Der Preis eines Bieres sagt mehr über Gesundheitspolitik aus, als es auf den ersten Blick scheint. Wer in Deutschland oder Österreich im Supermarkt einkauft, bekommt Alkohol zu Preisen, von denen viele europäische Nachbarn nur träumen können. In Deutschland kosten alkoholische Getränke im EU-Vergleich rund 14 Prozent weniger, in Österreich etwa 11 Prozent darunter.
Ein halber Liter Bier ist im deutschen Einzelhandel oft schon für unter einem Euro zu haben, Aktionsware ist noch günstiger. In österreichischen Supermärkten bewegt sich der Preis meist zwischen 1,20 und 1,50 Euro, ebenfalls vergleichsweise niedrig. Für einen Warenkorb mit alkoholischen Getränken, der im EU-Schnitt 100 Euro kostet, zahlen Konsumentinnen und Konsumenten in Deutschland im Durchschnitt nur etwa 86 Euro, in Österreich knapp neunzig.
Was nach Konsumentenfreundlichkeit klingt, hat gesundheitspolitische Konsequenzen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation liegt der Pro-Kopf-Verbrauch von reinem Alkohol in Deutschland bei rund 10,6 Litern pro Jahr, in Österreich sogar bei knapp zwölf Litern. Beide Länder gehören damit weiterhin zu den konsumstärkeren Staaten Westeuropas. Dabei halten sich vor allem jüngere Generationen bei Alkohol schon zurück. Die Umsätze der Hersteller sinken auch. Alkohol ist als Droge kulturell tief verankert und günstig zu haben, eine Kombination mit Folgen.
Internationale Studien zur Preiselastizität zeigen seit Jahren ein klares Bild: Steigt der Preis für Alkohol um zehn Prozent, sinkt der Gesamtkonsum im Durchschnitt um vier bis fünf Prozent. Bei Jugendlichen und beim sogenannten Rauschtrinken fallen die Effekte häufig noch stärker aus. „Preis wirkt“, sagen Suchtforscher nüchtern. Wird Alkohol erschwinglicher, wird mehr getrunken, und mehr Trinken bedeutet mehr Schaden. Eine regelmäßig an die Inflation angepasste Alkoholsteuer würde verhindern, dass alkoholische Getränke real immer günstiger werden. Genau das ist in den vergangenen Jahren faktisch geschehen.
Die gesellschaftlichen Kosten sind erheblich. In Deutschland liegen die volkswirtschaftlichen Folgekosten alkoholbedingter Erkrankungen, Unfälle und Produktivitätsausfälle laut Expertenschätzungen bei deutlich mehr als fünfzig Milliarden Euro pro Jahr. Rund 47.500 Menschen sterben jährlich an den Folgen ihres Alkoholkonsums.
Auch in Österreich bewegen sich die direkten und indirekten Kosten im Milliardenbereich. Etwa für Krankenhausaufenthalte, Therapien, Rehabilitationsmaßnahmen, Arbeitsausfälle und Pflege. Laut Facheinrichtungen sollen etwa fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung alkoholabhängig sein, das entspricht rund 350.000 bis 400.000 Menschen. Alkoholabhängigkeit ist medizinisch klar als chronische Erkrankung definiert, auch wenn sie verbreitet oft noch als Charakterschwäche gilt.
Hinzu kommt eine grundsätzliche, wenn meist auch nur hinter vorgehaltener Hand gestellte Frage: Soll die Solidargemeinschaft für gesundheitliche Schäden aufkommen, die durch riskanten Konsum der Patienten selbst mitverursacht sind? Die Antwort fällt in modernen Wohlfahrtsstaaten bislang eindeutig aus: Ja, sie soll. Weshalb die Prävention an Bedeutung gewinnt. Wenn der Staat für die Folgekosten aufkommt, hat er auch ein legitimes Interesse, sie zu begrenzen.
Die Debatte über höhere Steuern, insbesondere auf Hochprozentiges, berührt mächtige Interessen. Die Alkoholindustrie und ihre Verbände verknüpfen sie regelmäßig mit Arbeitsplatzverlusten und Belastungen für Gastronomie und Mittelstand. Die Lobby ist gut organisiert und politisch einflussreich. Auch der Handel hat wenig Interesse an steigenden Preisen. Alkohol ist ein verlässlicher Umsatzbringer, Aktionsware lockt Kundschaft in die Läden.
Wer durch einen Supermarkt geht, begegnet dem Thema auf Schritt und Tritt: Sonderangebote am Eingang, Bierpaletten auf Aktionsflächen, kleine Schnapsfläschchen direkt bei den Mitnahmeartikeln an der Kasse. Für manche ist das bloß Marketing, für andere eine permanente Versuchung. Dass Schnapsfläschchen direkt bei den Mitnahmeartikeln liegen, ist eine klare Einladung zum Trinken, lautet ein häufiger Vorwurf. Die Schwelle zum spontanen Kauf sinkt mit jedem Griff ins Regal.
Ökonomisch betrachtet ist Alkohol tatsächlich ein wichtiger Markt. In Österreich gaben private Haushalte zuletzt jährlich rund 3,3 Milliarden Euro für alkoholische Getränke im Einzelhandel aus, Gastronomie und Tourismus noch nicht eingerechnet.
Und doch zeichnet sich ein Wandel ab. Die Generation Z trinkt nachweislich weniger als frühere Jahrgänge. Erhebungen der vergangenen zwei Jahrzehnte zeigen einen deutlichen Rückgang des regelmäßigen Alkoholkonsums der 12- bis 17-Jährigen in Deutschland und Österreich. Auch das sogenannte Komasaufen ist langfristig rückläufig. Gründe sind ein stärkeres Gesundheitsbewusstsein, veränderte Freizeitgewohnheiten und nicht zuletzt die Kosten. Für viele junge Menschen wäre Alkohol erst recht bei deutlich steigenden Preisen kein günstiges Alltagsgetränk mehr.
Die Frage ist also weniger, ob Preismaßnahmen wirken, sondern ob die Politik bereit ist, sich gegen wirtschaftliche Interessen und kulturelle Gewohnheiten zu stellen. Alkoholpolitik ist mehr als eine Einnahmequelle für den Staat. Sie ist ein Instrument der Gesundheitsvorsorge. Oder, wie Experten meinen: Alkohol darf nicht billiger sein als seine Folgen.
Ob Deutschland und Österreich den Mut zu höheren Steuern aufbringen, bleibt offen. Klar ist nur: Solange Alkohol im europäischen Vergleich billig bleibt, wird auch der Konsum hoch bleiben. Und mit ihm die Rechnung, die am Ende alle bezahlen.
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