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Übergewicht: Die Tabuisierung einer Krankheit

Ein Kommentar über eine fremde übergewichtige Frau am Straßenrand genügt, schon bricht im Familienauto Streit aus. Eltern sprechen von Gesundheitsrisiken und Kosten, die Kinder von Bodyshaming und Respekt. Übergewicht ist längst mehr als eine medizinische Frage, es ist ein gesellschaftlicher Konflikt.
Bernadette Krassay  •  2. September 2025 CvD    Sterne  858
In Österreich sind knapp 35 Prozent der Menschen über 15 Jahre übergewichtig, etwa 17 Prozent leiden an Adipositas. (Foto: APA Picturedesk)
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Die Heimfahrt vom Wochenendausflug ist lang, die Klimaanlage summt und draußen flimmert ein Spätsommertag. Am Straßenrand geht eine Frau vorbei, übergewichtig, in Hotpants und bauchfreiem Top. „Also wirklich“, murmelt die Mutter am Beifahrersitz und wirft dem Vater einen vielsagenden Blick zu, „das geht doch nicht.“  

Der Vater nickt zustimmend und fügt hinzu, Übergewicht sei nicht nur ungesund, es verursache auch enorme Kosten für das Gesundheitssystem. Denn mehr als acht Prozent aller Todesfälle unter 85 Jahren und knapp fünf Prozent der Gesundheitsausgaben, also fast drei Milliarden Euro, sind in Österreich auf Adipositas zurückzuführen. Tendenz steigend.

Auf der Rückbank jedoch regt sich Widerstand. „Das ist Bodyshaming!“, ruft die Zwölfjährige empört. „Man darf nicht so über Menschen reden!“ Ihre ältere Schwester stimmt zu. „Vielleicht ist sie krank. Vielleicht kann sie gar nichts dafür!“ Die Eltern versuchen, mit Vernunft und Fakten zu argumentieren, doch die Kinder bleiben unbeirrbar bei ihrer Haltung: Respekt vor jedem Menschen, egal wie er aussieht. 

Warum reagieren Kinder und Jugendliche so sensibel auf das Thema Fettleibigkeit? Warum ist es für Erwachsene kaum mehr möglich, Übergewicht zu besprechen, ohne den Vorwurf des Bodyshamings zu riskieren?

„Gesellschaftlicher Wertewandel“

Cornelia Fiechtl, Gesundheitspsychologin, Klinische Psychologin und Expertin für Essverhalten und Körperbild, sagt gegenüber campus a, die Reaktion der Kinder sei kein Zufall. „Sie spiegelt einen gesellschaftlichen Wertewandel wider, der sich in den vergangenen Jahren vor allem durch Social Media, schulische Aufklärung und eine wachsende Sensibilität für Diskriminierung entwickelt hat. Jugendliche wachsen heute in einer Umgebung auf, in der Vielfalt und Selbstakzeptanz hoch im Kurs stehen.“ 

Auch Influencer propagieren „Body Positivity“ und „Body Neutrality“, an den Schulen diskutieren Lehrer mit den Schülern Themen wie Mobbing, Diskriminierung und psychische Gesundheit offen. Für Fiechtl beweist die Reaktion der Kinder, dass die Gesellschaft einen Schritt weiter ist und Sensibilisierung entwickelt.

Vor allem jüngere Generationen entwickeln zunehmend eine Sensibilisierung für adipöse oder übergewichtige Menschen. (Foto: pexels)

Gleichzeitig betont die Psychologin die Notwendigkeit dieser Kehrtwende. „Das Körpergewicht ist ein hochkomplexes Zusammenspiel aus vielen Faktoren. Jeder muss seine eigenen Stigmata hinterfragen. Menschen, die hochgewichtig sind, werden massiv diskriminiert. Wenn ich immer nur höre, nehmen Sie halt ab, dann gehe ich irgendwann nicht mehr zum Arzt. Es macht die Menschen also noch kränker.“ Dass Jugendliche gleichzeitig mehr zu Hause sitzen, Computer spielen, am Handy sind und Fastfood essen, hält sie dabei für „ein starkes Problem unserer Zeit, mit dem wir umgehen müssen“. 

Kinder unterscheiden in „fair“ und „unfair“ 

Warum aber reagieren Kinder bei diesem Thema sensibler als Erwachsene? „Während Erwachsene oft stärker die gesundheitlichen oder ökonomischen Folgen von Übergewicht im Blick haben, fokussieren Kinder zunächst auf das unmittelbare emotionale Erleben. Das erklärt, weshalb sachliche Argumente wie die Belastung des Gesundheitssystems bei ihnen wenig Wirkung entfalten“, erklärt die Psychotherapeutin Katrin Wippersberg auf Anfrage von campus a, und: „Kinder nehmen die Welt stark in Kategorien von fair und unfair wahr. Negative Kommentare über das Aussehen wirken für sie wie Unrecht, unabhängig von möglichen medizinischen oder gesellschaftlichen Argumenten.“ 

Kinder nehmen die Welt stark in Kategorien von fair und unfair wahr. (Foto: pexels)

Mit dem eigenen Kind über dessen Gewicht zu sprechen, funktioniere laut Wippersberg am besten über positive Motivation etwa durch Freude an Bewegung, gut schmeckender, gesunder Ernährung und nicht über Angst oder Stigmatisierung. „Gleichzeitig sollten Kinder lernen, dass gesellschaftliche Probleme wie Adipositas komplex sind und biologische, psychologische und soziale Faktoren zusammenspielen“, sagt sie weiter. 

4.000 Todesfälle pro Jahr

Übergewicht ist nicht mehr nur ein amerikanisches Phänomen. In Europa hat es längst Einzug gefunden. „Adipositas ist das Rauchen des 21. Jahrhunderts“, sagt die Ärztin Bianca Itariu, Vorsitzende der Österreichischen Adipositas Gesellschaft (ÖAG). Laut Statistik Austria sind knapp 35 Prozent der Menschen über 15 Jahre übergewichtig, etwa 17 Prozent leiden an Adipositas. Diese Zahlen steigen. Männer sind häufiger betroffen als Frauen. Ältere Menschen häufiger als jüngere.

Ältere Menschen sind häufiger von Übergewicht betroffen als jüngere. (Foto: APA Picturedesk)

Eine aktuelle Studie des Instituts für Höhere Studien Wien (IHS), die sich auf das Jahr 2019 bezieht, zeigt: Menschen, die mit 45 Jahren mit Hochrisiko-Adipositas leben, verlieren knapp fünf Lebensjahre und rund zehn gesunde Lebensjahre. Allein 2019 starben nach diesen Berechnungen etwa 4.000 Menschen in Österreich an den Folgen von Adipositas. Zudem erhöht Adipositas das Risiko für mehr als hundert Folgeerkrankungen, wie etwa Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder auch einige Krebserkrankungen signifikant. 

Adipositas für fünf Prozent der Gesundheitsausgaben verantwortlich

Thomas Czypionka leitet am IHS die Forschungsgruppe Gesundheitsökonomik und Gesundheitspolitik und erklärt in einem Bericht die volkswirtschaftlichen Folgen: „Wir ermitteln in unserem Modell die Kosten von Adipositas und deren Folgeerkrankungen für das Gesundheits- und Sozialsystem, aber auch für die Wirtschaft in Österreich. Angesichts der Zahlen sehen wir dringenden Handlungsbedarf. Die Adipositas-Epidemie ist keine Nebensächlichkeit, sie ist ein zentrales Problem für die öffentliche Gesundheit und unsere Wirtschaft.“ 

Laut der Vorsitzenden der Adipositas-Gesellschaft ist es dennoch wichtig, zwischen Aufklärung und Stigmatisierung zu unterscheiden. „Adipositas ist eine chronische Erkrankung, aber nicht jeder dicke Mensch ist automatisch krank, das Belegen auch zahlreiche wissenschaftliche Publikationen“, sagt sie.

Dass durch die Sensibilisierung eine Gefahr für die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen droht, da Kritiker befürchten, mehr Menschen würden dadurch dick werden, kann Itariu nicht bestätigen. „Wenn Kinder lernen, dass ein Körper nur gesund ist, wenn er schlank ist, entsteht ein verzerrtes Bild mit Folgen wie Essstörungen, Scham und Ausgrenzung. Gefährlich für Kinder ist daher weniger die sichtbare Vielfalt, als die Vorstellung, dicke Menschen seien krank. Werbung und Gesellschaft müssen Verantwortung übernehmen, indem sie Körpervielfalt zeigen, ohne zu moralisieren“, so die Internistin.

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