Yusuf Çelik (Name geändert) verdient gerade einmal 1.200 Euro netto im Monat. Dennoch überweist er an jedem Ersten 400 Euro an seine Frau in Ostanatolien. Sie baut damit ein kleines Massageinstitut auf, während Çelik selbst in bescheidensten Verhältnissen in einem Männerwohnheim mit minimalem Komfort lebt. Diese Zahlungen geben seinem Leben Sinn. Doch rechte Politiker und ausländerfeindliche Gruppen machen derartige Rücküberweisungen zunehmend zum Thema. Wie viel Geld fließt da in Summe ab? Entsteht Österreich daraus ein volkswirtschaftlicher Schaden?
2021 veröffentlicht eine deutsche Statistik-Webseite dazu einen Bericht, der bis heute überrascht. Laut Statista.com und einer Studie der Weltbank fließt im Rahmen von solchen Rücküberweisungen fünf Mal mehr Geld von der Türkei nach Österreich als umgekehrt. Das heißt, Österreicher, die in der Türkei leben, schicken mehr Geld zurück in ihre Heimat als Türken, die in Österreich leben. 2021 betrugen die Rücküberweisungen von Österreich in die Türkei rund 32,74 Millionen Euro. Umgekehrt, aus der Türkei nach Österreich, flossen 150,32 Millionen Euro. Wie ist das möglich?
„Es wandern einfach mehr Menschen aus Österreich in die Türkei aus als umgekehrt. Das ist der einfache Grund dafür“, erklärt Claudius Ströhle, Experte für Europäische Ethnologie. Besonders Pensionisten ziehen aufgrund der geringeren Lebenshaltungskosten in die Türkei, wo ihre Renten mehr Kaufkraft haben. Die zweite Generation türkischer Migranten, die in Österreich geboren wurden, ausgezeichnete Bildung genossen und sowohl Deutsch als auch Türkisch sprechen, zieht es aufgrund der vielen Jobmöglichkeiten in die Türkei. Dazu dürfte seit 2015 ein weiteres Phänomen kommen. „Ein Teil der Geldsendungen dürfte auf in Österreich lebenden Syrer und Afghanen zurückzuführen sein, deren Familien in der Türkei leben und ihnen vermutlich Geld schicken.“
Rücküberweisungen sind weltweit ein volkswirtschaftlicher Faktor. 2023 überwiesen Migranten mehr als 800 Milliarden US-Dollar an ihre Familien in Herkunftsländern. Besonders in Entwicklungsländern sind diese Beträge eine bedeutende finanzielle Ressource. In einigen von ihnen machen sie sogar einen erheblichen Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) aus.
In Österreich spielen sie eine untergeordnete Rolle. 2023 flossen in Summe knapp 8 Milliarden Euro in Herkunftsländer von Zuwanderern. Die Überweisungen in die umgekehrte Richtung lagen bei rund 3,5 Milliarden. Die Differenz, 5,5 Milliarden Euro, macht also rund ein Prozent des BIP aus. Zudem geht ein Großteil der Überweisungen ins EU-Ausland. “Das hat positive Effekte auf die europäische Wirtschaft”, sagt Gabriele Michalitsch, Professorin für politische Ökonomie an der Universität Wien. “Der Effekt für Österreich ist somit marginal.“ Der größte Empfänger von Rücküberweisungen aus Österreich ist Deutschland. Eine Milliarde Euro fließt zu unseren Nachbarn, und umgekehrt. Etwa genauso viel kommt von ihnen zurück.
Theoretisch haben Regierungen die Möglichkeit, diese Zahlungen zu steuern, indem sie über die durchführenden Geldinstitute Gebühren erheben oder erhöhen. Im Szenario einer Blau-Schwarz-Regierung könnten Rücküberweisungen immer teurer oder strenger reguliert werden. Michalitsch sieht jedoch keinen Sinn darin: „Das Thema eignet sich nicht für einen populistischen Diskurs. Die ökonomische Bedeutung ist eher gering, und die meisten Zahlungen gehen nach Deutschland oder in die unmittelbare EU-Nachbarschaft.“
Eine Erschwerung der Rücküberweisungen durch hohere Gebühren würde jedoch diese Transfers nicht endgültig stoppen: „Wenn die Kosten zu hoch sind, werden Migranten auf informelle Wege ausweichen. Das führt zu einer Verschiebung in den Graubereich.“
Diese „Schwarzüberweisungen“ entziehen sich nicht nur der Kontrolle, sondern verzerren auch die offiziellen Statistiken. Das Verdrängen von Rücküberweisungen in den illegalen Bereich hätte negative Auswirkungen auf die Transparenz dieser wirtschaftlichen Prozesse.
Rücküberweisungen sind mehr als nur Geldflüsse. Sie verbinden Familien, stützen Volkswirtschaften und schaffen globale Solidarität. Denn einmal im Jahr hat auch Yusuf Çelik die Möglichkeit, sein Heimatland zu besuchen. Und dann gilt er in seinem kleinen Dorf als Held.
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