Christoph Thomann geht immer wieder zwischen Gästen und Theke hin- und her. Er geht schnell, aber nicht gestresst. Seine Tochter spielt im Innenhof, für sie hat er neben den Gästen auch Zeit. Thomann leitet das Pop-Up Offline Oida gemeinsam mit Sebastian Klasz, dem Betreiber des Lokal im Hof in der Weyringergasse 36. Die Idee entsteht innerhalb von sechs Wochen. Er habe eine zunehmende digitale Dauerbindung und Reizüberflutung im Alltag beobachtet, sagt Thomann. Bei sich selbst und im Umfeld. „Irgendwann war klar, dass es Zeit ist, etwas zu verändern”, sagt er. Er will einen „Fokus auf Zwischenmenschlichkeit” setzen und einen Ort schaffen, der bewusst entschleunigt. Gleichzeitig gehe es ihm auch um mentale Gesundheit: Viele hätten eine “Sehnsucht” nach digitalen Auszeiten.
Im Café erwartet die Gäste eine große Auswahl an Offline-Beschäftigungen (Foto: Eigene Aufnahme)
Von Samstag auf Sonntag wird im 4. Bezirk aus dem Lokal im Hof das Pop-Up Offline Oida, das erste Café in Wien, das aktiv auf digitale Geräte verzichtet. Smartphones, Tablets und Laptops bleiben draußen. Stattdessen entsteht Platz für echte Gespräche, Lesen oder Spielen.
Angekommen im Innenhof von Offline Oida wird die Stadt plötzlich zum Hintergrundgeräusch. Nicht verschwunden, nur gedimmt. Der Autolärm ist weg, eine ruhige Selbstverständlichkeit liegt über dem Ort. Nur ein paar Löffel klirren gegen Porzellan, die Musik von innen dringt nicht nach außen und das Lokal fällt hier für einen Moment aus der gewohnten Geräuschdichte heraus.
Digital Detox etabliert sich zunehmend als bewusster Gegenpol zur ständigen Erreichbarkeit im Alltag. Immer mehr Menschen suchen gezielt Orte, an denen sie digitale Geräte bewusst beiseitelegen. Thomann möchte ihnen hierfür einen Rückzugsort bieten: „Die eigene mentale Gesundheit zu schützen und dauerhaft am Handy zu sein ist kontraproduktiv.”
Gelebtes „Digital Detox“: Wer einmal nicht erreichbar sein will, ist im Café genau richtig. Dafür sorgen diese Boxen (Foto: Eigene Aufnahme)
Der Empfang ist zuvorkommend. Neben der Theke stehen 20 Glasboxen, in denen Gäste ihre Smartphones verstauen. So wollen es die Regeln des Offline-Cafés. Drei Geräte liegen an diesem Abend noch darin, bald schließt das Lokal. Gäste kommen überwiegend wegen des Konzepts ins Café, wenn sie wieder gehen, öffnen sie die Boxen mit einem kleinen Schlüssel und nehmen ihre Smartphones heraus.
Selbst die Speisekarte haben die Betreiber bewusst reduziert, sie umfasst nur zwei Seiten. Nur eine kleine Auswahl an Kaffee- und Teesorten steht neben alkoholfreien Getränken und Süßspeisen. Das soll den Gästen Entscheidungen erleichtern und sie vom üblichen Überangebot entlasten.
“Ich könnte mir zukünftig schon Frühstück vorstellen, will es aber trotzdem minimalistisch halten”, sagt Thomann. Zusätzlich gibt es die Offline Specials, mit Gesprächskarten, Büchern aus einer Kooperation mit der Bücherei Wien und Brettspiele vom Verein Paradice. Einmal pro Stunde läuft eine kurze, freiwillige Atempause, mit Musik des Wiener Non-Profit-Labels OM*YEAH, das sich auf Meditation und Healing Arts konzentriert. Auch Ein Kaffee aus Nächstenliebe gehört zum Konzept. Eine Gelegenheit, anderen einen Kaffee zu spendieren.
Im Innenhof sitzen Menschen verschiedener Altersgruppen nebeneinander, ohne sich zu überlagern. Jeder findet hier seinen Platz. Ein Mann blättert alleine durch ein Buch, eine Mutter und ihre Tochter trinken gemeinsam Tee. Am Nachbartisch spielen zwei Menschen ein Brettspiel. Bei der Bezahlung erzählen sie, sie wollen am Sonntag wiederkommen, um weiterzuspielen.
Ganz hinten hockt ein Mann, der Lebens- und Sozialberatung anbietet, kostenlos. Eine Mitarbeiterin beschreibt ihn als jemanden, der „bereit ist, jedem zuzuhören“. In einer Zeit, in der Dienstleistungen selten ohne Gegenleistung stattfinden, bringt er seine Unterstützung hier rein aus dem Wunsch, Menschen zu helfen. Der Raum ist daher nicht nur ein Café, sondern auch ein Ort, an dem der Gemeinschaftsgeist gestärkt wird. Die Menschen kommen zusammen.
Ein Gast setzt sich, bestellt und wirkt vertraut mit dem Ablauf im Lokal. Der Mann spricht von einem wachsenden Problem im Umgang mit digitalen Geräten. „Verboten ist keine gute Bezeichnung“, meint er. Digital Detox müsse gewollt sein, nicht durch Regeln erzwungen werden. Er sei in den vergangenen Wochen mehrfach im Lokal gewesen und habe sogar sein Handy in einer der Boxen vergessen. Erst in der U-Bahn sei ihm das aufgefallen.
Auch Tobias ist heute gekommen. Der 21-jähriger bezeichnet das Offline Oida als „Second Living Room“: Die Atmosphäre ohne Straßenlärm oder vorbeigehende Passanten sei für ihn ausschlaggebend und bilde einen sogenannten Safe Space. Digitale Auszeiten seien für viele eine Reaktion auf „Call Culture, Homeoffice und Dauererreichbarkeit“, sagt er. Eine Folge permanenter digitaler Bindung. „Das Café hilft einem, dem ständigen Reiz am Handy zu sein, etwas zu entkommen“, sagt Tobias.
Das Konzept zieht aber nicht nur „Digital-Detoxer“ an. Manch ein Gast stolpert auch zufällig rein, ohne die Idee zu kennen. Die meisten bleiben aber dennoch sitzen. Andere stoßen auch an ihre Offline-Grenzen. Etwa eine Frau, die zwar sagt, sie sei Stammkundin, sich dann aber wundert, dass Arbeiten am Laptop hier keinen Platz hat.
Offline Oida bleibt vorerst ein Pop-up, doch für seinen Betreiber geht es um mehr als nur ein temporäres Experiment. Thomann versteht das Projekt als Versuch, auf ein verändertes Nutzungsverhalten zu reagieren und auf das Bedürfnis nach bewussten Pausen vom Digitalen.
Ob sich daraus ein dauerhaftes Konzept entwickelt, ist offen. Klar ist für ihn nur: Der Wunsch nach Orten jenseits permanenter Erreichbarkeit wächst. „Ich könnte mir gut vorstellen, dass es irgendwann ein fixes Wochenangebot wird.“
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