich Jugendliche zwar zunehmend Inspiration aus religiösen Inhalten im Netz, doch entscheidend bleibe die reale Einbindung: „Das ist ein guter Zugang und ein Sprungbrett, aber das Zurückkommen in die Kirche als lebendige Gemeinschaft oder in eine konkrete Pfarre ist der Schritt, der wirklich zählt.“
Ein Thema, das in den Gesprächen immer häufiger auftauche, sei die digitale Lebenswelt. Manche Jugendliche könnten kaum noch unterscheiden, was real ist und was nicht. „Sie haben digitale Freundschaften und wissen manchmal nicht mehr, was echt ist und was KI“, erzählt sie. Diese Verunsicherung zeigt sich auch direkt im Gespräch: „Manche fragen mich am Telefon, ob ich echt bin.“
Dass digitale Impulse trotzdem Wirkung zeigen, erlebt sie auch im Schulalltag. Zwei Schüler aus einer fünften Klasse und einer siebten Klasse wollen sich taufen lassen, nachdem sie über den Religionsunterricht hinaus, insbesondere über Social Media und ihren Freundeskreis, mit christlichen Inhalten in Kontakt gekommen waren. Als sie Sr. Schellner davon erzählten, war sie davon sehr beeindruckt.
Eine Entwicklung, die zu denken gibt, denn warum wenden sich ausgerechnet junge Menschen in den säkularisiertesten Gesellschaften plötzlich wieder dem eigentlich aus der Mode gekommenen Christentum zu? Eine mögliche Erklärung kommt aus der Sozialwissenschaft: Wenn in einer Gesellschaft Krisen wie Pandemien, Kriege oder Umweltkatastrophen das existenzielle Sicherheitsgefühl bedrohen, lässt sich ein Wandel der Werte hin zu Autorität, Ordnung und Tradition beobachten.
Ist der neu entflammte Glaube der Gen Z also ein verzweifelter Hilferuf junger Menschen, die dringend Halt im Leben suchen? Sr. Gudrun Scheller kann das nur bestätigen. „Ich merke das vor allem bei der Sinnfrage, die ich oft höre. Also: Was ist, wenn es Gott doch gibt?“, sagt sie. Es gehe um eine Hoffnung, die sich nicht rein rational erklären lasse. Viele Jugendliche beschrieben diese Hoffnung als etwas, das ihnen Halt gebe, verbunden mit dem Glauben, dass am Ende doch alles gut ausgehen könnte.
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