Auf der Bühne der Wiener Staatsoper zu stehen, ist für viele Sänger die Erfüllung eines Traums. Zu ihrem Lebensunterhalt trägt es aber nicht zwangsläufig bei. Junge Sängerinnen und Sänger wie der Countertenor Johannes Pietsch, der Österreich beim heurigen 69. Song Contest in Basel vertritt, erhalten gerade einmal zehn Euro pro Abend. Pietsch, bekannt unter seinem Künstlernamen JJ, war mit diesem “Einkommen” in Nebenrollen im „Macbeth“, „Billy Budd“ oder „Tschick“ sowie als 1. Knabe in der „Zauberflöte“ zu sehen.
In der Oper nennt sich das „Kindertarif“, obwohl Pietsch und andere, die mit zehn Euro für ihre Performance das Auslangen finden müssen, längst in ihren Zwanzigern sind. Erreichbar für eine Stellungnahme dazu ist er für campus a nicht, aber ein anderer Sänger schüttet sein Herz aus. „Zehn Euro sind nichts, das ist klar, aber das macht nichts. Unsere wahre Bezahlung ist die unglaubliche Chance, die uns die Oper bietet.“ Nachsatz: „Wären uns die zehn Euro zu wenig, gäbe es hundert andere, die sie akzeptieren würden.“
Der Weg nach oben ist für junge Talente steil und vielleicht ist das gut so. Aber geht es hier nicht auch um Respekt? Und sollte sich die prestigeträchtige Staatsoper mit ihren 99,8 Prozent Auslastung und 78,5 Millionen Euro an Subventionen (Saison 2022/2023) diesen Respekt nicht auch leisten können? Auf campus a-Anfrage schickt das Pressebüro des Hauses am Ring eine E-Mail, in der von einem Missverständnis die Rede ist.
„Die von Ihnen zitierten 10 Euro pro Vorstellung als Gage gibt es so nicht. Unsere Schülerinnen und Schüler der Opernschule, das gilt sowohl für die Kinder wie auch für die jungen Erwachsenen, die sogenannten ‘Operateens’, erhalten für die Auftritte an der Wiener Staatsoper kein Gehalt. Die 10 Euro sind eine minimale Aufwandsentschädigung und haben mit einer Gage für fertig ausgebildete Solistinnen und Solisten oder Chormitgliedern gar nichts zu tun.“
Davon, dass dies offenbar auch für einige „Operatwens“ gilt, ist in der E-Mail nicht die Rede. Pietsch ist immerhin schon 23. Dafür geht es um den Wert der Ausbildung an der Oper: „Was diese jungen Menschen in der Opernschule jedoch erhalten – und das um ein ‘Schulgeld’ von 75 Euro pro Semester – ist eine fundierte und umfassende musikalische Ausbildung an einem der renommiertesten Opernhäuser der Welt, sowie zahlreiche Auftritte, um Praxiserfahrungen zu sammeln“, heißt es in der E-Mail weiter. „Abgesehen davon, dass diese Praxiserfahrungen quasi ‘priceless’ sind, liegen die 75 Euro pro Semester weit unter vergleichbaren Freizeitangeboten für Kinder beziehungsweise Jugendliche oder Musikschulen.“
Wenn es die Talente ganz nach oben schaffen, entschädigt sie die Branche auch wirtschaftlich für den bescheidenen Start. Die Honorare internationaler Stars wie Anna Netrebko sind geheim, Schätzungen zufolge liegen sie pro Auftritt im fünf- bis niedrigen sechsstelligen Bereich. Laut Forbes-Magazin kommt die russisch-österreichische Sopranistin so auf ein Jahreseinkommen von 3,34 Millionen Euro. Die Abendgagen des deutsche Tenors Jonas Kaufmann erreichen regelmäßig 50.000 Euro oder mehr.
Auch die Leitung der Wiener Staatsoper verdient gut. Operndirektor Bogdan Roščić bezieht ein Grundgehalt von 280.666 Euro jährlich und nutzt einen Dienstwagen, ein E-Auto. Die kaufmännische Geschäftsführerin Petra Bohuslav verdient laut dem Corporate Governance-Bericht der Staatsoper 200.560 Euro jährlich.
Das Mindestgehalt für Solisten liegt laut dem Kollektivvertrag für die Bundestheater seit September 2024 bei 2815,43 Euro brutto pro Monat. In der Praxis variieren die Gehälter stark. Eine Musikerin der Wiener Staatsoper gab auf der Arbeitgeber-Bewertungsplattform Kununu etwa ein Bruttogehalt von 5.564 Euro an. Diese Zahlen sind allerdings Durchschnittswerte und hängen von individuellen Verhandlungen, Reputation und Engagement ab.
Pietsch kann inzwischen auf den Gewinn beim Song Contest hoffen. Dann winken ihm üppige Werbeverträge und sprudelnde Streaming-Einnahmen. Von der European Broadcasting Union als Organisatorin bekäme er neben einem gläsernen Mikrofon aber auch nur einen warmen Händedruck. Sie zahlt nicht einmal zehn Euro für die Performance.
Verfasse auch du einen Beitrag auf campus a.