Eine Aluminiumkapsel, ein kurzer Moment Genuss und dann? Jährlich landen Millionen Kaffeekapseln im Müll. Doch was, wenn aus dem vermeintlichen Abfall neues Leben entsteht? campus a machte sich auf den Weg ins oberösterreichische Pettenbach, wo das auf CO₂‑neutrales Recycling spezialisierte Greentech-Startup Seccon im Auftrag der Altstoff Recycling Austria (ARA) gebrauchten Nespresso-Kapseln ein zweites Leben schenkt. Hier, zwischen surrenden Maschinen und Kaffeegeruch, zeigt sich, ob die Nachhaltigkeitsstrategie von Nespresso hält, was das Unternehmen verspricht. Was steckt hinter den grünen Bekenntnissen des klaren Marktführers seiner Branche?
Herzlich ist der Empfang, als vier junge Journalisten von campus a den kleinen Sitzungsraum in Pettenbach betreten. Auf dem Tisch einige Kunststoffbehälter, die Müll zu enthalten scheinen. Sie sind das eigentliche Thema der für campus a exklusiven Pressereise, stellt sich heraus. Sie werden gleich der Beweisführung dienen, weshalb es ökologisch ganz okay ist, pro Tasse Kaffee rund ein Gramm Aluminium zu entsorgen.
Leicht werden wir nicht zu überzeugen sein. Denn Nespressos Kaffeekapseln stehen immer wieder in der Kritik. Die Herstellung jeder einzelnen Kapsel erfordert Energie, Wasser und Rohstoffe. Es entsteht zu viel Müll, heißt es. Weltweit landen jährlich Milliarden gebrauchter Kapseln auf den Deponien. Aluminium ist zwar grundsätzlich recycelbar, doch vielen Ländern fehlt die Infrastruktur zur korrekten Trennung und Wiederverwertung. Dazu kommen menschenrechtliche Fragen.
„Die Aluminiumproduktion ist energieintensiv und durch den dafür notwendigen Bauxit-Abbau häufig mit Risiken für Menschenrechte und Umwelt in Ländern des Globalen Südens verbunden“, sagt Stefanie Marek, Sprecherin der Menschenrechtsorganisation Südwind Österreich. Laut einer Schätzung der Dialog- und Netzwerkplattform World Economic Forum ist die Förderung von neuem Aluminium für zwei Prozent der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich.
Hier sammelt Nespresso Pluspunkte. „Neue Kaffeekapseln bestehen zu mindestens 80 Prozent aus recyceltem Aluminium“, versichert Marianne Neumüller-Klapper, Nachhaltigkeitsdirektorin von Nespresso Österreich. Recycelt bedeutet nicht, dass die Kapseln auch davor schon Kapseln waren. Sie können auch Getränkedosen, Flugzeugteile, Kochtöpfe oder Fahrradrahmen gewesen sein.
Aus alten Kaffeekapseln entsteht bei der Firma „Seccon“ ein neues Produkt. (Foto: Amin Zaazou)
Die Recyclingquote von Nespressos Kaffeekapseln ist auch in Österreich nach wie vor gering. 38 Prozent finden ihren Weg zurück in die 2.100 Sammelstellen. Womit Österreich noch über dem europäischen Schnitt von 30 Prozent liegt. Bis 2030 will Nespresso eine Recyclingrate von 60 Prozent erreichen.
Was kann nun die Seccon-Recyclinganlage, derer sich Nespresso im Rahmen eines Pilotprojektes bedient? Altstoffsammelzentren und Billa Plus-Filialen in Oberösterreich füttern sie mit allen Arten von Kapseln, auch von Nespressos Konkurrenz. Diese bestehen nicht alle aus Aluminium. Es gibt sie auch aus Kunststoff und kompostierbare Varianten. Initiiert wurde das Projekt vom Österreichischen Kaffeeverband und der ARA „Von Oktober 2023 bis April 2025 haben wir in der Pilotregion Oberösterreich, Krems-Land und Schwechat rund 400 Tonnen Kaffeekapseln gesammelt“, erklärt Seccon-Chef Jürgen Secklehner. In der Testregion erhöhte sich die Sammelmenge dadurch um circa 30 Prozent im Vergleich zum vorherigen Zeitraum. Das gesammelte Material lässt sich vielseitig wiederverwenden, weiß Secklehner, der dazu seit mehreren Jahren mit der FH Salzburg forscht. Für Aluminium und Kunststoffe sind die Recycling-Prozesse bereits etabliert, aus Kaffeeresten entstehen unter anderem Dünger, Ölbindemittel oder Tischplatten.
Die Maschinen von „Seccon“ zerkleinern die einzelnen Kapseln und trennen sie anschließend nach Materialbestandteilen. (Foto: Amin Zaazou)
Die Umweltorganisation Greenpeace zeigt sich von den Bemühungen unbeeindruckt. „Einzelverpackungen für Kaffee verursachen unnötigen Müll, sind schwer zu recyceln und belasten die Umwelt viel mehr als loser oder in Großpackungen verkaufter Kaffee“, sagt Ursula Bittner, Sprecherin bei Greenpeace. „Solange sich dieser Kern des Geschäfts nicht ändert, bleibt das Produkt von Grund auf problematisch und jegliche Recyclingbemühungen sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.“
Bittner lenkt damit die Aufmerksamkeit auf eine Debatte, die am eigentlichen Kern vorbeizugehen droht. Denn der Kapselkaffee hat längst einen festen Platz im Alltag vieler Konsumenten gefunden. Ein Verbot steht aktuell nicht zur Diskussion, und auch Aufrufe zum Boykott zugunsten umweltfreundlicherer Alternativen haben bislang in kaum einer Branche nachhaltige Wirkung gezeigt. Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob Kapseln überhaupt noch verwendet werden sollten, sondern vielmehr, wie sie gestaltet sein müssen, um ökologischen Anforderungen gerecht zu werden.
Ein Blick auf die CO₂-Emissionen im Produktzyklus zeigt: Der Großteil des Treibhausgases fällt nicht durch die Verpackung an, sondern durch den Anbau des Kaffees. Laut einer Studie der global tätigen Umwelt‑ und Nachhaltigkeitsberatung Quantis lassen sich 11 Prozent der Emissionen auf die Verpackung und 35 bis 46 Prozent dem Anbau zurechnen. Der Rest entfällt unter anderem auf die Logistik.
Die Studienautoren untersuchten auch die unterschiedlichen Arten, Kaffee zu konsumieren. Sie verglichen Nespresso mit Aluminiumkapseln, kompostierbaren sogenannten Coffee Balls, Vollautomaten mit Bohnen sowie herkömmliche Filterkaffeemaschinen. In puncto CO₂-Emissionen schnitten Nespresso-Kapseln (106 Gramm CO₂-Äquivalent pro Tasse), Coffee Balls (107 Gramm) und Filterkaffee (105 Gramm) nahezu gleich gut ab. Ein Ausreißer nach oben ist mit 139 Gramm der Vollautomat.
Nespresso reicht das nicht. Schließlich sind die Blicke der Kritiker auf den Marktführer gerichtet. Deshalb hat Nespresso bereits 2003 unter anderem das sogenannte AAA Sustainable Quality Program ins Leben gerufen, das ebenso prominente wie renommierte Mitbetreiber hat. Denn dabei ist auch die Rainforest Alliance, eine internationale Organisation, die sich für den Schutz der Natur, bessere Lebensbedingungen von Bauern sowie für nachhaltige Landnutzung und Lieferketten einsetzt. Die Nachhaltigkeitsstrategie der Kapselfirma geht demnach über die CO₂-Emissionen hinaus. „Wir haben uns der Qualität verpflichtet und dazu gehört, dass wir auf eine regenerative Landwirtschaft setzen.“
„Regenerative Landwirtschaft“ bedeutet für Nespresso, per ganzheitlichem Ansatz die Bodenfruchtbarkeit zu sichern, die Biodiversität zu fördern und gleichzeitig die Lebensgrundlagen der Kaffeebauern zu schützen. Das beinhaltet die Unterstützung von Kaffeeproduzenten beim ökologisch nachhaltigen Anbau und bei Marktzugängen. Mehr als 168.000 Kaffeebauern sind mittlerweile Teil des Programms. Laut firmeneigenen Angaben stammen 91 Prozent des verwendeten Kaffees aus dem AAA-Programm.
Für Ursula Bittner von Greenpeace ist der Begriff „regenerative Landwirtschaft“ allerdings problematisch. „Im Gegensatz zu biologischer Landwirtschaft ist er nicht klar definiert“, sagt sie. So bleiben Schlupflöcher und Spielräume, die keine echten Verbindlichkeiten oder Verantwortung schaffen.”
Stimmt das? Die Kontrollmechanismen bei Sozial-, Öko- und Siegel-Initiativen wie dieser sind komplex und anfällig für Fehler und Kritik. Im Nespresso-Programm kontrollieren sogenannte Agronomen die Einhaltung der Prinzipien. Sie reisen zu den Plantagen, teilweise unangekündigt, und berichten Nespresso über die Umstände vor Ort. Ein unabhängiges Institut, das die Zustände überprüft, ist nicht dabei. Wobei Nespresso betont, dass die Kontrolle durch externe Partner erfolgt und nicht etwa durch Konzernmitarbeiter, so Neumüller-Klapper.
Jasmin Obrecht (li) und Marianna Neumüller-Klapper (re) von Nespresso versichern: „Die Ziele sind ambitioniert, aber auch da sind wir auf einem guten Weg.“ (Foto: Amin Zaazou)
Teil des AAA-Programms zu sein, bringt den Bauern auch keine Zertifizierung. Allerdings sind 57 Prozent des Rohkaffees, der in den Kapseln landet, durch Siegel etwa von Fairtrade International oder Rainforest Alliance zertifiziert.
Hundertprozentig bauen können Konsumenten aber auch auf renommierte Organisationen wie diese beiden nicht. Die Rainforest Alliance scheint in der Kritik zu sein. Greenpeace bewertet das Siegel im Vergleich zu anderen Öko-Labeln als mittelmäßig streng. Stefanie Marek von Südwind Österreich sieht den Standard von Rainforest Alliance als Schritt zur nachhaltigen Produktion, es sei aber kein verlässliches Siegel für fairen Handel oder ökologischen Anbau. „Vielmehr ist der höchste verfügbare Standard bei der Zertifizierung von sozial und ökologisch nachhaltigem Kaffee eine Fairtrade-Zertifizierung mit gleichzeitiger Einhaltung von Bio-Standards, die auf dem EU-Biosiegel aufbauen,“ sagt sie.
Im Gespräch mit campus a verweist Nespresso regelmäßig auf den Nachhaltigkeitsbericht The Positive Cup. Der jährlich erscheinende Bericht nennt den jeweiligen Status quo zu den von Nespresso ausgegebenen Zielen. Sie wurden von der Science Based Targets Initiative (SbTI) geprüft und verifiziert.
Unter anderem will Nespresso Netto-Null Emissionen schaffen, allen AAA-Kleinbauern in bestimmten Ländern ein existenzsicherndes Einkommen garantieren und eine globale Recyclingquote von 60 Prozent für Aluminiumkapseln erreichen. Bei den meisten Zielen ist Nespresso laut dem Bericht auf einem guten Weg. Außer in Sachen Treibhausgase. Da läuft noch nicht alles wunschgemäß.
2020 deckte eine Channel-4-Dokumentation auf, dass auf mindestens sechs Kaffeeplantagen in Guatemala, darunter auch Lieferanten von Nespresso, Kinder ab acht Jahren täglich bis zu acht Stunden lang Bohnen ernteten und Säcke schleppten. Nespresso positionierte sich klar gegen ausbeuterische Kinderarbeit: „Das ist ein No-Go“, betont Neumüller-Klapper auch im Gespräch mit uns. Kinder müssten zur Schule gehen, eine sichere Kindheit erleben und Zugang zu Bildung haben. „Wenn uns Verstöße bekannt werden, setzen wir sofort den Kauf von Kaffee bei den betroffenen Farmen aus und leiten Untersuchungen ein. Wir arbeiten dann gemeinsam mit den Farmern daran, Lösungen zu finden. Würden wir Bauern nach Verstößen aus dem Programm einfach ausschließen, hätten sie keine Einkommensgrundlage und auch die Situation der Kinder würde sich verschlechtern“, sagt Neumüller-Klapper.
Im Fall Guatemala etwa habe Nespresso die Zusammenarbeit mit der betroffenen Region temporär ausgesetzt und Nachforschungen angestellt, mit folgendem Ergebnis: drei bestätigte Fälle unter zahlreichen Bauern. Seitdem traten keine Fälle mehr auf.
Mit neuen Erkenntnissen traten wir die Heimreise nach Wien an. Die Frage, ob Nespresso ohne Greenwashing-Verdacht einen Preis für Nachhaltigkeitsjournalismus unterstützen darf, lässt sich nur differenziert beantworten. Weder Greenpeace noch Südwind Österreich gaben eine Empfehlung dafür oder dagegen ab.
Der Kaffee stammt teils aus nicht zertifiziertem Anbau im globalen Süden und unabhängige Kontrollen fehlen zum Teil. Dennoch vermittelt Nespresso Österreich glaubhaft den Willen zur Innovation im Bereich Recycling, deutlicher als Firmen, die weniger im Fokus stehen. Das gemeinsame Projekt in Pettenbach wird die Nespresso-Welt nicht verändern, es ist allerdings ein vielversprechendes Beispiel für grünes Denken. Das Nespresso-Partnerunternehmen Seccon durfte sich bereits mehrfach über Auszeichnungen freuen.
Die Rückgabequote der Kapseln steigt durch diese Kooperation und eine Ausweitung des Projekts auf ganz Österreich scheint realistisch. Auch global zeigt sich das Unternehmen bemüht um Transparenz.
In dem erwähnten, jährlich veröffentlichten Nachhaltigkeitsbericht legt Nespresso offen, wo es Fortschritte gibt und wo die Herausforderungen liegen. Unsere Einschätzung: Würden sich Unternehmen in ähnlichem Maß um Nachhaltigkeit bemühen wie Nespresso Österreich, könnte das zu einer etwas grüneren und sozialeren Welt beitragen. Nespresso verfolgt dabei auch ein ureigenes, wirtschaftliches Interesse, sich in puncto Nachhaltigkeit kontinuierlich zu überprüfen. Fehler würden schneller als bei anderen Unternehmen Kritiker auf den Plan rufen, und das wäre alles andere als im Interesse des mächtigen Eigentümers, des 96 Milliarden Euro Jahresumsatz schweren Schweizer Lebensmittelmultis Nestlé.
Wir von campus a haben uns dazu entschieden, mit Nespresso im Rahmen des Preises für Nachhaltigkeitsjournalismus zu kooperieren. Das bedeutet nicht, dass Nespresso Einfluss auf Inhalte nehmen kann. Das Unternehmen hat weder Mitspracherecht bei den eingereichten Texten noch bei der Auswahl der Gewinner. Der Preis unterstützt junge Journalisten, die unabhängig zu Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen recherchieren, mit dem Ziel zu einer besseren Zukunft beizutragen. Die Gesamtunterstützung durch Nespresso beträgt 5000 Euro sowie Nespresso-Geschenkspakete, die sich Schüler im Rahmen des Nachwuchs-Projektes campus a college mit ihren Artikeln zu Nachhaltigkeitsthemen „erschreiben“ können.
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