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Spartanisch war gestern: Maximalismus boomt

Je unsicherer die Welt, desto bunter die Zimmer und Kleidung: Der Trend zum Maximalismus steht für eine Generation, die als Widerstand gegen Perfektionismus und digitale Leere Gefühle feiert.
Lara Asmus  •  4. November 2025 Volontärin    Sterne  90
Reels von Sara Camposarcone in farbenfroher Kleidung. (Foto: Screenshot Sara Camposarcone)
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Übertriebenes Make-Up, künstliche Fingernägel verziert mit riesigen Edelsteinen, das Kätzchen von Hello Kitty auf den Haaransatz gefärbt, klobige Ringe und schwere Ketten, im Maximalismus gibt es kein zu laut, zu bunt oder zu auffällig.

Die in Toronto lebende Influencerin Sara Camposarcone trägt etwa Hosen mit Blumenmuster, T-Shirts mit Punkten, und dazu noch Glitzer-Schuhe. Sie hat eine halbe Million Follower auf Instagram und Modemagazine wie Vogue und Harper’s Bazaar bildeten ihren ausgefallenen Modestil bereits ab. Täglich postet Camposarcone Reels, in denen sie verschiedene Outfits präsentiert. Ein Follower beschreibt ihre Kollaboration mit der farbenfrohen Süßigkeitenmarke Skittles als perfekte Kombination. Sara lebt den Regenbogen, ihre verrückten Outfits machen sie nahbar.

Maximalismus ist eine Ausdrucksform bei der mehr statt weniger im Vordergrund steht: Viele Farben, Muster und Accessoires sorgen für eine visuelle Überladung. Im Internet zeigt sich Maximalismus nicht nur in bunten Bildern, sondern auch in der Art, wie Geschichten erzählt werden. Memes, Anspielungen und Mitmachen bei Trends formen einen eigenen, auffälligen Stil voller Ideen und Bezüge.

Maximalismus als Trend

Die Suche nach Begriffen rund um Maximalismus stieg 2025 auf Pinterest im Jahresvergleich um mehr als 200 Prozent. Pinterest-Nutzer wollen in einem gemütlichen Zuhause wohnen und sich individuell kleiden. In den sozialen Medien machen Hashtags wie Maximalismus oder Mehr ist Mehr den Trend sichtbar. Trendexperte und Psychologe Rüdiger Maas erklärt gegenüber campus a: „Social Media verstärkt diese Tendenz, da Plattformen wie TikTok oder Instagram unendlich viele Mikroästhetiken sichtbar machen wie etwa cottagecore, cluttercore, fairycore, Y2K, barbiecore etc.“

Obwohl der Trend auf den ersten Blick wahllos wirkt, betonen Maximalisten, wie kuratiert die Ästhetik wirklich ist. Souvenirs von Reisen, sentimentale Schmuckstücke, Second-Hand-Funde, die Hobbys widerspiegeln, oder selbstgemachte auffällige Teile gehören dazu. Maximalisten nähen oft leidenschaftlich, sind Häkel-Fans oder stricken pausenlos.

Mehr ist mehr Müll?

„Gut am Maximalismus ist, dass wir unsere eigenen Vorlieben entdecken, nachdem wir oft in minimalistischen Haushalten aufgewachsen sind. Schlecht ist, dass Konsum auf Rekordhoch ist und Trends im Dekor schnell kommen und gehen, sodass wir oft unbewusst Dinge anhäufen, die wir gar nicht wirklich brauchen“, sagt Steven auf campus a-Nachfrage, der sich auf Social Media Six Chrome Leaves nennt. Der in New York wohnhafte Steven teilt auf Social Media mit seinen 20.000 Followern wie er seinen Maximalismus als Interior & Dekor Fan nachhaltig hält. „Es wird immer einen neuen Gegenstand geben, den ich mir wünsche. Wenn der mir besser gefällt als ein vorhandenes Stück, tausche ich es einfach aus. Dann verkaufe ich es weiter. So setzt sich der Kreislauf fort.“

Reels von Steven mit maximalistischem Interior (Foto: Screenshot Six Chrome Leaves)

Maximalismus kann nachhaltig sein, weil viele auf Second-Hand, Vintage und Flohmärkte setzen und Produkte wiederverwenden, statt Neues zu kaufen. Upcycling und persönliche Gestaltung verlängern die Lebenszyklen von Möbeln, Kleidung und Deko. Der Fokus auf individuelle, zeitlose Stücke verringert den Druck, Trends ständig nachzukaufen, und fördert bewussten Konsum.

Maximalismus als emotionaler Ausgleich

„Je unkontrollierbarer die Welt wird, desto bunter und individueller gestalten Menschen ihre Persönlichkeit“, sagt Trendexperte Maas. Das Lebensgefühl der letzten Jahre sei von vielen Unsicherheiten wie Trump, der Covid-Pandemie und dem Klimawandel geprägt. Daher entstehe der Wunsch nach emotionaler Kompensation in Form von Farbe, Überfluss und Selbstinszenierung, bewusst oder unbewusst als Gegenpol zu Angst und Enge. Social-Media-Nutzer nennen das Dopamine Dressing, Dopamin-Kleidung, oder Mood Boosting Color, stimmungsaufhellende Farbe.

Gegen den Minimalismus

Im Duden steht, Minimalismus sei die bewusste Beschränkung auf ein Minimum, auf das Nötigste. „In den 2010er Jahren galt Minimalismus als Ausdruck von Ordnung, Effizienz und Klarheit, Werte, die in einer aufstrebenden, digital organisierten Gesellschaft sinnvoll erschienen“, sagt Maas.

Heute im Gegentrend zu Sterilität und Distanz erreiche die Generation Z durch Farbe und Lebendigkeit eine „Wiederaneignung von Kontrolle über die eigene Umgebung.“ Der Psychologe Maas sagt, farbenfrohe Ästhetik ermögliche der Generation Z, ihre Identität visuell auszudrücken, etwa durch Neonfarben als Symbol der Rebellion. Gleichzeitig werde das frühere westlich geprägte Schönheitsideal zunehmend kritisiert, während Maximalisten Diversität in Hautfarbe, Körperform, Geschlecht und Kultur feiern. Beim Maximalismus geht es also nicht nur unbedingt um mehr Besitz, sondern um mehr Diversität im Besitz und der allgemeinen Ästhetik.

Wer ist Maximalist?

Maximalisten sind Künstler, Grafikdesigner, Models, Interior Designer oder Influencer. Laut Maas leben vor allem kreative Köpfe im Marketing, der Veranstaltungsbranche oder der Modewelt diesen Trend aus. Das Onlinemagazin Buzz in Content analysiert Umfragewerte der Generation Z und identifiziert kreativen Maximalismus sogar als neue Jugendsprache. „Gerade jüngere Menschen der Gen Z empfinden das Bunte, Imperfekte als Ausdruck eines ‚echten‘ Lebens, das Raum für Emotion und Experimentieren lässt“, sagt Maas.

Von Kontrolle zu Emotion

„Als ich Anfang 20 auszog, entwickelte sich damals der Maximalismus. Ich kaufte Second-Hand und online alles, was mich ansprach, und wollte jeden Raum füllen“, erzählt der Influencer Steven. Maas erklärt Maximalismus als Wertewandel: „Minimalismus steht für Perfektion, während das Chaos der Maximalismus-Bewegung für Emotionalität und Ehrlichkeit steht.“

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