Das Internet brennt. Der Tod des rechtskonservativen Polit-Aktivisten Charlie Kirk vertieft die gesellschaftliche Spaltung in den USA. Kurz nach seiner Ermordung stilisierte die republikanische Partei Kirk zum Märtyrer der Neuen Rechten. Schuld an dem Attentat trägt die „radikale Linke“, so Präsident Donald Trump.
Während die einen den Beginn eines Bürgerkriegs fürchten, kokettieren andere bereits mit kriegerischer Rhetorik. „Wir brauchen jetzt einen stählernen Willen. Charlie Kirk ist an der Front gestorben“, sagte Rechtspopulist und einstiger Trump-Berater Steve Bannon.
Ob Bürgerkrieg oder nicht, fest steht: In den sozialen Medien entbrannte bereits der Kampf um die Deutungshoheit zum Tod des 31-Jährigen. Zwischen Jubel über das Dahinscheiden eines verhassten Gegners und dem Schrei nach Rache für den Tod eines Helden bleibt nicht viel Raum für Mäßigung. Ganz im Gegenteil. Eine Flut von Falschmeldungen heizt das politische Klima zusätzlich an.
Politiker und Aktivisten mit rechter Schlagseite starteten eine digitale Hexenjagd. Das US-Außenministerium drohte mit Abschiebung und Visa-Entzug, sollten es Ausländer wagen, Kirks Ableben in sozialen Medien zu verherrlichen. Laura Loomer und andere konservative Kommentatoren veröffentlichten bereits Namen von Menschen, die das Attentat auf Kirk gutheißen. Oft mit der Aufforderung zur Vergeltung.
Für sie alle kann die Hinrichtung des 22-jährigen Attentäters Tylor Robinson nicht schnell genug kommen. Er muss noch zu Trumps Amtszeit sterben, so Loomer, andernfalls könnte der nächste demokratische Präsident Robinson begnadigen. Zugleich feiern Schlagworte wie „war“ und „civil war“, also „Krieg“ und „Bürgerkrieg“, auf dem Kurznachrichtendienst X ihr Allzeithoch an Erwähnungen.
Auf dem Nachrichtendienst X trendet die Bürgerkriegsrhetorik. Donnerstag Abend, einen Tag nach Kirks Ermordung, stieg die Zahl der täglichen Erwähnungen des Wortes „civil war“ auf 210.856. (Foto: The New York Times)
Derartige Reaktionen scheinen für das aufgeheizte politische Klima der USA mittlerweile alltäglich. Dennoch würde das Schlimmstfall-Szenario eines Bürgerkriegs nicht nur den Blutdurst einiger Radikaler stillen, sondern auch anderen Großmächten wie Russland oder China nützen. So warnte der Gouverneur von Utah, Spencer Cox, dass „Amerikas Gegner mittels der Verbreitung von Desinformation im Internet Gewalt provozieren wollen“.
Tatsächlich weisen viele der gewaltverherrlichenden Nutzerkonten auf X in ihrer simplen Aufmachung, ihrer Wortwahl und dem gewählten Veröffentlichungszeitpunkt starke Ähnlichkeiten zueinander auf. Merkmale, die in der Vergangenheit bereits auf die Beteiligung von Chatbot-Netzwerken aus China und Russland hindeuteten.
Die Welle von Falschmeldungen treibt bisweilen wunderliche Blüten. Neueste Desinformationskampagnen bedienen sich der Stars der NFL, der Profiliga des American Football, als Sprachrohr. Von den Dallas Cowboys bis zu den Denver Broncos und den San Francisco 49ers posten Fanprofile populärer Football-Teams Beiträge auf der Plattform Facebook. Auffällig dabei ist, wie sich die unterschiedlichen Nutzerkonten einem beinahe identischen Narrativ des Märtyrertodes bedienen.
Egal ob bei den „Dallas – Land of Stars“ oder den „Broncos Country Vibes“, die ähnliche Aufmachung der Beiträge lässt auf gemeinsame Urheber schließen. (Foto: Facebook / Meta.)
So legen die Postings etwa Sportstars Zitate in den Mund, in denen diese ihre unbeschreibliche Trauer zu Kirks Ermordung kundtun. Da übernehmen Sportler schon mal die Begräbniskosten Kirks, erzählen, sie wüssten, wer der wahre Mörder war, oder erklären sich bereit, für Kirks hinterbliebene Kinder zu sorgen.
Der Spieler CeeDee Lamb von den Dallas Cowboys forderte etwa seine Teammitglieder sowie die ganze Liga der NFL dazu auf, vor jedem Spiel eine Schweigeminute für Kirk einzulegen. „Sein Tod ist herzzerreißend, aber seine Botschaft gegen die WOKE- und LGBT-Community wird weiterleben. Ich werde sein Andenken ehren, so gut ich kann“, so der angebliche Lamb in einem anderen Beitrag.
Kyle Shanahan von den San Francisco 49ers sowie Bo Nix und Sean Payton von den Denver Broncos überkam ebenso ein Anfall patriotischen Eifers. In ihren jeweils eigenen Beiträgen riefen die drei auf ähnliche Art zu Schweigeminuten auf. Die Wahrhaftigkeit der Meldungen, die laut eigener Aussage „die ganze Nation aufrüttelten“, ist zweifelhaft. Auf den Seiten us.clubofsocial.com und lumo.feji.io finden sich die einzigen Erwähnungen dieser Statements.
Publikumsliebling Lamb sorgt nicht nur mit Kirk für Klicks. Dieses KI-generierte Video zeigt Lamb gemeinsam mit einem unheilbar an Knochenkrebs erkrankten 12-Jährigen. (Foto: Screenshot: Dallas – Land of Stars / Facebook / Meta)
Würden Spieler tatsächlich eine ligaweite Schweigeminute einfordern, wäre das in der Geschichte der politisch zurückhaltenden NFL eine Premiere. Ein landesweites Medienecho wäre die Folge. Zwar gab es am Tag nach Kirks Ermordung sehr wohl einen Moment der Stille in der NFL, doch geschah dieser nur innerhalb eines einzelnen Spiels zwischen den Green Bay Packers und den Washington Commanders. Die großen US-Medien berichteten.
Im Begleittext der Beiträge steht meist der Link zum restlichen Artikel. Auf externe Websites weitergeleitet, finden Nutzer eine Fülle von Artikeln vor, geschrieben im charakteristischen Slang KI-generierter Texte. Unübersichtlichkeit scheint hier System zu haben. Einzelne Titel der Geschichten erstrecken sich über mehrere Zeilen und erschweren ein effektives Navigieren. Mit Themen wie Elon Musk als Helden der Nation, Nascar und American Football richten sich die vermeintlichen Nachrichtenplattformen gezielt an ein US-amerikanischenes Publikum.
Die Krone des digitalen Lokalaugenscheins bot sich auf lumo.feji.io. Statt dem „n“ des lateinischen Alphabets verwendete die Website wiederholt den kyrillischen Buchstaben „п“. im Russischen als „p“ ausgesprochen. Die Verwendung kyrillischer oder griechischer Buchstaben ist zwar kein eindeutiger Indikator, deutete in der Vergangenheit aber mehrmals auf russische Einflussnahme hin.
Das kyrillische „п“ taucht auf der Website immer wieder auf. Ist es ein Zufall oder steckt mehr dahinter? (Foto: Screenshot: lumo.feji.io)
Im Fahrwasser nationaler Wut und Empörung erreichen derartige Facebook-Beiträge trotz inhaltlicher Mängel bisweilen mehr als 100.000 Likes. Die Wahl von NFL-Stars als Mittel zur Verbreitung von Fehlinformationen scheint von den Urhebern bewusst getroffen. Die Footballer haben parteiübergreifend hohes Ansehen. In falschen Kontexten zitiert, schaffen es Desinformationen, ein Bild staatlicher Trauer zu kreieren und die gesellschaftliche Spaltung voranzutreiben. Denn in der Gemeinschaft der trauernden Patrioten findet sich kein Platz für politische Gegner.
CeeDee Lambs vermeintliche Wortmeldung sorgte seither für rund 149.000 Likes auf Facebook. (Foto: Screenshot: Dallas – Land of Stars / Facebook / Meta)
Meldungen über vermeintliche Käufe und Transfers von Spielern ergänzen die angebotenen Falschmeldungen und verleihen ihnen den Anschein von Authentizität. Einige der Fanseiten hinterlegen sogar echte Telefonnummern. Doch wer anruft, landet nicht bei den Drahtziehern der Desinformationskampagnen, sondern in Warteschleifen oder direkt in der Service-Hotline von Disneyland.
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