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Vinted-Paradox: Wenn Nachhaltigkeit zum Konsumprodukt wird

Nachhaltigkeit verkauft sich gut, auch gebraucht. Plattformen wie Vinted verwandeln Wiederverwendung in ein digitales Konsumangebot. Zwischen Klimaversprechen und Lieferlogistik zeigt sich, dass Second-Hand nicht automatisch grün ist.
Sara Schmuck  •  10. November 2025 Volontärin    Sterne  34
Second-Hand per Klick: Über Plattformen wie Vinted wird nachhaltiger Konsum zum Alltag auf dem Smartphone. (Foto: appshunter.io)
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Freitagmorgen in Salzburg: Vor einem kleinen Geschäft türmen sich Pakete, während sich bereits vor der Öffnung eine Schlange gebildet hat. Die Wartenden sind nicht auf der Suche nach neuen Brillen, sondern geben gebrauchte Kleidung, Bücher oder Haushaltsgeräte ab. Nachhaltigkeit wird hier greifbar, und sichtbar in Kartons und aufgestapelten Gegenständen. Doch stellt sich die Frage: Verlängert dieser Trend tatsächlich die Lebensdauer von Produkten oder schafft er lediglich neue Lieferwege?

Second-Hand wird zum Alltag

Der Online-Second-Hand-Markt erlebt ein bemerkenswertes Wachstum. Laut EcommerceNews erreichte er im Jahr 2024 in Europa einen Umsatz von rund 22 Milliarden Euro und zeigt weiterhin Aufwärtstrend. Plattformen wie Vinted, Willhaben oder Shpock bieten nicht nur Kleidung, sondern auch Bücher, Möbel und Elektronik an. Fast die Hälfte der Österreicher:innen nutzt mittlerweile regelmäßig solche Plattformen.

Die zuvor beschriebene Szene in Salzburg verdeutlicht dies eindrucksvoll: Am Vortag wurden etwa 75 Pakete abgegeben, und am Freitagmorgen warteten bereits zahlreiche Menschen in der Schlange. Der Gebrauchtwarenhandel ist längst zum alltäglichen Phänomen geworden, und das in großem Maßstab.

Klimachancen versus Paketfallen

Die Wiederverwendung von Produkten trägt zur Reduktion des Ressourcenverbrauchs und der Emissionen bei. Analysen zeigen, dass Lebensdauerverlängerung bei Elektronik und Textilien erhebliche Klimavorteile bringen kann. Schätzungen zufolge kann die Wiederverwendung von einem Kilogramm Kleidung mehrere Kilogramm CO₂ einsparen.

Der Versand selbst erzeugt ebenfalls Emissionen. Für Pakete innerhalb Österreichs variieren diese stark, abhängig von Gewicht, Entfernung, Auslastung der Transportfahrzeuge und Logistikweg. Schätzungen zufolge können sie einige hundert Gramm CO₂ pro Paket betragen. Werden Produkte mehrfach quer durch das Land verschickt, schrumpft der Klimavorteil des Wiederverkaufs schnell. Zum Vergleich: Schon kurze Autofahrten oder der Betrieb eines Haushalts für eine Stunde verursachen ähnliche Größenordnungen an CO₂.

Reparieren statt Verschicken

Hier kommen regionale Initiativen ins Spiel. In Salzburg setzt man konsequent auf Reparatur statt Versandlogistik: So finden in der Stadt regelmäßig Veranstaltungsformate wie das Repair Café Strubergasse statt. Dabei werden Haushaltsgeräte, Textilien, Fahrräder und andere Gebrauchsgegenstände von Ehrenamtlichen gemeinsam mit den Besitzenden repariert — und damit nicht einfach ersetzt. Zusätzlich gibt es mobile Varianten, etwa das Mobiles Repair Café im rwsanderskompetent, bei dem Interessierte spontan ihre defekten Dinge unkompliziert mitbringen können.

Parallel dazu fördert das Programm Reparaturbonus des Bundeslandes Salzburg die Reparatur von Elektro‑ und Elektronikgeräten mit Zuschüssen — ein Baustein zur Verlängerung der Nutzungsdauer und zur Vermeidung von Ersatzkauf. Die lokale Reparatur verlängert die Nutzungsdauer von Produkten und vermeidet die zusätzlichen Transportwege, die mit dem Versand über Plattformen verbunden sind.

Global denken, lokal handeln

Während in Salzburg Pakete bewegt und Nähmaschinen betrieben werden, diskutiert die Welt auf der COP30 in Belém, Brasilien, über Kreislaufwirtschaft und Klimafinanzierung. Die EU hat die Verlängerung von Produktlebenszyklen als zentrales Klimaziel identifiziert, auch der European Commission Circular Economy Progress Report 2025 hebt Einsparpotenziale durch Verlängerung der Produktlebenszyklen hervor.

Die Finanzierung jedoch gestaltet sich als herausfordernd. Statt der zugesagten 300 Milliarden US-Dollar jährlich wären nach dem UNEP Climate Finance Update 2025 rund 1,3 Billionen US-Dollar erforderlich, also mehr als das Vierfache. Klimaschutz erfordert dabei sowohl globale Strategien als auch regionale Maßnahmen.

Bewusster Konsum als Prinzip

Second-Hand-Handel entfaltet nur dann seine Wirkung, wenn er bewusst genutzt wird. Wer neue Teile durch gebrauchte ersetzt, Lieferungen bündelt oder Abholstationen wählt, steigert den positiven Effekt. Reparaturen vor Ort reduzieren nicht nur den Transport, sondern verdeutlichen auch den Wert von Produkten.

Die Pakete in Salzburg fungieren somit als Prüfstein: Sie zeigen, dass Nachhaltigkeit greifbar und wirksam sein kann, wenn sie über ein bloßes Verkaufsargument hinausgeht. Sie beginnt dort, wo Menschen Dinge wertschätzen, pflegen und weitergeben.

Am Ende wird deutlich: Nachhaltigkeit ist kein kurzlebiger Trend, sondern eine Praxis, die Nähe, Aufmerksamkeit und aktives Handeln erfordert. Die Schlange in der Auerspergerstraße hinterlässt keine leeren Kartons, sondern markiert den Anfang einer bewussteren Nutzung. Nur so entfaltet die Wiederverwendung ihren tatsächlichen Klimavorteil.

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15 Kommentare
Lara Wieser

Ein sehr informativer Artikel, der über Umstände aufklärt, die mir bisher gar nicht so bewusst waren!

19 November 2025 Antworten
Doris Würtl

Gelungener Artikel! Ich finde es sehr interessant und wichtig, dass es auch Cafés gibt, wo gebrauchte Sachen repariert werden .

17 November 2025 Antworten
Ulrike Kiesenhofer

Aktuelles Thema, regt zum Nachdenken an, so soll es sein, gefällt mir sehr gut. WEITER SO!

17 November 2025 Antworten
Gertraud Schmitt

Wichtiger Beitrag!

17 November 2025 Antworten
Conny Kristal

Genau der Trend, den ich unterstütze, bewusster Konsum statt Hamsterkäufe!

17 November 2025 Antworten
Katharina Dullnig

Der Artikel regt wirklich zum Nachdenken an. Ich kaufe selbst sehr viel über Vinted und war mir bislang überhaupt nicht bewusst, welchen großen negativen Einfluss der Kauf von Second-Hand-Kleidung über solche Plattformen auf die Umwelt haben kann. Der Artikel wurde verständlich und außerordentlich passend formuliert.

16 November 2025 Antworten
Hanna Steiner

Ich finde der Artikel regt zum Nachdenken an! Jeder sollte sich selbst fragen ob gebracht oder neu die bessere Wahl ist!

16 November 2025 Antworten
Sophie Horngacher

Dein Artikel hat mir wirklich sehr gut gefallen. Besonders toll fand ich, wie klar du deine Gedanken strukturiert hast – der rote Faden war durchgehend nachvollziehbar. Dein Schreibstil ist angenehm lebendig, und einige Formulierungen haben mich richtig mitgerissen. Weiter so!

14 November 2025 Antworten
Sophie Rappold

Sehr gut gelungen! Der Artikel hat einen durchgehenden roten Faden und die mit second-Hand einhergehende Problematik wird gut beleuchtet!

13 November 2025 Antworten
Sarah Würtl

Ich finde den Artikel sehr gelungen, da man sieht im Bezug auf seinen Alltag was man für die Umwelt tun kann, indem man seine alten Sachen reparieren kann oder auch nicht mehr verwendbare Gegenstände oder auch Kleidung spenden kann.

13 November 2025 Antworten
Veronika Raz

Brandaktuelle Thema - trifft den Nerv der Zeit und beleuchtet das Thema aus einer neuen Perspektive! Lädt zum Handeln ein, freu mich auf deinen nächsten Beitrag!

13 November 2025 Antworten
Hamid Raz

Der Artikel bietet einen sehr informativen und gut recherchierten Überblick über die Nachhaltigkeit und auch Herausforderungen.

13 November 2025 Antworten
Sylvia Schmuck

Ein sehr gelungener Artikel – inhaltlich fundiert, klar strukturiert und ansprechend formuliert. Das Thema ist spannend gewählt, der Titel weckt Neugier, und der Aufbau führt den Leser logisch und flüssig durch den Text. Besonders beeindruckt hat mich die präzise Sprache und der pointierte Abschluss – beides zeigt, wie durchdacht und sorgfältig recherchiert der Beitrag ist. Ein wirklich starker Artikel – ich freue mich schon auf weitere Beiträge von dir!

12 November 2025 Antworten
Anton Kasiske

Sehr schön formuliert! Mir gefällt der Bezug zu modernen Theorien der Nachhaltigkeit wie die Kreislaufwirtschaft, mit der Recycling oder Secondhand Handel noch mehr in die Okönomid eingebunden werden würde und gleichzeitig Klimaziele verfolgt werden.

12 November 2025 Antworten
Stephanie Neumayr

Der Artikel ist sehr ausführlich und verständlich verfasst. Ich finde den Bezug zum Alltag sehr wichtig, da man sich dadurch die Situation und die Thematik besser vor Augen führen kann. 👍👍

12 November 2025 Antworten



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