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Skifahren als rechtsextremer Code & Nazi-Ufos der FPÖ Tirol

Wie Rechtsextreme Tiktok navigieren und prägen.
Adrian Kreuzspiegl  •  15. Juli 2025 Volontär    Sterne  12
Das beliebte rechtsextreme Motiv der „Reichsflugscheibe“ auf der Tiktok-Seite der FPÖ Tirol (Foto: Adrian Kreuzspiegl)
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Anm.: Ursprünglich diente dieser Essay als Textprobe für eine österreichische Tageszeitung. Aufgrund der nun öffentlichen Diskussion rund um FPÖ-Tirol-Landes-Chef Markus Abwerzger erscheint er nun hier. Er entstand Ende Mai bis Juni. Auf die laufende Debatte nimmt der Text daher keinen Bezug. Alle in diesem Text genannten TikTok-Videos der FPÖ Tirol wurden bereits entfernt. Der Text kann als Ergänzung zum ebenfalls auf campus-a veröffentlichten Artikel (https://campus-a.at/2025/07/10/fpo-tirol-eklat-um-rassistische-entgleisung-auf-tiktok/) gelesen werden.

Kenner des rechtsextremen Milieus beobachten seit Längerem, dass sich die Rechtsextremen von heute in ihrem Auftreten und ihrer Ästhetik vom klassischen Neonazi-Look abgrenzen. Die rechtsextreme Identitäre Bewegung, allen voran ihr ehemaliger Sprecher Martin Sellner, ist dafür ein bekanntes Beispiel. Statt Springerstiefeln, schwarzer Lederware, einschlägigen Tattoos und Glatze setzen sie auf modernere Haarschnitte und unauffällige Freizeitkleidung. Die Akzente wurden subtiler. Parallel zu dieser Wandlung hat sich aber auch der Auftritt im Internet weiterentwickelt. Auf TikTok etwa etablieren sich Rechtsextreme mit neuen Codes, Symbolen und „Memes“ und bringen es damit zu hoher Reichweite. Die deutsche Bildungsstätte Anne Frank geht bereits von einer rechten Hegemonie im deutschsprachigen TikTok aus. Das zeigt sich auch an der Wahlurne, in Deutschland und Österreich können AfD und FPÖ immer mehr Erstwähler für sich gewinnen.

Im Mainstream-Diskurs schiebt man den Erfolg der Rechten im Netz gerne auf die Algorithmen der großen Plattformen. Denn schrille, affektgeladene und verkürzte Inhalte binden Nutzer länger als Ruhe und Kontext. Die so erregte Aufmerksamkeit wird durch Werbeeinnahmen zu Geld gemacht und füllt stetig die Taschen der Tech-Oligarchen. Dazu geben Trollfabriken und Heerscharen an Bots, dirigiert von Putin und Co., rechtsextremen Inhalten zusätzlichen Aufwind. Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (NEOS) bezeichnete diese Methode in ihrem letzten ZIB-2-Interview sogar als die „Wunderwaffe“ der Autokratien.

Doch womöglich machen es sich Liberale, Linke und klassische Konservative zu einfach, wenn sie den rechten Erfolg bloß auf bekannte Feindbilder zurückführen: Für Liberale sind es vordergründig Autokratien und ihre Troll-Armeen, für Linke die Macht der Konzerne, des Kapitals und der Oligarchen. Auch wenn beides relevante Faktoren sind, unterschätzt man so das Geschick und die Jugendkultur-Affinität der Rechtsextremen, die sich auf TikTok längst abzeichnet.

Rechtsextreme Bilderwelten TikToks

Auf TikTok kursiert ein Video, in dem etwa Markus Abwerzger, der Landesparteiobmann der FPÖ Tirol, auf seinem offiziellen TikTok-Kanal einen Anruf der fiktiven Nazi-Geheimgesellschaft „Vril“ entgegennimmt, Parfum-Influencer Jeremy Fragrance vor einem viralen „Agartha“-Hintergrund tanzt oder eine harmlos anmutende Aufnahme aus einer Skigondel, die suggerieren will, dass „Weiße“ nur noch auf Skipisten vor Migranten und Kriminalität sicher seien. (Anm.: Agartha ist die Verschwörungstheorie rund um eine mystische arische Zivilisation im Erdkern.)

Einem Normalbürger, der seine Zeit nicht in den Endlosschleifen TikToks fristet, wird all das noch reichlich absurd erscheinen, aber das macht die Inhalte nicht harmlos. Hohe Zuschauerraten sowie zahlreiche Likes und Kommentare legen nahe, dass die Inhalte auch jenseits der rechten Blase Anklang finden. Während die FPÖ Tirol eine politische Agenda verfolgt, sind Influencer wie Jeremy Fragrance vor allem auf Unterhaltung aus und springen dafür auf Trends auf. Die Grenzen zwischen Provokation, Ironie, Ideologie und Humor verschwimmen dabei zunehmend. Es ist daher auch davon auszugehen, dass viele der Nutzer nicht automatisch einer rechtsextremen Gesinnung anheimfallen, wenn sie sich über die Absurdität eines in den arisch besiedelten Erdkern (Agartha) rasenden Nazi-UFOs („Reichsflugscheibe“) amüsieren. Dennoch geht damit eine schleichende Verharmlosung und Normalisierung vormals tabuisierter Inhalte wie Nazi-Symbolen und der NS-Ästhetik einher.

Parfum-Influencer Jeremy Fragrance tanzt vor einem „Agartha“ Hintergrund inkl. „Reichsflugscheiben“ (Foto: Adrian Kreuzspiegl)

Das beliebte rechtsextreme Motiv der „Reichsflugscheibe“ auf der Tiktok-Seite der FPÖ Tirol (Foto: Adrian Kreuzspiegl)

Markus Abwerzger, Landesparteiobmann der FPÖ Tirol, erhält einen Anruf der Nazi-Geheimgesellschaft „Vril“ (Foto: Adrian Kreuzspiegl)

Historisch gesehen assoziieren Menschen die Kunst der Subversion, Transgression und Ironie eher mit progressiven Counterculture-Bewegungen: Dadaismus, Situationisten, Punk, Hippies, Queer Culture und anderen. Doch durch ihre Nähe zur Online- und Gaming-Kultur und ihr Aufwachsen im Social-Media-Zeitalter hat die Alternative Rechte in einigen dieser Aspekte online Anschluss gefunden.

Eines der bekannteren Beispiele für die Fusion von Jugendkultur und rechten Botschaften war der von einer Sylt-Party ausgehende Trend, den Refrain von Gigi D’Agostinos Eurodance-Hit L’amour toujours, mit dem unter Rechtsextremen altbewährten Ruf „Ausländer raus“ zu begleiten. Dass sich die primitiv-rassistische Parole „Ausländer raus“ geradezu perfekt in den Refrain einfügen lässt, ist zwar dem Zufall geschuldet – doch die Aneignung popkulturell erfolgreicher Musik ist kein Einzelfall.

Erfolgreiche Aneignung von Musiktrends

Wer sich vom TikTok-Algorithmus eine Zeit lang rechte Kurzvideos zuspielen lässt, merkt bald, dass die rechtsextremen TikTok-Clips fast ausnahmslos mit affektiver und ohrwurmtauglicher Musik unterlegt sind. Meist sind es poppige Eurodance- oder Disco-Hits, in beschleunigtem Tempo oder verschnitten mit aktuell angesagten Trance-Beats. Die Musikaffinität fällt auch außerhalb der rechten Blase auf TikTok auf. Selbst TikTok-User fernab der rechtsextremen Szene kommentierten zuletzt amüsiert, die Rechtsextremen hätten „the best music taste known to man“, also den besten Musikgeschmack überhaupt, weil es ihnen oft gelingt, die richtigen Hits zu erkennen, ihre Videos damit zu unterlegen und so früh Trends zu setzen. Unter dem von TikTok mittlerweile gesperrten Schlagwort „Save Europe“ finden sich auf Musik-Streaming-Anbietern wie Spotify zahlreiche Playlists bestehend aus den Lieblingshits der Rechtsextremen Szene auf TikTok und wurden bereits hunderttausendfach gespeichert. Nicht alle dieser Zuhörer sind notwendigerweise überzeugte Rechtsextreme, doch die Reichweite zeigt, wie erfolgreich sich die Szene zwischen Popkultur und Subkultur positioniert.

Rechtsextreme Hitparaden auf Spotify (Foto: Adrian Kreuzspiegl)

Bilderwelt und Symbolik der Online-Rechten

Zur schrillen Musik flitzen dann in hoher Frequenz Bilder mit unterschiedlichsten Motiven über den Schirm. Beliebt sind Ritter und Krieger nordischer oder antiker Herkunft, blonde Frauen, blaue Augen, Christoph Waltz in NS-Uniform, europäische Schlösser, Burgen oder Altstädte, diverse Raubtiere und sehr häufig idyllische Berglandschaften.

Nordische Mythologie und die Verklärung ihrer Helden waren schon unter den Nationalsozialisten beliebt. Die Rückbesinnung auf die Antike zeigt sich nicht zufällig auch im Logo der rechtsextremen Identitären Bewegung, das Anleihen an der Insigne des Schilds der Spartaner nimmt. Die Botschaft: Der maskuline Spartaner schützt die europäische (weiße) Zivilisation vor der von Osten einfallenden Multi-Kulti-Horde. Andere Motive lassen sich weniger eindeutig zuordnen, passen aber aufgrund von übergeordneten Konnotationen wie Maskulinität, Stärke oder Patriotismus ins Gesamtbild. Der für TikTok typische Videostil entspricht dabei der Logik eines Moodboards oder einer Collage. Viele der Videos kommen gänzlich ohne Text aus. Sie funktionieren über Assoziationen. Die FPÖ will damit eine Stimmung erzeugen.

Skifahren und Rassismus

Berglandschaften sind in diesem Zusammenhang ein besonders beliebtes Motiv. Vergangenen Winter etablierte sich ein kurioser TikTok-Trend: Videos aus Skigebieten, häufig gefilmt aus Gondeln, versehen mit Suggestivfragen wie etwa, warum es auf Skipisten weniger Kriminalität gebe und weshalb sich ein Österreich nur noch dort sicher fühle. Die implizite Antwort: Dort sind kaum Migranten. Der FPÖ kommt dieser Trend gelegen, er erlaubt die Verknüpfung von Heimatromantisierung und dem Nationalsport Skifahren mit einer klar rassistischen Botschaft.

Idyllische Berglandschaft mit rassistischer Botschaft (Foto: Adrian Kreuzspiegl)

 Jugendsprache

Auf TikTok betitelt die FPÖ Tirol eine Aufnahme einer Almlandschaft mit den Worten „Mohammed spawn rate 0“ und bedient sich dabei eines Idioms aus der Gaming-Kultur. Die spawn rate gibt an, wie oft oder wie schnell bestimmte Dinge (z. B. Gegner oder Tiere) erscheinen (engl. to spawn = auftauchen). Die Botschaft: Auf den idyllischen Almen erscheinen keine „Mohameds“. Die FPÖ greift damit offensichtlich die bereits beschriebene Darstellung der ausländerfreien Berge und Skipisten als weißen Safe Space auf. Das Video wurde über zwei Millionen Mal aufgerufen und erhielt rund 300.000 Likes. Dabei ist unklar, wie viel davon organische Interaktion ist und wie viel auf Bots zurückzuführen ist. Es ist dennoch von einer enorm hohen Reichweite auszugehen.

Radikalisierung und Solidarisierung 

Problematisch ist, dass der TikTok-Algorithmus die Neugier auf rechte Montage- oder Meme-Videos zum Anlass nimmt, Nutzer künftig weit weniger subtile rechtsextreme Inhalte zuzuspielen. In der Extremismusforschung gilt das als ein gut dokumentierter Pfad zur Radikalisierung.

Darüber hinaus eignen sich die Codes zur Solidarisierung, die umso wirksamer ist, weil sie in einem gänzlich öffentlichen Raum stattfinden kann. In den Kommentarspalten derartiger TikTok-Videos signalisieren sich Rechtsextreme, Radikalisierte oder schlicht Mitgerissene gegenseitig, dass sie mit den mehr oder weniger subtilen Botschaften vertraut sind. Diese Form der gegenseitigen Identifikation schwappt auch in die Kommentarbereiche unpolitischer Inhalte über wie etwa bei Videos, die lediglich denselben Hit-Song verwenden oder in einem völlig anderen Kontext Berglandschaften zeigen. Kommentare wie „For white Europe“ oder „Our song“ erhalten auch dort Zuspruch und tausende Likes. So entsteht ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die sich über subtile Signale verständigt und sich auch jenseits expliziter Botschaften gegenseitig bestätigt. In einer Zeit, in der die Einsamkeit von Jugendlichen auch wissenschaftlich belegt zunimmt, birgt dieses Zugehörigkeitsgefühl zur rechten Online-Subkultur einen besonderen Reiz.

„Brainrot“ als Tarnung

Die gesteigerte Intensität der TikTok-Inhalte, also schneller, härter, hektischer, schriller und wirrer, wird mittlerweile für „brainrot“ verantwortlich gemacht: das popkulturelle Wort für das zunehmend auch wissenschaftlich belegte „Verfaulen des Hirns“, also das Verkümmern der kognitiven Leistung und die Verkürzung der Aufmerksamkeitsspanne durch den übermäßigen Konsum überladener, erratischer Inhalte. Dieser Trend hilft den Rechten allerdings bei der Tarnung rechtsextremer Codes und Botschaften, denn die damit einhergehende Unübersichtlichkeit und Unschärfe erlaubt es selbst rechten Mainstream-Parteien wie der FPÖ, in vollkommener Öffentlichkeit auf rechtsextreme und nationalsozialistische Inhalte Bezug zu nehmen.

Die bei der Burschenschaft des Parteiobmanns der FPÖ Niederösterreich, Udo Landbauer, gefundenen Naziliederbücher bestimmten noch 2018 wochenlang den niederösterreichischen Landtagswahlkampf. Anspielungen auf „Reichsflugscheiben“ oder Nazimythen wie die Geheimgesellschaft „Vril“ auf einem offiziellen TikTok-Kanal der FPÖ Tirol hingegen bleiben bereits weit unter der Wahrnehmungsschwelle der breiten Öffentlichkeit.

Es ist freilich keine Neuigkeit, dass Parteien aktuelle Social-Media-Trends aufgreifen und wiederkäuen. Es gibt kaum noch Politiker, die sich noch nicht überreden haben lassen, den ein oder anderen Tiktok-Tanz vorzuhüpfen, in der Hoffnung, den Anschluss an Jungwählern zu halten. Man erinnere sich in diesem Zusammenhang zum Beispiel auch an die demokratische Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris, die 2024 quasi über Nacht vom Internet zu „brat“ erklärt wurde, eine Zuschreibung der Jugend-Pop-Ikone Charli XCX, welche vom Harris-Kampagnenteam nur allzu gerne aufgenommen wurde.

Die Online-Strategie der Rechten hat jedoch eine andere Qualität und ein anderes Ziel. Denn Humor und Ironie fungieren hier als trojanisches Pferd zur Enttabuisierung rechtsextremer Inhalte und zur Verharmlosung nationalsozialistischer Ästhetik. Die Grenze zwischen Ideologie und Humor verschwimmt. Kritiker können leichter als humorlos abgetan werden. Bleiben diese Versuche, NS-Bezüge und rechtsextreme Codes zu etablieren, ohne Konsequenzen, werden rechte Parteien die Grenzen weiter austesten.

Wie reagieren?

Kritik und Aufklärung alleine werden dem rechten Treiben auf TikTok keinen Einhalt gebieten. Es wird nicht reichen, darüber zu diskutieren, was als Humor gelten darf, während Rechtsextreme längst bestimmen, worüber sich TikTok amüsiert. Es bleibt auch keine Zeit, abzuwarten, bis das Internet und die Algorithmen politisch zureichend reguliert werden. Bis es so weit ist, wird es an jungen Demokrat:innen liegen, eigene Narrative zu setzen, eigene Codes und Trends zu etablieren. Denn aktuell haben die Kräfte, die die liberale Demokratie befürworten, auf TikTok nicht die gebührliche Präsenz. Rechte erhalten zwar Unterstützung von Bots, aber die algorithmische Bevorzugung zugespitzter, kurzer und affektiver Inhalte könnten sich grundsätzlich auch Liberale und Linke zunutze machen.

Die sich im Widerstand zu Trump formierende amerikanische „No Kings“-Bewegung etwa greift mit ihrem Slogan auf eine über Jahrhunderte geführte politische Auseinandersetzung zurück. Die Geschichte ist reich an entsprechendem Bildmaterial, Zitaten aus Streitschriften und Tonspuren, die nur darauf warten, zusammengeschnitten und mit Hits unterlegt zu werden, um die demokratische politische Kultur ins Digitale zu übersetzen. Die politische Kommunikation über Emotionen und Ästhetik widerstrebt zwar bürgerlich-intellektuellen Sensibilitäten und der Logik aufgeklärter Technokratie – doch gerade, um junge Bürger:innen zu erreichen, muss der emotional-ästhetischen Ebene mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit geschenkt werden wie der kognitiv-intellektuellen. Emotionalisierung muss nicht mit Instrumentalisierung einhergehen und in Aufhetzung münden, und gekonnte Verkürzung kann auch als Prägnanz verstanden werden. Aufklärungsmaterial und Faktenchecks haben einen wichtigen Platz, aber zur Brechung der rechten Hegemonie und um der ohnehin bestehenden Wut, den Ängsten, Sorgen und der Frustration zu begegnen, braucht es zudem kreativere und facettenreichere Kommunikationsstrategien – im Dienst der Demokratie.


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