Kein Blut mehr. Die Risse in der Haut verheilten. Kein Juckreiz und selbstzerstörerischer Kratzzwang. Der rote Hautausschlag verschwand. So wie die tierischen Produkte im Kühlschrank. Mit dreizehn Jahren stellte ich meine Ernährung um. Von vegetarisch auf vegan. Ungewollt und per Zufall. Aufgrund eines Familienexperiments in der Fastenzeit. Vierzig Tage ohne meinen geliebten Parmesan-Käse? Unvorstellbar. Da allerdings alle anderen Familienmitglieder an der Challenge teilnahmen, stimmte ich widerwillig zu.
In den vierzig Tagen bemerkte ich eine Veränderung. Meine Neurodermitis bildete sich zurück. Nach der Fastenzeit stieg ich wieder auf eine vegetarische Ernährung um. Als meine Neurodermitis jedoch nahezu beim ersten Käsebissen zurückkehrte, stand für mich fest: Von nun an nur noch vegan.
„Kann Veganismus Neurodermitis heilen?“, frage ich Matthias Brandlmaier. Er ist Oberarzt für Dermatologie und Allergologie in Salzburg. „Neurodermitis kann man nicht heilen“, stellt Brandlmaier klar. Verschiedene Faktoren beeinflussen das schubweise Aufkommen der chronisch-entzündlichen Hauterkrankung. Ein Großteil der Patienten leidet an einer genetischen Prädisposition. Also einer vererbten Veranlagung der Eltern. Aber auch Stress, Allergene und ungünstige Umwelteinflüsse können Neurodermitis auslösen. Wenn es kein Heilmittel gibt, wie können Betroffenen ihre Symptome lindern? Steht Neurodermitis in direkten Zusammenhang mit tierischen Produkten?
„Es treten immer wieder Uneinigkeiten auf“, antwortet Brandlmaier. Auch wenn Studien den Zusammenhang zwischen Entzündungen der Haut und einer milchhaltigen, eiweißreichen Ernährung bereits untersucht haben, bezeichnet er die Studienlage als „nicht nachhaltig genug nachweisbar.“ Brandlmaier empfiehlt eine vitaminreiche, ballaststoffreiche Ernährung auf Basis von gesunden Kohlenhydraten, Proteinen, Fetten und Gemüse. Eine „ausgewogenen Mischkost, wo man sich am wenigsten selbst einschränkt“ bezeichnet er als sinnvoll. Der Allgemeinheit würde er eine ausschließlich vegane Ernährung weder empfehlen noch davon abraten. Ohne ärztliche Absprache wäre ihm persönlich das Risiko für Mangelerscheinungen durch beispielsweise Eisen-, Magnesium-, Selen- und Zinkmangel zu hoch.
Als einfacheren und allgemein umsetzbaren Punkt nennt Brandlmaier die Rückfettung der Haut. Insgesamt leiden Menschen in kalten Ländern häufiger unter Neurodermitis. Gründe sind die trockene Heizungsluft, die der Haut Feuchtigkeit entzieht. Sowie die geringere Sonneneinstrahlung, die das Entstehen entzündlicher Hauterkrankungen begünstigt. Daher hat Hautpflege mithilfe von Handcremen oder Körpercremen oberste Priorität. Beim Kauf der Handcreme sind allerdings wichtige Kriterien zu berücksichtigen. Sie sollten frei von Emulgatoren, Silikonen, Sulfate und Farbstoffe sein.
Auch die Wahl der Kleidungsstücke spielt eine wichtige Rolle. So rät Brandlmaier von synthetischen Kleidungsstücken, hergestellt aus Materialien wie Polyester, ab. Da sich durch die geringe Atmungsaktivität schnell Schweiß bildet. Da Schweiß Salze enthält, verliert die Haut Feuchtigkeit, was die Barrierefunktion zusätzlich schwächen kann. Als absolute No-Gos betrachtet Brandlmaier Make-Up, da es die Haut austrocknet. Zusätzlich rät er Peelings und Solarium-Besuchen ab.
Laut Brandlameier ist die ärztliche Betreuung jedoch die wichtigste Maßnahme. Viele Patienten schieben die Terminvereinbarung auf. Solange bis sie sich in einem kritischen Zustand befinden. Ein Verhalten vor dem Brandlmaier ausdrücklich warnt. Er empfiehlt schon bei Verdacht auf Neurodermitis einen Dermatologen um Rat zu fragen. Denn Neurodermitis tritt in vielen Arten, an unterschiedlichsten Körperstellen, Bedingungen, Lebenslagen und Alter auf. Damit Patienten ihre Neurodermitis in den Griff bekommen, ist seiner Meinung nach „ein individueller Approach“ notwendig. Dadurch können Dermatologen gezielte Empfehlungen, zugeschnitten auf den einzelnen Patienten aussprechen und vielleicht, wie in meinem Fall, durch das Raten zu einer veganen Ernährungsweise dem Jucken und Brennen der Haut ein Ende bereiten.
Inzwischen lebe ich seit sechs Jahren vegan. Auch in der kalten Jahreszeit, die früher von besonders starken Neurodermitis Schüben geprägt war, tritt meine Neurodermitis nicht mehr auf. So normal, wie es früher für mich war, unter ständigen Schmerzen, Kratzzwängen und Blutungen zu leben, so normal ist es für mich jetzt, keine tierischen Produkte zu konsumieren. Nach sechs Jahren bedeutet Veganismus Verzicht für mich. Aber nicht auf Milch, Butter oder meinen geliebten Parmesan-Käse, sondern Verzicht auf meine chronisch-entzündliche Hauterkrankung.
Verfasse auch du einen Beitrag auf campus a.