Ein Mops ringt nach Luft. Unter dem Video häufen sich Lach-Emojis und Herzchen. Hunderttausende Menschen finden das niedlich, dabei zeigt der Clip ein Tier, das kaum atmen kann.
Süße Hunde, kuschelnde Katzen, wilde Löwen, Social Media liebt Tiere. Millionen Nutzer liken, teilen und kommentieren ihre Lieblingsclips. Doch hinter den niedlichen Bildern steckt oft Leid. Für Klicks, Reichweite und Aufmerksamkeit zwingen Tierhalter ihre Tiere in unnatürliche Situationen, übertreiben Zuchtmerkmale oder verursachen Schmerzen. Was auf den ersten Blick harmlos aussieht, bedeutet für viele Tiere Stress, Angst und Qual.
Bei der sogenannten „Gurken-Challenge“ platzieren Tierhalter oder Zuschauer heimlich eine Gurke hinter ahnungslose Katzen, die Tiere erschrecken panisch, springen hoch und fauchen. Katzen sind Gewohnheitstiere und reagieren stark auf unerwartete Veränderungen in ihrer Umgebung. Wenn sie sich entspannt beim Fressen befinden und sich plötzlich ein unbekannter Gegenstand, etwa eine Gurke, direkt hinter ihnen befindet, löst das einen Schreckreflex aus.
Auch das Verkleiden von Haustieren bringt Likes: Hunde mit Sonnenbrille, Katzen im Tütü, Hasen mit Mini-Hut. Die Clips wirken verspielt, doch viele Tiere empfinden Kostüme als unangenehm oder einschränkend.
„Unbedingt abzuraten ist von Tier-Kostümen, da sie Tiere nicht nur in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken, sondern auch bei ihrer Kommunikation stören. Hunde kommunizieren hauptsächlich über Körpersprache. Wenn ihre Rute und ihre Ohren durch Kleidungsstücke verdeckt sind, können sie nicht mehr effektiv kommunizieren. Kostüme mit flatternden Komponenten, die unbequem sitzen oder zu warm sind, führen zudem zu erheblichem Stress beim Tier. Verantwortungsvolle Tierhalter:innen sollten ihre Heimtiere daher nicht verkleiden“, sagt Dr. Sabrina Karl, Heimtier-Expertin bei Vier Pfoten.
Auch Übergewicht wird in sozialen Netzwerken verharmlost oder sogar gefeiert. Unter einem TikTok-Video einer deutlich übergewichtigen Katze schreibt ein Nutzer: „Ich will auch so eine dicke Katze!“, das Video erzielt Millionen Likes. Was niedlich aussieht, gefährdet die Gesundheit der Tiere. Übergewicht kann zu Gelenkproblemen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atembeschwerden und Stoffwechselstörungen führen. Auch das Skelettsystem leidet. Das zusätzliche Gewicht fördert Arthrosen und Kreuzbandrisse.
Qualzuchten erzielen in sozialen Netzwerken enorme Reichweiten. Französische Bulldoggen, Möpse oder andere kurzköpfige Rassen sind Dauerstars auf Instagram und TikTok. Einer der bekanntesten ist LouLou, ein hellbeiger Mops mit mehr als einer Million Followern auf Instagram. Ihre Besitzerin zeigt LouLou regelmäßig in Kostümen mal trägt sie eine Löwenmähne, mal Hasenohren oder eine übergroße Schleife. Die Fans feiern jedes neue Video. Doch das typische „Babyface“ dieser Tiere hat seinen Preis. Möpse und Bulldoggen leiden unter Atemnot, Augen- und Hautproblemen sowie Wirbelsäulenbeschwerden. Durch die verkürzten Atemwege geraten sie schon bei geringer Belastung in Panik. Für viele bedeutet jeder Atemzug Todesangst.
(Foto: Instagram(@pugloulou))
Inzwischen mehren sich die kritischen Stimmen gegen Tierinhalte auf Social Media. Ende Oktober verkündete die in Dubai lebende Influencerin Kim Virginia Hartung, gemeinsam mit ihrem Partner Nikola Glumac, die Familie habe Zuwachs bekommen, zu ihren zwei Dalmatinern sei nun noch ein dritter Welpe dazugekommen. „Deswegen haben wir entschieden, zwei Hunde sind nichts für uns, sondern drei“, sagt sie lachend auf Instagram und hält die Welpen in die Kamera.
(Foto: Instagram(@kimvirginiaa))
Kurz darauf folgt Kritik. YouTuberin Alicia Joe reagiert in einem Instagram-Video. Dalmatiner zählen zu den aktivsten Hunderassen, sie brauchen täglich mehrere Stunden Bewegung, ein Anspruch, der bei Temperaturen von mehr als 40 Grad in Dubai kaum zu erfüllen ist. „Das grenzt für mich an Tierquälerei“, sagt Alicia, die selbst mit einem Dalmatiner aufgewachsen ist.
Auch Rennfahrerin Laura-Marie Geissler, die mittlerweile in Los Angeles lebt, sorgt für Diskussionen. Auf Instagram zeigt sie ihre neue Dobermann-Hündin Kaia Ember, mit klar erkennbar kupierten Ohren. In Deutschland und Österreich ist dieser Eingriff verboten, wenn keine medizinische Notwendigkeit besteht. Beim Kupieren werden Nerven und Blutgefäße durchtrennt, was starke Schmerzen verursacht. Fehlen Ohren oder Rute, können Hunde Gesten und Signale schlechter deuten, was zu Unsicherheit oder Aggression führt.
(Foto: Instagram(@lauramariegeissler))
Nicht nur Hunde oder Katzen sorgen online für Reichweite, auch Wildtiere werden zur Kulisse für Likes und Luxus. Auf Social Media posieren Influencer neben Löwen, Tigern oder Geparden, als wären sie zahme Haustiere.
Ein besonders auffälliges Beispiel ist der Influencer Humaid Abdulla Albuqaish aus Dubai. Auf seinem Instagram-Account zeigt er sich regelmäßig mit ausgewachsenen Löwen auf dem Rücksitz seines Autos oder füttert Tiger aus der Hand. Millionen Follower feiern die Aufnahmen, viele kommentieren mit Herz-Emojis und Flammen. Die Szenen wirken glamourös, doch hinter den Kulissen leiden die Tiere unter Stress und Zwang.
(Foto: Instagram (@humaidalbuqaish))
„In jeder Sekunde werden Instagram, TikTok, YouTube oder Twitter mit Tausenden neuen Tiervideos geflutet. Viele Videos sind harmlos und manchmal auch informativ, aber es gibt leider auch sehr viele Beiträge, in denen Tiere misshandelt oder zumindest in für sie unangenehme Situationen gebracht werden. Wer ein auffälliges Video entdeckt, in dem Tiere leiden, sollte es umgehend dem Anbieter melden, denn die meisten Social-Media-Plattformen lehnen jede Form von Tierquälerei explizit ab“, sagt Veronika Weissenböck, Kampagnenleiterin bei Vier Pfoten.
Wildtiere wie Löwen oder Tiger sind für die private Haltung grundsätzlich ungeeignet. Ihre natürlichen Verhaltensweisen, Bewegungs- und Platzbedürfnisse lassen sich in Gefangenschaft nicht erfüllen. Trotzdem dienen sie in sozialen Medien als Symbole für Macht, Reichtum und grenzenlose Rücksichtslosigkeit.
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