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Fiago im Interview: Vom Insta-Hobby zur Stimme des Fußballs

Finn Agostinelli, alias Fiago, im campus a Interview: Warum indische Fußballfans ihn feiern, europäische Medien ihn lange ignorierten und was Social Media kann, was TV nie schaffen wird.
Anna-Katharina Patsch  •  19. Juli 2025 CvD    Sterne  250
Fiago im Gespräch mit Ex-Real-Madrid-Star Marcelo bei einem Interview in Berlin. (Foto: Finn Agostinelli)
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Finn Agostinelli, besser bekannt als Fiago, ist einer der einflussreichsten Fußball-Creator im Netz. Über zwei Millionen Follower verfolgen seine Analysen, Stadion-Vlogs und internationalen Fußball-Geschichten. Was als Instagram-Seite eines 14-Jährigen begann, ist heute eine globale Fußballmarke auf TikTokYouTube und Co. Sein Fokus: nicht nur die Champions League, sondern auch Fußballrealitäten in Indien, Brasilien oder Neuseeland.

Doch wie wird man ausgerechnet als deutscher Creator zum Sprachrohr einer weltweiten Community? Warum fühlte sich Fiago weder ganz zu Hause im traditionellen Journalismus noch in der deutschen Medienlandschaft? Und: Macht Social Media den klassischen Sportjournalismus eigentlich überflüssig?

campus a: Wann hast du mit  Social Media begonnen?  

Ich hab 2015 angefangen, da war ich 14, noch mitten in der Schule. Damals war das einfach nur ein Hobby. Ich hab eine Instagram-Seite gestartet, aus Spaß, weil ich Bock auf Fußball hatte. Ich hatte nie den Plan, dass das mal mein Beruf wird oder irgendwas Großes daraus entsteht. Es war einfach ein Hobby. Aber dann kamen immer mehr Leute dazu und das hat mich natürlich auch motiviert. Nach dem Abi habe ich mir gesagt: ‘Okay, ich probier’s jetzt einfach mal Fulltime.’ Da hatte ich schon eine kleine Community die dranbleiben wollte. 

Wieso hast du so früh angefangen?

Es waren Ferien, und ehrlich gesagt – es war pure Langeweile. Damals gab’s noch kein TikTok, also hab ich auf Instagram angefangen. Ich habe einfache Bilder gepostet mit meiner Meinung zu Fußball. Keine Videos, kein Gesicht, nur Fotos von Ronaldo und Co. mit meiner Meinung dazu. Total unprofessionell, aber echt. Die ersten Monate hat das kaum jemand gesehen, nach drei Monaten hatte ich vielleicht tausend Follower. Diese alten Posts sind auch noch online. Andere finden das vielleicht Cringe, aber das war mein Start.

Fiagos erster Instagram-Post im Oktober 2015. (Foto: Instagram)

Wie haben das deine Freunde aufgenommen? Wurdest du dafür belächelt?

Ich glaube, mein Vorteil war, dass ich mich am Anfang gar nicht gezeigt habe. Die Leute konnten die Beiträge sehen, wussten aber nicht, dass ich dahinterstecke. Dadurch blieb viel Gerede aus. Trotzdem gab’s ein paar, die wussten Bescheid und fragten mich: „400 Follower? Und dafür machst du jeden Tag was?“ – als wär’s sinnlos. Aber genau die Leute sind später die Ersten, die sagen: „Ey, voll cool, was du machst! Hab dich immer supportet.“ Das muss man einfach ausblenden und sein Ding durchziehen.

War das schon immer dein Traumjob?  

Ja, es ging bei mir schon immer um Sport. Wie viele wollte ich als Kind Fußballer werden. Das Thema war aber schnell durch. Danach wusste ich nur: Ich will irgendwas im Fußball machen. Ich hatte nie einen klaren Plan, aber Sportjournalismus oder Moderator war schon mit zwölf ein kleiner Traum. Am Ende ist es dann auf meine Art genau das geworden. Deshalb bin ich heute echt happy damit.

Warum hast du dich schon mit 14 für englischsprachige Inhalte entschieden?  

Das fragen mich viele: Warum auf Englisch? Ganz einfach: Meine Vorbilder kamen alle aus der UK oder den USA. Ich habe fast nur englischsprachige Creator geschaut, deutsche hatte ich nicht wirklich auf dem Schirm. Deshalb war’s für mich logisch, auch auf Englisch zu starten. Heute denk ich mir manchmal: Deutsch wär vielleicht sinnvoller gewesen. Aber als dann die ersten Follower da waren, war ein Wechsel schwierig. Die meisten verstehen eben kein Deutsch. Nur etwa zehn Prozent meiner Community kommen aus dem deutschsprachigem Raum. Da würde ein Umschwenken keinen Sinn mehr machen.

Wieso wäre Deutsch teilweise sinnvoller? 

 Die Reichweite ist auf Englisch deutlich größer, da die Zielgruppe ist viel größer ist. Aber was die Monetarisierung angeht, wär Deutsch vermutlich einfacher gewesen. Gerade am Anfang wurde ich in Deutschland oft gar nicht als Creator wahrgenommen. Bei Events von Fußballvereinen war ich selten auf dem Radar, weil mein Content nicht auf Deutsch war. In der UK war’s dann ähnlich: Da war ich der Deutsche, also auch irgendwie Außenseiter. Ich hing ein bisschen zwischen den Welten. Inzwischen hat sich das aber gut eingependelt. Ich kann mich echt nicht beschweren.

Woher kommt deine Community?

Es ist je nach Plattform unterschiedlich, aber insgesamt kommt der Großteil meiner Community aus der UK. Danach folgen die USA, und dann überraschend viel aus Asien, vor allem Indien. Ich war letztes Jahr dort, habe mir den Fußball vor Ort angeschaut, das hat sicher mit reingespielt. Und auch Brasilien ist stark vertreten, ist ja bekanntlich ein absolutes Fußball-Land.

Versuchst du dann gezielt auf diese Follower einzugehen?  

Ich interessiere mich tatsächlich auch persönlich für indischen Fußball. Was in Deutschland eher ungewöhnlich ist. Letztes Jahr war ich dort, habe mir Spiele vor Ort angeschaut und war total begeistert. Seitdem sind viele indische Fans dazugestoßen, und ich bringe regelmäßig Content dazu. Weil sie sich auch gesehen fühlen wollen und außerhalb Indiens redet kaum jemand darüber. Es gibt dort viele Herausforderungen wie Korruption im Verband, und ich find’s wichtig, solche Themen auch international sichtbar zu machen. Klar, die meisten, die meine Videos zu indischen Spielern schauen, kommen auch aus Indien. Aber mir geht’s darum, solche Themen auch international sichtbarer zu machen, gerade wenn’s um Ungerechtigkeiten oder um Fortschritte im Fußball dort geht. Das gilt für jedes Land: Wenn sich was bewegt, wenn was schiefläuft oder wenn ein positives Zeichen gesetzt wird, dann will ich das auch zeigen. 

Hat der herkömmliche Sportjournalismus im TV oder in der Zeitung noch Zukunft? 

Gute Frage! Ich glaube nicht, dass klassische Medien wie TV, Print oder Radio aussterben, die bleiben ein wichtiger Teil der Medienlandschaft. Aber klar ist auch: Social Media wird immer wichtiger. Man sieht’s daran, dass selbst traditionelle Sportjournalisten heute aktiv auf Instagram oder X sind. Gerade bei großen Sendern wie Sky sind die Leute nicht nur vor der Kamera, sondern auch in den Sozialen Medien unterwegs. Ich denke, wer heute in den Medien erfolgreich sein will, braucht beides. Nur das eine reicht nicht mehr. Ich selbst bin komplett über Social Media gestartet, aber wenn die Möglichkeit für TV kommt, sollte man das unbedingt kombinieren.

Wieso glaubst du entwickelt sich das so? 

Wer Social Media nicht mitnimmt, verpasst einfach was. Der Zugang ist ganz anders: Man kann sich direkt mit Vereinen, Spielern oder auch Journalisten verbinden. Im TV siehst du jemanden, aber auf Social Media kannst du Fragen stellen, kommentieren, interagieren. Gerade bei Themen wie Transfers siehst du auf X oft Journalisten, die direkt auf Fanfragen antworten. Das schafft Nähe, und genau das ist heute extrem wichtig.

Kannst du dir vorstellen neben deinen Social Media Kanälen auch als Moderator oder Kommentator im TV zu arbeiten? 

Ja, auf jeden Fall, das finde ich super spannend. Ich durfte mal ein Bundesliga-Spiel für Sky kommentieren, auf Englisch, im Rahmen eines Pilotprojekts. Das Spiel wurde weltweit kostenlos auf TikTok gestreamt, mit unserem Kommentar. Das war eine richtig interessante Mischung, eine Verbindung zwischen traditionellem Fernsehen und Social Media. Ich finde es stark, dass Ligen und Sender inzwischen solche Formate testen. Gerade für Leute wie mich, die von Social Media kommen und nicht den klassischen Journalistenweg gegangen sind. 

Würdest du dich selbst als Journalist oder als Influencer bezeichnen?  

Ich würde mich ehrlich gesagt lieber als Journalist bezeichnen. Der Begriff Influencer hat in meinem Umfeld oft ein negatives Image, einfach weil es so viele verschiedene Arten gibt, und leider auch einige, die dem Ganzen keinen guten Ruf verschaffen. Wenn mich jemand fragt, der nicht aus der Szene kommt, sage ich deshalb: ‘Unabhängiger Journalist auf Social Media’. Das beschreibt es eigentlich auch besser, denn im Kern ist es genau das, was ich mache.

Ab wann konntest du von deinen Beiträgen leben? 

Ich lebe eigentlich seit dem Abi von Social Media, aber anfangs nicht nur über meine eigenen Kanäle. Ich habe auch Freelance für Firmen im Fußballbereich gearbeitet, und deren Social Media gemacht. Seit 2022 kann ich komplett von meinen eigenen Inhalten leben. Das war auch der Moment, als ein Management auf mich zukam, was extrem geholfen hat. Ich bin nicht der Typ, der ständig Deals verhandeln will. Ich will mich auf Content konzentrieren.

Wusstest du mit 14 schon, dass du irgendwann Geld damit verdienen könntest?  

 Vielleicht habe ich’s insgeheim gehofft, nicht direkt am Anfang, aber so nach ein paar Monaten. Ich hatte nach sechs Monaten schon 10.000 Follower, das ging relativ schnell. Dann sieht man auch, dass andere damit Geld verdienen, und denkt sich: könnte klappen. Aber ich habe mich die ersten Jahre gar nicht gezeigt, erst ab 18. Davor war’s einfach ein Bild von einem Spieler und meine Meinung dazu in der Caption. Kein Gesicht, keine Stimme, nichts Persönliches. Und solange dich niemand kennt, ist es auch schwer, Reichweite in echte Einnahmen zu verwandeln. Erst als ich mich gezeigt habe, wurde der Content persönlicher und erst dann kamen auch Firmen auf mich zu.

Die Club-WM, und die FIFA, wurde von vielen Persönlichkeiten kritisiert. Wie stehst du dazu, in deinen Berichten?  

Ich sehe das Ganze etwas positiver als viele in Deutschland oder Österreich. Ich war anfangs auch skeptisch. Es gab Verletzungen, Musiala zum Beispiel, und man hat deutlich gemerkt: Die Spieler waren einfach müde. Aber ich war selbst in Miami beim Spiel von Bayern und war überrascht. Die Stadien waren zwar nicht voll, aber die Stimmung war stark. Besonders die südamerikanischen Teams, gerade Brasilien, waren mit voller Leidenschaft dabei. Für sie war das ein Riesending, endlich mal gegen europäische Klubs zu spielen. Ich finde, es ist ein bisschen eng gedacht, wenn man nur aus Europa sagt: „Interessiert doch keinen.“ Für Fans in Asien, Südamerika oder Afrika war die Club-WM ein echtes Highlight. Und genau das passt auch zu meinem Content: Ich mache bewusst nicht nur Videos über die großen Ligen, sondern auch über die oft unterschätzten Fußballwelten in Afrika, Asien oder Südamerika. Für die war dieses Turnier eine riesige Chance, sich zu zeigen.  

Agostinelli traf Jamal Musiala bei der EURO 2024. (Foto: Privat Agostinelli)

Ist die Club-WM auch vorwiegend spannend wegen der Sichtbarkeit für kleinere Vereine?

 Ja, das stimmt. Am Ende hat mit Chelsea wieder ein europäisches Team gewonnen. Sichtbarkeit ist ein großes Thema, aber auch finanziell ist das Turnier extrem relevant, vor allem für Vereine außerhalb Europas. Fluminense hat, soweit ich weiß, über 60 Millionen Euro eingenommen, das ist richtig viel. Und dann gab’s noch ein Amateurteam aus Neuseeland, das 0:10 gegen Bayern verloren hat. Die Spieler mussten sich Urlaub nehmen, aber der Klub hat trotzdem ein paar Millionen verdient. Genau solche Geschichten finde ich an der Club-WM spannend, nicht unbedingt, wer am Ende gewinnt, sondern was drumherum passiert.

Wer war der eindrucksvollste Fußballstar den du bisher getroffen hast und wie war die Begegnung? 

 Schwierig, aber ich glaube Zinédine Zidane. Für mich einfach eine absolute Legende. Der Typ hat eine krasse Aura, du merkst sofort, wenn er den Raum betritt. Ich durfte ihn mit zehn anderen Leuten treffen und habe sogar meinen Vater mitnehmen dürfen. Zidane war sein Idol. Das war ein richtig besonderer Moment für uns beide. Wir haben über eine Stunde mit ihm gesprochen, später noch zusammen ein Spiel geschaut. Ich habe auch mal mit Neymar gedreht. Er war auch überraschend sympathisch und echt cool. Aber bei Zidane war es nochmal was anderes.  

2023 traf Agostinelli den Brasilianischen Fußballer Neymar Jr. (Foto: privat Agostinelli)

Welche Ziele verfolgst du derzeit? 

Wenn’s um Fußballer geht, die ich unbedingt noch treffen will. Ganz klar: Messi und Ronaldo. Das ist der absolute Holy Grail für jeden, der im Fußball-Content unterwegs ist. Und ansonsten: Reisen! Ich will unbedingt zur WM 2026 in die USA, nach Kanada und Mexiko. Außerdem will ich weiterhin Länder zeigen, die in Europa fußballerisch oft unter dem Radar laufen. Brasilien steht Ende des Jahres an, Indien auch wieder, und ich möchte unbedingt noch nach Japan. Mir geht’s darum, nicht nur Fußball zu zeigen, sondern auch die Kultur dahinter. Das macht den Reiz für mich aus.

Welche Tipps kannst du jungen sportbegeisterten Journalisten mitgeben, die ebenfalls Social Media machen wollen? 

Ich kenne echt viele die eigentlich sehr viel Talent für Social Media oder Content Creation hätten, aber sich nicht trauen anzufangen. Dabei müssen die ersten Videos gar nicht gut sein. Meine waren’s definitiv nicht. Man lernt das mit der Zeit – Schritt für Schritt. Viele haben Angst, dass es peinlich ist, wenn nur zehn Leute zuschauen oder das Umfeld komisch reagiert. Aber das ist total normal, jeder fängt klein an. Meine alten Posts sind alle noch online, genau deshalb: Sie gehören zu meiner Reise. Und ich glaube, Perfektionismus hält viele davon ab, überhaupt loszulegen. Also wirklich: Einfach machen. Nicht warten, bis alles perfekt ist. Das wird’s nie sein. Und nur wer startet, hat überhaupt die Chance, das irgendwann als Job zu machen. 


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