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„Medien sollten unabhängig von der Politik funktionieren“

NZZ-Österreich Korrespondentin Meret Baumann im Gespräch mit Eva-Maria Ramsauer und Bernadette Krassay über die Medienlandschaft Österreichs im Vergleich zu jener der Schweiz, Inserate als politisches Steuerinstrument und die vielfältigen Chancen der unabhängigen Medien.
Eva-Maria Ramsauer  •  2. März 2025 Volontärin    Sterne  12
Meret Baumann ist Österreich Korrespondentin für die NZZ in Wien. (Foto: Georg Aufreiter)
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Meret Baumann kommt aus Zürich und ist Journalistin der NZZ. Von 2013 bis 2019 war sie schon einmal Korrespondentin in Wien. Nach fünf Jahren zurück in der Heimat, kam sie 2024 wieder nach Österreich. Sie beobachtet die politische und mediale Lage des Landes mit einem objektiven Blick von außen.

campus a. Wie nehmen Sie die Medienlandschaft Österreichs im Vergleich zu jener der Schweiz wahr? 

Meret Baumann. Ein wesentlicher Unterschied ist sicher diese große Abhängigkeit der österreichischen Medien von der Politik. Zum einen über die Medienförderung, bei deren Vergabe eigentlich die politischen Gegebenheiten keine Rolle spielen sollten. Zum anderen sind da die Inserate, die auch nicht nach rein objektiven Kriterien geschaltet werden, sondern ein bisschen nach Belieben. Beim ORF schließlich ist der politische Einfluss ohnedies gegeben, wie auch der Verfassungsgerichtshof festgestellt hat.

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campus a. In der Schweiz ist das anders?

Meret Baumann. In der Schweiz ist das weniger ausgeprägt der Fall. Beim öffentlich-rechtlichen Sender SRF (Schweizer Radio und Fernsehen, Anmerkung) werden bestimmte Positionen auch politisch besetzt, aber ich nehme weniger stark wahr, dass jemand hineinzuregieren versucht. Ein weiterer großer Unterschied ist die Macht des Boulevards. Es gibt in Österreich mehrere mächtige Boulevardmedien, die viel politischer sind als diejenigen der Schweiz. Das hat sich auch ins Fernsehen verlagert, wenn wir an OE24 denken. So etwas kenne ich aus der Schweiz nicht.

campus a. Ist die Nähe zwischen Politik und Medien in Österreich problematischer als in der Schweiz?

Meret Baumann. Ja, ich finde schon. Das liegt auch daran, dass Österreich so zentralisiert ist. Wien ist das politische Zentrum, das wirtschaftliche Zentrum, das kulturelle Zentrum und das mediale Zentrum. Alle Journalisten und alle wichtigen Politiker sind hier und kennen sich oft. Die Schweiz ist viel dezentraler. Das politische Zentrum ist Bern, das wirtschaftliche und mediale Zentrum ist Zürich und es gibt auch noch die unterschiedlichen Sprachregionen.

campus a. Die FPÖ hat ihr eigenes Medienimperium aufgebaut und ist nun von klassischen Medien unabhängig. War das aus ihrer Sicht eine kluge Maßnahme?

Meret Baumann. Ja, eindeutig. Die FPÖ war da eine Pionierin und hat früh damit begonnen. Jetzt wollen das viele Parteien kopieren. In den USA, wo es ja keine starken öffentlich-rechtlichen Sender gibt, kommuniziert Donald Trump nur mit ihm nahestehenden Journalisten oder über seine eigenen Social-Media-Kanäle. Den Erfolg des FPÖ-Konzeptes dokumentieren auch die Zugriffszahlen auf YouTube oder TikTok. Zwischen der FPÖ und der ÖVP liegen da Welten.

campus a. Warum ist die FPÖ in den sozialen Medien so erfolgreich? Ist sie einfach professioneller, moderner und strategisch besser aufgestellt?

Meret Baumann. Die FPÖ hat da einen Vorsprung und ich denke, dass diese Reichweite ihren Erfolg mit erklärt. Gerade auch bei den jungen Wählerinnen und Wählern. Dort war sie bei der letzten Nationalratswahl besonders stark, wie die Analysen zeigen.

campus a. Können da die anderen Parteien überhaupt noch aufholen?

Meret Baumann. Das ist vermutlich schwierig. Eine solche Nutzung muss authentisch rüberkommen. Bei der FPÖ ist das der Fall, weil sie das schon so lange macht. Ich weiß nicht, ob es authentisch wirken würde, wenn jetzt Christian Stocker oder Andreas Babler beginnen würden, junge Wählerinnen und Wähler vor allem auf TikTok ansprechen zu wollen.

campus a. Die FPÖ beklagt seit Jahren eine ungerechte Behandlung durch die Mainstream-Medien und stellt sich gerne als deren „Opfer“ dar. Ist das gerechtfertigt oder nur Strategie?

Meret Baumann. Aus meiner Wahrnehmung wird sie nicht grundsätzlich kritischer behandelt als anderer Parteien. Die FPÖ hat ein kontroverses Programm und eine scharfe Rhetorik, das wird entsprechend thematisiert. Natürlich werden FPÖ-Politiker beim ORF kritisch befragt, aber das gilt auch für Vertreter anderer Parteien. Interviews mit Andreas Babler etwa sind auch sehr kritisch und die SPÖ hat sich deshalb auch beklagt vor den Wahlen. Das ist ein Vorwurf, der sich durchzieht bei den Parteien. Private Medien haben oft eine politische Ausrichtung – auch die NZZ. Politiker können das kritisieren und es steht ihnen natürlich auch frei zu sagen, dieses oder jenes Medium ist mir zu links oder zu rechts, mit denen spreche ich nicht. Die FPÖ sagt offen, dass sie die sogenannten „Mainstream-Medien“ nicht braucht, weil sie ihre eigenen Kanäle hat. Die Opferrolle gehört zu ihrer Strategie und ihrem Marketing. Sie mag in Einzelfällen sogar gerechtfertigt sein, meistens ist sie es aber nicht und trotzdem funktioniert sie bei ihren Wählerinnen und Wählern verlässlich.

campus a. Eine Schweizer Vergleichspartei zur FPÖ wäre die SVP (schweizerische Volkspartei, Anmerkung). Sie ist wie die FPÖ EU-kritisch, setzt sich für die Neutralität ein und steht auch dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk kritisch gegenüber. Wie würden Sie das Verhältnis zwischen der SVP und den Schweizer Medien beschreiben, im Vergleich zum Verhältnis der FPÖ und den österreichischen Medien?

Meret Baumann. Die SVP kritisiert SRF weniger radikal als die FPÖ den ORF, was auch mit der Vielsprachigkeit der Schweiz zu tun haben mag. In der französischen und der italienischen Schweiz ist SRF identitätsstiftender. Die FPÖ möchte die Haushaltsabgabe ganz streichen, die SVP will sie „nur“ halbieren. Da ist ein gewisser Unterschied sichtbar, aber beide Parteien machen Politik mit ihrer Kritik an den öffentlich-rechtlichen Medien. Aber wie gesagt, ich nehme diese Strategie bei der FPÖ viel stärker wahr als bei der SVP.

campus a. Machen wir einen kleinen Themensprung: Wie wirkt sich die Inseratenpolitik der österreichischen Regierung auf die Medienfreiheit aus?

Meret Baumann. Meiner Meinung nach geht es hier nicht um Medienfreiheit im engeren Sinn. Die Inseratenpolitik ist zweifellos eine Möglichkeit der politischen Einflussnahme, das schon, aber beim Stichwort Medienfreiheit schwingt immer der Gedanke an Verbote und Zugangsbeschränkungen mit. Ungarn zeigt aber, wie stark sich Medien durch Inseratenvergaben beeinflussen lassen. Das ist ein Problem. Medien sollten immer unabhängig von der Politik funktionieren können.

campus a. Führt die Inseratenvergabe in der Schweiz zu ähnlichen Problemen?

Meret Baumann. In der Schweiz gibt es keine derartige politische Inseratenvergabe. Es gibt Informationskampagnen des Bundes wie während der Coronapandemie oder auch in der Energiekrise, aber diese vielen Sinnlos-Inserate der öffentlichen Hand kenne ich aus der Schweiz nicht. Das tut ja auch den Medien nicht gut, weil sie sich davon abhängig machen.

campus a. Gibt es in Österreich ihrer Meinung nach direkten oder indirekten Druck in den Redaktionen, bestimmte Themen nicht oder nur abgeschwächt zu behandeln?

Meret Baumann. Den gibt es sicher. Ich selbst erlebe das zum Glück nicht. Auf internationale Medien hat Österreichs Politik ja kaum Druckmittel.

campus a. Hat die unabhängige österreichische Medienlandschaft überhaupt noch eine Zukunft?

Meret Baumann. Unbedingt hat sie eine Zukunft, das ist gar keine Frage. Es gibt ja immer wieder neue Medienprodukte online, Podcasts, neue Formate, Newsletter und alles Mögliche. Ich glaube einfach, dass die privaten Medien versuchen müssen, sich von der Politik unabhängiger zu machen, um weniger beeinflussbar zu sein.

campus a. Drei Tipps, die Sie angehenden Journalistinnen und Journalisten geben würden?

Meret Baumann. Etwas Sinnvolles studieren oder eine andere gute Ausbildung, die einem strukturiertes Denken lehrt und Fachkenntnis beibringt. Neugierde und Interesse an Menschen sind unabdingbar. Außerdem viel lesen, hören und schauen. Ohne tiefem eigenem Interesse an journalistischen Produkten geht es meines Erachtens nicht.

campus a. Vielen Dank für das Gespräch!

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Projektes „Die Paris-Lodron-Universität Salzburg macht Journalismus“.
Es ist ermöglicht mit freundlicher Unterstützung durch dm drogerie markt und Salzburg AG.

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