Die dissoziative Identitätsstörung zählt zu den seltensten, aber auch schwerwiegendsten psychischen Erkrankungen. Sie entsteht häufig durch schwere Traumata im Kindesalter und führt dazu, dass sich Betroffene in mehrere Persönlichkeiten aufspalten. Jede dieser Persönlichkeiten lebt wie ein eigener Mensch mit eigenen Vorlieben, Erinnerungen und Eigenschaften. Was bedeutet das für den Alltag der Betroffenen? Und welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Anna (Name geändert) sitzt am Küchentisch und schaut aus dem Fenster. Sie hat gerade eine Liste mit ihren Aufgaben für den Tag geschrieben, darunter Einkäufe erledigen, die Wohnung aufräumen und eine wichtige E-Mail schreiben. Doch plötzlich erstarrt sie. Ihre Hand lässt den Stift los, und ihre Haltung verändert sich. Eine „andere Persönlichkeit“ übernimmt die Kontrolle. Sie schiebt die Liste zur Seite und vergisst die Aufgaben. Stattdessen schaltet die „neue Persönlichkeit“ den Fernseher ein und setzt sich in den Sessel, als wäre nichts gewesen.
Später kehrt Anna zurück in ihren Körper und an den Tisch und bemerkt, dass der Tag schon fast vorbei ist. Die Liste liegt immer noch da, unangetastet.
Ein Gefühl von Verwirrung und Hilflosigkeit macht sich breit. Sie macht sich Sorgen und fragt sich, was in den letzten Stunden geschehen ist. Ihr fehlt jede Erinnerung daran. Anna leidet an einer dissoziativen Identitätsstörung, die sie durch unvorhersehbare Wechsel ihrer Persönlichkeiten ständig herausfordert. Diese Wechsel rauben ihr nicht nur Zeit, sondern auch Sicherheit und Kontrolle über sich selbst. Welche Ursachen liegen dieser Erkrankung zugrunde, und wie können Betroffene wie Anna Unterstützung finden?
Die dissoziative Identitätsstörung gehört zu den schwersten Formen psychischer Erkrankungen. Sie entsteht durch eine Abspaltung der Persönlichkeit in zwei oder mehr unterschiedliche Teilpersönlichkeiten. Fachleute bezeichnen diesen Vorgang als Dissoziation, also als „Spaltung“ der Persönlichkeit. Viele denken bei „Spaltung der Persönlichkeit“ sofort an Schizophrenie. Doch diese beiden psychischen Krankheiten unterscheiden sich grundlegend.
Schwere Traumata im Kindesalter verursachen häufig die dissoziative Identitätsstörung. Dazu zählen Missbrauch, körperliche oder emotionale Vernachlässigung, sexuelle und körperliche Misshandlung sowie Verrats-Traumata (auch Betrayal-Trauma genannt).
Der Körper entwickelt Dissoziation als Schutzmechanismus, um Traumata zu bewältigen. Die Persönlichkeit spaltet sich auf, sodass nicht eine einzelne Person alle Belastungen und Schicksalsschläge tragen muss.
Kinder, die Gewalt und enormen Stress erleben, können diese Erfahrungen oft nicht allein verarbeiten. Dissoziation hilft ihnen, das Unerträgliche abzuspalten und so zu überleben. Da dieser Mechanismus unbewusst abläuft, erfahren Betroffene oft erst Jahre später durch eine Diagnose von der Spaltung.
Die Primarpersönlichkeit, die den Alltag meistert, nennt sich „Host“ (zu Deutsch: Gastgeber). Die durch die Spaltung entstandenen Teilpersönlichkeiten heißen „Alters“ (zu Deutsch: anders, verändert)
Die Alters unterscheiden sich oft stark voneinander. Sie können unterschiedliche Namen, Vorlieben, Geschlechter, Altersstufen, Gestik und sogar Allergien und Sehstärken haben. Sie kontrollieren abwechselnd Gedanken und Verhalten.
Ein Wechsel der Persönlichkeiten geschieht meist unauffällig, manchmal aber auch mit körperlichen Symptomen. Betroffene wie Anna kämpfen oft mit der Herausforderung, plötzlich in Situationen aufzuwachen, die ihnen völlig fremd erscheinen.
Wenn ein anderer Alter übernimmt, kann es passieren, dass die aktuelle Persönlichkeit keine Erinnerungen an das vorherige Gespräch oder die Umgebung hat. Dieser Zustand führt häufig zu Verwirrung.
Teilpersönlichkeiten nehmen nicht immer aktiv an den Ereignissen der Außenwelt teil. Häufig entsteht eine Art „Bewusstseinslücke“, weil andere Alters die Kontrolle übernehmen. Dies erschwert den Alltag erheblich, da Betroffene ohne Vorwarnung in Situationen geraten, die ihnen unbekannt erscheinen.
Eine vollständige Heilung der dissoziativen Identitätsstörung ist nicht möglich. Dennoch bieten Psychotherapie, Traumatherapie, Medikamente und die Integration der Persönlichkeitsanteile wichtige Ansätze zur Linderung der Symptome.
Zum Schluss zwei hilfreiche Empfehlungen für alle, die sich intensiver mit diesem Thema auseinandersetzen möchten:
· Video 1
· Video 2
Diese Videos bieten wertvolle Einblicke in das Leben mit einer dissoziativen Identitätsstörung und fördern Verständnis und Respekt gegenüber den Betroffenen.
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