„Viele junge Menschen haben keine Ahnung, woher NS-Redewendungen eigentlich stammen“, sagt Ruth Wodak, Pionierin der angewandten Sprachwissenschaft in Österreich, gegenüber campus a. Professor Martin Reisigl vom Institut für Sprachwissenschaften der Universität Wien ergänzt: „Manche Redewendungen der Nazis halten sich im Alltagsgebrauch, weil es Diskurstraditionen gibt, die nie kritisch hinterfragt wurden.“ Wodak und Reisigl sind sich einig: Nur wer die problematischen Ursprünge kennt, kann Sprache bewusst verwenden. Ein Blick auf acht besonders aufgeladene Redewendungen zeigt, was sie meinen.
Diese Redewendung stammt aus dem Lateinischen (suum cuique) und bedeutet ursprünglich: „Jeder bekommt das, was ihm zusteht.“ Philosophen nutzten sie über Jahrhunderte als Formel für Gerechtigkeit. Die Nationalsozialisten missbrauchten den Begriff: „Jedem das Seine“ stand als Inschrift am Tor des Konzentrationslagers Buchenwald.
Die Redewendung „bis zur Vergasung“ beschreibt ein endloses Wiederholen oder Betreiben von etwas. Fachleute aus der Physik führten den Ausdruck ursprünglich ein, um den Übergang eines Stoffes vom flüssigen in den gasförmigen Zustand durch Erhitzung zu benennen. Heute verbinden viele Menschen die Redewendung mit den Gaskammern der Nazis und empfinden sie deshalb als historisch stark belastet. Der österreichische Leitfaden für einen nicht-diskriminierenden Sprachgebrauch empfiehlt ausdrücklich, diese Redewendung zu vermeiden. Professor Reisigl weist allerdings darauf hin: „Gegen Diskriminierung gerichtete Sprachregelungen sind aus menschenrechtlicher und demokratiepolitischer Sicht wichtig, sie reichen aber nicht, um Diskriminierung abzuschaffen, wenn nicht gleichzeitig auch die anderen Ursachen von Diskriminierung beseitigt werden.“
Mit dem Wort „Sonderbehandlung“ meinen wir heute eine besondere, bevorzugende Behandlung. Im Nationalsozialismus jedoch war dies ein Tarnbegriff für „Mord“. Zahlreiche Protokolle, Briefe und Zeugenaussagen aus Untersuchungs- und Strafverfahren gegen NS-Verbrecher belegen, Nazis verwendeten den Begriff bewusst in dieser Bedeutung.
Die Nationalsozialisten verwendeten den Ausdruck “Lügenpresse”, um die unabhängige Presse als Feindbild darzustellen und Propaganda zu verbreiten. (Foto: pexels)
Der Begriff „Lügenpresse“ bezeichnet Medien, die angeblich gezielt Falschinformationen verbreiten. Schon während des Ersten Weltkriegs nutzten Menschen das Wort, um die Berichterstattung als manipulativ darzustellen. Die Nationalsozialisten verwendeten den Ausdruck, um die unabhängige Presse als Feindbild darzustellen und Propaganda zu verbreiten. Auch heute greifen vor allem extreme politische Gruppierungen den Begriff wieder auf, um Misstrauen gegenüber seriösen Medien aufzubauen. Mit der Verwendung des Begriffs „Lügenpresse“ untergraben Menschen nicht nur die Glaubwürdigkeit von Journalismus, sondern setzen auch eine historisch belastete Tradition fort.
Die Redewendung bedeutet, leer auszugehen oder nicht berücksichtigt zu werden. Der genaue Ursprung der Redewendung ist unklar. Manche führen sie auf mittelalterliche Praktiken zurück, andere auf die NS-Zeit und die Verbrennungen der ermordeten Juden in den Konzentrationslagern. Aus diesem Grund gilt die Redewendung als unsensibel. Auch hier empfiehlt der österreichische Leitfaden für einen nicht-diskriminierenden Sprachgebrauch diese Redewendung zu vermeiden.
Dieses Sprichwort geht auf einen Charakter aus Karl May’s Der Schatz im Silbersee zurück, der sich antrainiert, körperliche Schmerzen auszuhalten. Diese Redewendung basiert auf Stereotypen und falschen Vorstellungen über die indigenen Völker Nordamerikas. Die Redewendung vermittelt, „Indianer“ seien besonders tapfer oder schmerzunempfindlich, und reduziert damit komplexe Kulturen auf ein eindimensionales Bild. Sie verfestigt koloniale Klischees und ignoriert die Realität und Vielfalt indigener Gemeinschaften. Heute gilt die Phrase daher als problematisch und vermeidenswert.
Heute klingt dieser Jubelruf harmlos, doch 1819 begleitete er gewalttätige Ausschreitungen gegen jüdische Bürger, die sogenannten Hep-Hep-Unruhen. Ende des 19. Jahrhunderts tauchte der Ausdruck im Hetzlied Borkum-Lied (Hipp Hipp Hurra) auf. In Badeorten an der Ost- und Nordsee sangen die Besucher das Lied regelmäßig als sogenannten „Hipp-Hipp-Hurra-Marsch“ und forderten dabei jüdische Gäste auf, die Insel zu verlassen.
Ein österreichischer Fernsprecher vor dem Zweiten Weltkrieg, rechts unten das Buchstabier-Alphabet. Die meisten jüdischen Namen sind noch vorhanden. (Foto: MikroLogika)
Die Nationalsozialisten änderten die Buchstabiertafel, indem sie jüdische Namen durch „deutsche“ ersetzten, um jüdische Kultur aus dem Alltag zu entfernen. Aus „David“ machten die Nazis „Dora“, aus „Nathan“ „Nordpol“, aus „Samuel“ „Siegfried“, aus „Zacharias“ „Zeppelin“. Diese Abänderung zeigt, wie tief die NS-Propaganda in die Sprache eingriff.
„Sprache erschafft Realität mit“, betonte Wodak in einem Gespräch mit dem ORF. Martin Reisigl ergänzt: „Wichtig ist es, über die problematische Herkunft und nationalsozialistische Konnotation in öffentlichen Diskursen aufzuklären und so die Sensibilität und das allgemeine Sprachbewusstsein der Menschen zu fördern. Ohne eine weitergehende Sensibilisierung für die Problematik erreicht man mit Verboten wenig bis nichts.“
Viele Redewendungen klingen harmlos, haben aber einen viel tieferen Hintergrund. Worte sind niemals neutral: Sie können verletzen oder ausschließen, aber auch verbinden und neue Perspektiven eröffnen. Es lohnt sich deshalb, genau hinzuschauen, woher unsere Sprache kommt und welche Bilder wir weitergeben.
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