Als Sabine K., 46, an diesem Montagmorgen im Krankenhaus sitzt, glaubt sie noch an einen Irrtum. Ein Routinebefund, vielleicht eine Zyste, vielleicht nichts Ernstes. Doch als die Ärztin den Raum betritt, verändert sich ihr Leben in wenigen Sekunden. Brustkrebs, sie sei sich sicher, sagt die Ärztin. Und dann noch ein Wort, das alles schwerer macht: Metastasen. Sabine erinnert sich später an einen seltsamen Moment der Stille. „Ich habe nur noch einzelne Wörter gehört“, erzählt sie. Therapie. Unheilbar. Zeit.
Draußen scheint die Sonne, Menschen gehen zur Arbeit, trinken Kaffee. Für sie fühlt es sich an, als wäre plötzlich alles stehen geblieben. Am selben Abend sitzt sie mit ihrem Mann am Küchentisch und versucht, einen Satz zu formulieren, der ihr selbst noch unwirklich erscheint: „Ich habe Krebs.“ Wie soll sie es nur den Kindern sagen?
Viele Betroffene beschreiben diesen Moment: das Gefühl, das Leben zerfalle in ein „davor“ und ein „danach“. Pläne verlieren ihre Selbstverständlichkeit, Entscheidungen bekommen plötzlich eine existenzielle Dimension. Wie lange werde ich arbeiten können? Wem erzähle ich es zuerst? Wie viel Hoffnung ist erlaubt und wie viel Realität ist aushaltbar?
Sabine beginnt, sich durch medizinische Informationen zu kämpfen. Studien, Therapien, Prognosen. Doch je mehr sie liest, desto größer wird die Verunsicherung. „Ich dachte, ich müsse sofort alles verstehen und entscheiden“, sagt sie, „dabei war ich damit emotional völlig überfordert.“
Mit diesem Gefühl ist sie nicht allein. In Österreich leben derzeit rund 409.000 Menschen mit einer Krebsdiagnose, etwa jede zwanzigste Person im Land. Jährlich kommen mehr als 48.000 Neuerkrankungen hinzu. Die häufigsten Diagnosen betreffen Brust, Prostata, Darm und Lunge. Dass die Zahl steigt, hat auch mit Fortschritten in der Medizin zu tun: Immer mehr Menschen überleben länger mit ihrer Erkrankung oder können mit ihr leben.
Doch genau das verändert auch die Realität der Krankheit. Krebs ist für viele nicht mehr nur eine akute medizinische Krise, sondern ein langfristiger Einschnitt ins Leben, mit emotionalen, sozialen und organisatorischen Folgen.
Betroffene reagieren oft in mehreren Phasen: zuerst Schock und Überforderung, danach Informationssuche, schließlich der Versuch, wieder Kontrolle über den eigenen Alltag zu gewinnen. Was dabei hilft, zeigt sich in Beratungen und Studien immer wieder.
Gerade in einem komplexen Gesundheitssystem stoßen Patientinnen rasch an ihre Grenzen. Zuständigkeiten wechseln zwischen Krankenhaus, niedergelassenem Ärzten, Rehabilitation oder Therapeutischen Angeboten, zusätzlich erschweren regionale Unterschiede den Zugang zu Leistungen. Viele Betroffene fühlen sich in dieser Situation allein gelassen und müssen unter großem emotionalem Druck gleichzeitig medizinische Entscheidungen und organisatorische Fragen bewältigen.
Hier setzt meine Arbeit an: Als psychosoziale Case Managerin begleite ich Menschen mit lebensverändernden Diagnosen dabei, wieder Orientierung und Handlungsfähigkeit zu gewinnen. Meine fast 30-jährige Erfahrung im österreichischen Gesundheitssystem hat mir gezeigt, dass Patient:innen häufig nicht am fehlenden Willen scheitern, sondern an mangelnder Navigation über Versorgungsgrenzen hinweg.
Mit meinem Angebot „Care for you“ unterstütze ich Betroffene einerseits psychosozial und andererseits individuell beim Planen, Organisieren und Koordinieren ihrer Versorgung, sektoren- und regionsübergreifend. Ziel ist es, in einer herausfordernden Lebensphase Klarheit zu schaffen, Prioritäten zu setzen und den eigenen Weg durch ein komplexes System zu finden. Dabei helfen Betroffenen nach einer schweren Krebsdiagnose Strategien, um mit der Krankheit umzugehen.
Wer eine solche Diagnose bekommt, braucht häufig Zeit zum Begreifen. Viele PatientInnen glauben, sofort Entscheidungen treffen zu müssen. Fachleute raten jedoch, sich bewusst Zeit zu nehmen. Das Verstehen der Diagnose ist ein Prozess und Voraussetzung für tragfähige Entscheidungen.
Internetrecherchen können schnell überfordern. Sinnvoll ist es, medizinische Informationen gezielt mit ÄrztInnen zu besprechen oder seriöse Quellen zu nutzen. Betroffene sollten sich auf professionelle, verlässliche Informationen stützen, statt der Informationsflut aus dem Internet zu viel Aufmerksamkeit zu schenken.
Krebs betrifft nie nur eine Person. Angehörige, FreundInnen, psychosoziale Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen können helfen, die emotionale Belastung zu teilen und praktische Fragen zu klären. Aber Achtung: auch das persönliche Umfeld ist durch die Erkrankung belastet. Unterstützung anzunehmen ist nicht immer leicht, alleine ist eine solche Situation aber häufig nicht zu meistern.
Termine, Therapien, finanzielle Fragen oder berufliche Unsicherheiten können schnell überwältigen. Viele Betroffene profitieren von professioneller Begleitung, etwa durch psychosoziales Case Management, das medizinische, soziale und organisatorische Aspekte verbindet.
Eine Diagnose zwingt viele Menschen, ihr Leben neu zu bewerten. Was ist wirklich wichtig? Welche Energie möchte ich wofür einsetzen? Diese Fragen können helfen, trotz Krankheit wieder Handlungsspielräume zu finden. Viele Betroffene definieren im Laufe des Prozesses ihre Prioritäten neu. Das kann ein wichtiger Schritt sein.
Sabine hat inzwischen gelernt, ihr Leben in kleinere Schritte zu teilen. „Ich plane nicht mehr Jahre im Voraus“, sagt sie. „Ich plane Wochen. Manchmal Tage.“ Und doch hat sich auch etwas verändert, das sie selbst überrascht. „Ich bin sensibler für das geworden, was zählt“, sagt sie. „Ein Gespräch. Ein Spaziergang. Ein normaler Tag.“
Für weiter Informationen: www.care-for-you.at
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