Freitagmorgen in Salzburg: Vor einem kleinen Geschäft türmen sich Pakete, während sich bereits vor der Öffnung eine Schlange gebildet hat. Die Wartenden sind nicht auf der Suche nach neuen Brillen, sondern geben gebrauchte Kleidung, Bücher oder Haushaltsgeräte ab. Nachhaltigkeit wird hier greifbar, und sichtbar in Kartons und aufgestapelten Gegenständen. Doch stellt sich die Frage: Verlängert dieser Trend tatsächlich die Lebensdauer von Produkten oder schafft er lediglich neue Lieferwege?
Der Online-Second-Hand-Markt erlebt ein bemerkenswertes Wachstum. Laut EcommerceNews erreichte er im Jahr 2024 in Europa einen Umsatz von rund 22 Milliarden Euro und zeigt weiterhin Aufwärtstrend. Plattformen wie Vinted, Willhaben oder Shpock bieten nicht nur Kleidung, sondern auch Bücher, Möbel und Elektronik an. Fast die Hälfte der Österreicher:innen nutzt mittlerweile regelmäßig solche Plattformen.
Die zuvor beschriebene Szene in Salzburg verdeutlicht dies eindrucksvoll: Am Vortag wurden etwa 75 Pakete abgegeben, und am Freitagmorgen warteten bereits zahlreiche Menschen in der Schlange. Der Gebrauchtwarenhandel ist längst zum alltäglichen Phänomen geworden, und das in großem Maßstab.
Die Wiederverwendung von Produkten trägt zur Reduktion des Ressourcenverbrauchs und der Emissionen bei. Analysen zeigen, dass Lebensdauerverlängerung bei Elektronik und Textilien erhebliche Klimavorteile bringen kann. Schätzungen zufolge kann die Wiederverwendung von einem Kilogramm Kleidung mehrere Kilogramm CO₂ einsparen.
Der Versand selbst erzeugt ebenfalls Emissionen. Für Pakete innerhalb Österreichs variieren diese stark, abhängig von Gewicht, Entfernung, Auslastung der Transportfahrzeuge und Logistikweg. Schätzungen zufolge können sie einige hundert Gramm CO₂ pro Paket betragen. Werden Produkte mehrfach quer durch das Land verschickt, schrumpft der Klimavorteil des Wiederverkaufs schnell. Zum Vergleich: Schon kurze Autofahrten oder der Betrieb eines Haushalts für eine Stunde verursachen ähnliche Größenordnungen an CO₂.
Hier kommen regionale Initiativen ins Spiel. In Salzburg setzt man konsequent auf Reparatur statt Versandlogistik: So finden in der Stadt regelmäßig Veranstaltungsformate wie das Repair Café Strubergasse statt. Dabei werden Haushaltsgeräte, Textilien, Fahrräder und andere Gebrauchsgegenstände von Ehrenamtlichen gemeinsam mit den Besitzenden repariert — und damit nicht einfach ersetzt. Zusätzlich gibt es mobile Varianten, etwa das Mobiles Repair Café im rwsanderskompetent, bei dem Interessierte spontan ihre defekten Dinge unkompliziert mitbringen können.
Parallel dazu fördert das Programm Reparaturbonus des Bundeslandes Salzburg die Reparatur von Elektro‑ und Elektronikgeräten mit Zuschüssen — ein Baustein zur Verlängerung der Nutzungsdauer und zur Vermeidung von Ersatzkauf. Die lokale Reparatur verlängert die Nutzungsdauer von Produkten und vermeidet die zusätzlichen Transportwege, die mit dem Versand über Plattformen verbunden sind.
Während in Salzburg Pakete bewegt und Nähmaschinen betrieben werden, diskutiert die Welt auf der COP30 in Belém, Brasilien, über Kreislaufwirtschaft und Klimafinanzierung. Die EU hat die Verlängerung von Produktlebenszyklen als zentrales Klimaziel identifiziert, auch der European Commission Circular Economy Progress Report 2025 hebt Einsparpotenziale durch Verlängerung der Produktlebenszyklen hervor.
Die Finanzierung jedoch gestaltet sich als herausfordernd. Statt der zugesagten 300 Milliarden US-Dollar jährlich wären nach dem UNEP Climate Finance Update 2025 rund 1,3 Billionen US-Dollar erforderlich, also mehr als das Vierfache. Klimaschutz erfordert dabei sowohl globale Strategien als auch regionale Maßnahmen.
Second-Hand-Handel entfaltet nur dann seine Wirkung, wenn er bewusst genutzt wird. Wer neue Teile durch gebrauchte ersetzt, Lieferungen bündelt oder Abholstationen wählt, steigert den positiven Effekt. Reparaturen vor Ort reduzieren nicht nur den Transport, sondern verdeutlichen auch den Wert von Produkten.
Die Pakete in Salzburg fungieren somit als Prüfstein: Sie zeigen, dass Nachhaltigkeit greifbar und wirksam sein kann, wenn sie über ein bloßes Verkaufsargument hinausgeht. Sie beginnt dort, wo Menschen Dinge wertschätzen, pflegen und weitergeben.
Am Ende wird deutlich: Nachhaltigkeit ist kein kurzlebiger Trend, sondern eine Praxis, die Nähe, Aufmerksamkeit und aktives Handeln erfordert. Die Schlange in der Auerspergerstraße hinterlässt keine leeren Kartons, sondern markiert den Anfang einer bewussteren Nutzung. Nur so entfaltet die Wiederverwendung ihren tatsächlichen Klimavorteil.
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Ein sehr informativer Artikel, der über Umstände aufklärt, die mir bisher gar nicht so bewusst waren!
19 November 2025