Samstagnachmittag in der Neubaugasse. Ein Mann betritt den Wiener Freitag-Laden und lässt den Blick durch das kleine, rustikale Geschäft schweifen. Er geht ein paar Schritte, bleibt vor den großen Taschen aus gebrauchten LKW-Planen stehen und greift nach einer Reisetasche. Kaufen will er sie nicht. Er braucht die Tasche nur für ein verlängertes Wochenende. Danach will er sie zurückgeben.
Freitag stellt seit 1993 Taschen aus alten LKW-Planen und Autogurten her. Die Produktion ist aufwändig. Jedes Produkt ist von Hand gefertigt, langlebig und ein Unikat. Die Taschen sind daher teuer. Der Preis variiert je nach Größe zwischen 120 und 375 Euro.
Ausleihen passt besser in manches Budget. Deswegen vermietet die Marke seit einem Jahr ihr teuerstes Modell, die Reisetasche Voyager. Der Grundpreis für vier Tage Miete beträgt 24 Euro. Für jeden weiteren Tag kommt eine Pauschale von drei Euro hinzu. Ab Tag 15 nur noch zwei Euro. Der Rückgabetermin ist flexibel, beträgt aber maximal ein halbes Jahr.
Das Konzept schont auch Ressourcen. Die Marke möchte damit ein Zeichen setzen. Freitag richtet sich bewusst an „MinimalistInnen und Teilzeit-Konsumverdrossene”, die nicht unbedingt alles besitzen müssen, was sie verwenden wollen.
Ein Mitarbeiter im Laden erzählt von den bisherigen Erfahrungen. Seit Juni 2025 gilt das Angebot. Davor konnten Kunden die Reisetasche gratis ausleihen oder bei einzelnen Aktionen sogar alle Taschenmodelle mieten. Das rentierte sich aus finanziellen und praktischen Gründen nicht. Freitag stieg auf das aktuelle Modell um.
Pro Monat mieten allerdings nur ein bis zwei Kunden eine Reisetasche. Meist sind es über Dreißigjährige. Sie leihen die Taschen häufig aus, um sie zunächst auszuprobieren, bevor sie sich für einen Kauf entscheiden. Die wenigsten Menschen mieten die Tasche für ein halbes Jahr. Üblich sind 5 bis 14 Tage.
Das Prinzip ist für die Mitarbeitenden überzeugend. „Wir glauben an den Erfolg des Projektes und würden das Konzept gerne auf mehr Taschen ausweiten. Access over Ownership (Zugang statt Besitz) ist ein Freitag-Manifest. Jeder soll die Möglichkeit haben, unsere Produkte zu nutzen.“
Das Prinzip „Mieten statt kaufen“, die sogenannte Sharing Economy, ist nicht nur kurzzeitiger Hype, sondern ein messbarer Trend, der sich in vielen Ländern bereits seit mehreren Jahren entwickelt. Ausgehend vom Wohnungsmarkt hat sich das Modell über Autos und E-Bikes bis hin zu Abendkleidung und Software ausgeweitet.
Ein anschauliches Beispiel für diese Entwicklung ist China. 2024 etablierte sich das Mieten als beliebte neue Form des Konsums. Online können Verbraucher beispielsweise Videodrohnen für einen Yuan (unter zwanzig Cent) pro Tag mieten. Neu kosten die Drohnen mehr als 5.000 Yuan (mehr als 600 Euro) kosten. Auch Luxusprodukte werden zugänglicher. Eine Louis-Vuitton-Handtasche lässt sich für umgerechnet unter fünf Euro ausleihen.
Auch in Europa ist Freitag nicht die einzige Marke, die den Trend aufgegriffen hat. Unternehmen probieren Mietmodelle in den unterschiedlichsten Produktbereichen aus.
Der Technikverleih Grover vermietet Tablets, Smartphones und Spielkonsolen. Wie viel das kostet, hängt vom Zustand des Gerätes ab. So können die Verbraucher ihren Preis selbst auswählen.
Das geht auch in der Modebranche. „Lease deine Jeans“, schreibt das niederländische Unternehmen Mud Jeans. Wie beim Autoleasing zahlt der Kunde ein Jahr lang eine Gebühr. Danach kann er die Jeans umtauschen, zurückgeben oder einfach behalten.
Für alle, die gerade umgezogen sind oder nur kurz ein paar Möbel brauchen, bietet Lyght Living eine Lösung. Kunden können Kühlschränke, Betten oder sogar ein ganzes Wohnzimmerpaket für einen monatlichen Betrag ausleihen. Es bleibt also nicht bei einzelnen Produkten, der Trend setzt sich fort.
Zurück in der Neubaugasse bei Freitag. Das Wochenende ist vorbei, der Kunde betritt mit der unversehrten Tasche den Laden. „Wollen Sie die Tasche gleich kaufen?“, fragt eine Mitarbeiterin an der Kasse. Nicht genau dieses Stück, das sei nicht möglich, aber eine andere Tasche desselben Modells. Er überlegt. „Diesmal nicht“, antwortet der Mann schließlich. Das Geld sei knapp, so häufig verreise er auch nicht. „Aber vielleicht borge ich sie irgendwann nochmal aus.“
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