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Dating-Apps: Vom Liebesmarkt zu Erlebnis-Plattformen

Was einst als digitaler Heiratsmarkt begann, gilt inzwischen als Erlebnis-Plattform. Valentina sucht dort eine ernsthafte Beziehung, Lea datet locker, weil sie bald in eine andere Stadt zieht, und Maja swipet aus Langeweile und hat dabei ihren besten Freund gefunden. Drei Frauen, drei Strategien. Gemeinsam zeigen sie: Wer heute auf Dating-Apps unterwegs ist, sucht nicht unbedingt die große Liebe, sondern Anschluss, Stories oder Abwechslung.
Katharina Bittner  •  28. August 2025 Volontärin    Sterne  156
Aus dem digitalen Heiratsmarkt ist eine Erlebnis-Plattform geworden. Symbole wie Likes und Herzen stehen für das Swipen im digitalen Alltag. (Foto: Shutterstock)
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Romantische Zufälle im Supermarkt? „Ich kenn niemanden, der sich so verliebt hat“, sagt Lea. Die 26-jährige Studentin aus Freiburg swipet seit Jahren durch die Apps. Für sie läuft Dating längst anders. „Ich gehe ohne Erwartung und sehr offen in jedes Date. Es ist eine coole Möglichkeit in andere Bubbles reinzuschauen und Menschen mit anderen Jobs und Hobbies kennenzulernen.“ In ihrem Auslandsjahr in Wien hatte sie bestimmt fünfzig erste Dates, einmal sogar sieben in einer Woche. „Mir macht Daten Spaß, größtenteils“, sagt sie und lacht. Die Geschichten, die dabei entstehen, sind oft mehr Plot als Lovestory.

Macht und Märkte beim Swipen

Dating-Apps sind längst kein Nischenphänomen mehr. Laut eharmony nutzen in den USA rund 34 Prozent der Männer und 27 Prozent der Frauen Dating-Plattformen. Das Ungleichgewicht prägt auch die Dynamik: Frauen erhalten im Schnitt deutlich mehr Likes, Männer müssen oft lange auf Matches warten. Die Forscher fanden außerdem heraus: Männer orientieren sich tendenziell „nach oben“, Frauen dagegen eher an gleich attraktiven oder leicht weniger attraktiven Partnern. Ein Match entsteht also meist dort, wo Frauen „Ja“ sagen, und das stärkt ihre Position. Viele Männer beschreiben frustriert, dass „alle Frauen auf 20 Prozent der attraktivsten Männer stehen“.

Doch selbst für die, die viele Matches bekommen, ist das nicht unbedingt ein Vorteil. Eine Wirtschaftspsychologin, die seit 15 Jahren zu Online-Dating forscht, spricht von einem regelrechten „Dating-Burnout“: Nutzer löschen ihre Apps oft frustriert, nur um sie kurze Zeit später wieder zu installieren. „Naja, wenn ich das nicht praktiziere, dann kann ich ja niemanden kennenlernen“, sagen viele.

Zahlen aus den USA zeigen, dass sich die Mühe manchmal trotzdem lohnt: Laut Forbes haben 10 Prozent der Erwachsenen in einer festen Beziehung ihren aktuellen Partner über eine App kennengelernt. Ein kleiner Anteil, der aber beweist: Auch zwischen Ghostings und Situationships können echte Verbindungen entstehen.

Vom Tinder-Hype zum Bumble-Boom

Auch bei den Apps selbst hat sich einiges verschoben. Tinder dominierte lange als weltweit meistgenutzte Plattform, auch in Österreich. Doch die Blütezeit scheint vorbei. Während die Konkurrenz in Form progressiver Apps wie Bumble und Hinge wächst, stagniert Tinder. Alle drei Frauen, bestätigen diesen Trend. Sie nutzen vor allem Bumble, weil dort Frauen den ersten Schritt machen oder Hinge, das ernsthafter wirkt. Unverbindliche Tinder-Treffen dagegen gelten für viele mittlerweile als überholt.

Der Trend geht also in Richtung Persönlichkeit und Kreativität. Zugleich prägt die Gen Z den Markt neu, denn sie datet offener, individueller und queerer als die Generation davor.

Dating für den Plot

Doch was sich in Zahlen und Studien zeigt, spiegelt sich auch in persönlichen Geschichten, wie jener von Lea. Ein Monat vor dem Ende ihres Erasmussemesters in Wien lernt sie Kris kennen. Ihnen war klar, dass ihre Zeit begrenzt ist. Doch beide merken schnell, wie gern sie sich haben. Also läuft es länger als gedacht. Mit ihm erlebt sie auch ihr längstes erstes Date: 24 Stunden durch Wien. Vom Biertrinken am Donaukanal über einen Marktbesuch bis hin zum Spaziergang durch die Stadt. Händchenhaltend und ein bisschen verliebt.

„Das war auch der, der mich dann nach mehr als einem halben Jahr geghostet hat.“ Sie lacht. „Manchmal ist es schon nervig, aber dafür hab ich immer gute dating stories, man machts ja auch für den Plot.“

Fünfzig erste Dates

Lea geht ohne Erwartung in ihre Treffen. „Es kommt auf die Lebenssituation an. Meine Prioritäten sind gerade nicht so auf Beziehung.“ Trotzdem swipet sie gern. Ihr macht das Spaß, „größtenteils“, wie sie sagt. Besonders während ihres Auslandsjahrs: „In Wien hatte ich bestimmt fünfzig erste Dates. Einmal sogar sieben in einer Woche.“

Ghosting, Absagen, Ausweichen. Vieles kennt Lea inzwischen. „Der Funke ist nicht übergesprungen.“ Oder „Ich habe jetzt eine andere kennengelernt, auf die ich mich konzentrieren möchte.“ Diese Formulierungen kommen beiläufig, manchmal nach einem Treffen, manchmal nach Wochen. Und immer bleibt ein kleiner Beigeschmack.

Trotzdem schätzt sie die Möglichkeiten. Sie lernt Menschen kennen, denen sie im Alltag nie begegnet wäre. Auch auf Reisen ist das praktisch. „Da können Dates manchmal schon zu richtigen Stadtführungen werden.“

Romantik sieht sie pragmatisch. „Ich glaub, ich bin nicht mehr romantisch“, sagt sie lachend. „Okay, sich Zeit für eine andere Person nehmen. Das ist romantisch.“ Und sie weiß, wie sich solche Momente anfühlen. Ein schöner erste Kuss, Picknicken in den Weinbergen, durch Wien spazieren, händchenhaltend und verliebt. „Entscheidend ist die Person, nicht, ob man sich über eine App kennengelernt hat“, sagt sie.

Am Ende bleibt für Lea oft die Stadt selbst Teil des Erlebnisses. „Wien ist eine richtig gute Stadt zum Daten.“

Dating mit Ziel

Auch Valentina, 22 und aus Graz hat schon mehrere Situationships erlebt. Manche endeten damit, dass ihr Gegenüber „doch nur Freundschaft“ wollte. Ihre Intention ist dabei klarer als bei vielen anderen. Sie sucht eine ernsthafte Beziehung. „Wenn man das reinschreibt, matcht man auch eher mit Leuten, die was Ähnliches suchen. Wenn man ‚was Lockeres‘ oder ‚weiß nicht‘ angibt, bekommt man auch genau das.“ Schon beim Profil achtet sie deshalb auf klare Signale.

Laut Valentina ist es schwierig, beim Fortgehen jemanden kennenzulernen. Denn meistens sind alle betrunken. Es ist schwer einzuschätzen, welche Einstellungen oder Hobbys der andere hat. Beim Online-Dating zeigt sich vieles gleich zu Beginn, was sie angenehm findet.

Ihre Dates gestaltet sie bewusst nüchtern. „Ich gehe lieber auf einen Kaffee. Abends mit Alkohol ist der Vibe oft anders. Dann werden aus einem Drink drei, und der Typ fragt eher, ob man noch mit zu ihm will.“ Sie kann tagsüber besser einschätzen, ob sie sich mit der Person versteht. Viele Treffen wirken auf den ersten Blick repetitiv, erzählt sie, doch das täuscht: „Wenn man sich wirklich auf Themen einlässt, wird es persönlich und unterschiedlich. Ich lerne dabei auch viel über andere Bubbles, Hobbys, Lebenswelten.“

Match ohne Lovestory

Maja, 24, aus Wien, macht eine andere Erfahrung. Aus ihrem zweiten Online-Date entsteht eine ihrer wichtigsten Freundschaften.

Sie erinnert sich noch genau: „Mein erstes Date war mit Alex. Wir haben uns auf zwei Bier im Stadtpark getroffen, am Anfang war ich nervös, aber nach ein paar Minuten war’s super chillig. Wir haben uns öfter getroffen, gemerkt, dass es charakterlich und humormäßig extrem gut vibed. Aber verliebt waren wir beide nicht. Also haben wir beschlossen, befreundet zu bleiben. Jetzt sind wir seit fast fünf Jahren sehr gute Freunde.“

Für sie spiegelt Dating auch den gesellschaftlichen Wandel wider. „Das Bild hat sich verändert. Man muss nicht mehr nach der Schule eine Ausbildung machen, Familie gründen und ein Haus kaufen. Es gibt so viel mehr Freiheit und Individualität.“

Trotzdem glaubt sie an stabile Beziehungen. „Man muss keinen Partner haben, aber es gibt viele glückliche monogame Beziehungen. Beide müssen reif genug sein, commitment zu zeigen.“ Für sich selbst hält sie es lieber locker: „Wer mich kennt, weiß, dass ich ‚nix fix‘ schrecklich finde. Ich bin aber auch kein Mensch, der nach zwei Wochen eine Beziehung haben will. Wichtig ist, dass beide offen aussprechen, wie sie sich fühlen. Muss man nicht gleich definieren, aber miteinander reden.“

Und Romantik? Maja lächelt. „Romantisch ist, wenn man weiß, was man will und das auch kommunizieren kann. Ganz entspannt und ohne Mixed Signals. Auf diese oberflächlichen Candlelight-Dinners kann ich gern verzichten, wenn der Umgang miteinander liebevoll ist.“

Die eigentliche Romantik der Apps

Am Ende zeigen Lea, Valentina und Maja vor allem eines: Online-Dating ist so vielfältig wie die Menschen, die es nutzen. Für die einen bleibt es die Suche nach etwas Festem, für die anderen Abenteuer im Alltag. Mal nervt es, mal beflügelt es, und manchmal bringt es sogar Freundschaften fürs Leben. Vielleicht ist genau das die eigentliche Romantik der Apps. Du weißt nie, ob am Ende Liebe, Plot oder beides herauskommt.


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