Wien | Gesundheit | Meinung | Chronik | Kultur | Umwelt | Wirtschaft | Politik | Panorama
WirtschaftInternationalMeinung

Europas Autoindustrie lobbyiert sich in die Irrelevanz

Deutschland hat seine Prognosen für die wirtschaftliche Entwicklung herunter geschraubt. Schuld am fehlenden Optimismus ist auch die deutsche Autoindustrie. Hat sie überhaupt noch eine Chance gegen China?
Felix Neuwirth  •  23. April 2026 Volontär    Sterne  24
Der Dolphin ist das erschwinglichste Modell von BYD. Die chinesische Firma ist Marktführer in der Produktion von Batterien. (Foto: Shutterstock)
X / Twitter Facebook WhatsApp LinkedIn Kopieren

Chinas Wirtschaft wächst seit den 80er-Jahren rasant. Niedrige Lebenshaltungskosten, schwache Arbeitnehmerrechte und eine riesige Bevölkerung ermöglichen billige Produktion. Von Medikamenten, Kleidung, Elektrogeräten bis Spielzeug. Überall steht „Made in China“. Ohne China ist die Produktion vieler Güter nicht möglich. Die Corona-Pandemie und die damit entstandenen Lieferengpässe zeigten deutlich, wie abhängig Europa von China ist.

Trotz der Unverzichtbarkeit Chinas in globalen Lieferketten ist „Made in China“ kein Anzeichen von hoher Qualität. China ist die Werkbank der Welt. Aber chinesische Firmen bleiben unbekannt. Das könnte sich bald ändern. Um die Zukunft mitzugestalten, investiert Beijing gezielt in Halbleiter, Verkehrsmittel und Batterien.

Fünfjahresplan statt Wahlen

Pläne, die über mehrere Jahrzehnte andauern, sind ohne demokratische Wahlen wesentlich einfacher umzusetzen. In der EU müssen sich Politiker zurückhalten, um die nächste Wahl zu gewinnen. Das Problem fällt weg, wenn gar keine Wahlen stattfinden. Eine Opposition, die sich gegen Vorhaben der Regierung stellt, gibt es in China auch nicht. Unter der Kommunistischen Partei Chinas wird nicht in Wahlperioden, sondern in Fünfjahresplänen regiert. Der aktuelle Fünfjahresplan enthält keine Quoten mehr, sondern dient als Strategieplan für die kommenden Jahre.

Seit den 80er-Jahren wirtschaftet China mit offenen und freien Märkten. Deng Xiaoping beendete die Planwirtschaft Mao Zedongs und reformierte das Land. Auslandsinvestitionen strömten in die Volksrepublik. Zumindest in speziellen ökonomischen Zonen. Heute ist China eine Marktwirtschaft mit privaten Unternehmen.

Die neue Wirtschaftspolitik führte zu rasantem Wachstum und einer Öffnung des Landes. China kann politische Beziehungen aufbauen. „Made in China 2025“ erweitert diesen Plan. Seit 2015 möchte China Weltführer in Zukunftstechnologien sein. Mächtige Firmen wie Tesla, Apple oder Volkswagen waren bisher im Westen angesiedelt. China will jetzt auch mitmischen. Die Führung will eigene Unternehmen aufbauen und die Qualität der Produktion erhöhen.

Prof. Dr. Hannes Fellner leitet das Institut für China- und Südostasien-Studien. Er spricht vom Aufbau eines eigenständigen technologischen Zentrums in China. „Dieser Aufstieg ist zugleich Teil einer breiteren Verschiebung der globalen Wirtschaftsordnung, in der technologische Kompetenz, industrielle Skalierung und staatliche Koordination neue Machtzentren hervorbringen.“ Während der Westen lange auf Marktmechanismen und globale Arbeitsteilung setzte, nutzt China staatlich koordinierte Innovationspolitik.

Aufsteigende Riesen in der Automobilbranche

Ein Beispiel ist Wang Chuanfu. 1995 gründet er ein Unternehmen, um aufladbare Batterien für den digitalen Boom zu produzieren. Laptops, Kameras und Mobiltelefone kommen ohne Akkus von BYD nicht aus. 30 Jahre später ist dieselbe Firma der größte Produzent von Elektroautos. BYD bringt 2008 das erste Elektroauto auf den Markt. Für Konsumenten waren E-Autos nicht alltagstauglich. Es fehlte an Aufladestationen und nötiger Reichweite. Trotz des damaligen Misserfolgs bleibt die Firma an der Idee.

Das Know-how in der Produktion von Batterien macht BYD einzigartig. Nicht nur sind die Akkus kompakt und sicher, die Autos sind erschwinglich. Anders als Tesla produziert BYD bezahlbare Autos für die breite Bevölkerung. Der BYD Dolphin kostet 18.000 Euro. Das billigste Tesla-Modell, Modell 3, kostet doppelt so viel.

Der Erfolg der Firma geht Hand in Hand mit der innovationsfördernden Politik Beijings. Firmen in zukunftsorientierten Industrien werden durch Steuererlassungen, Regierungsaufträge und Kredite von Banken unterstützt.

China wolle nicht nur Wachstum fördern, sondern auch Kontrolle über Schlüsseltechnologien, so Fellner. Als ehemals halbkoloniales Land sei Unabhängigkeit ein großes Ziel für die Volksrepublik. „Diese strategische Ausrichtung verbindet wirtschaftliche Modernisierung mit ökologischer Transformation und sozialer Stabilität: ein Ansatz, der Entwicklung nicht allein als Wachstum, sondern als strukturelle Neugestaltung der Gesellschaft versteht.“

Verbrennerverbot 2035

Im Vergleich wirkt Europa konservativ. Das Beispiel des Verbrenner-Aus 2035 illustriert die Angst vor Veränderung Europas. Bis zum Jahr 2035 müssen bei neu zugelassenen Autos die Emissionen um 100 Prozent sinken. Ein klares Signal an die Wirtschaft und Konsumenten. Nicht nur müssen sich Autohersteller auf die neue Nachfrage einstellen, auch die Infrastruktur um die Elektroautos muss ausgebaut werden. Seien es Ladestationen, besonders für Schnellladung, Speicherlösungen oder der Ausbau des Stromnetzes.

Ende 2025 rudert die EU dann zurück. Sie verkündet das Verbrenner-Aus-Aus. Der VCÖ (ehemals Verkehrsclub Österreich) setzt sich für ökologische Verkehrssysteme ein. Er kritisiert die EU für diese Entscheidung. Das Verbot von Verbrennungsmotoren 2035 sei ein realistisches Ziel. In Norwegen und Dänemark würden Neuzulassungen von E-Autos bereits mehr als 80 Prozent betragen. Ebenfalls habe das Aufweichen die Planungssicherheit maßgeblich gefährdet.

Auch Andreas Reinhardt vom BEÖ, dem Bundesverband für Elektromobilität, kritisiert die Politiker in Brüssel. Das Verbot ab 2035 hätte europäische Autobauer zwangsweise auf einen Transformationspfad geführt, so Reinhardt. Dieser Kurs sei kein ideologisches, sondern ein wirtschaftliches und technologisches Ziel. „China setzt seit Jahren konsequent auf Elektromobilität, Batterien und industrielle Skalierung. Europa diskutiert oft noch zu lange über den Kurs, statt ihn entschlossen umzusetzen“, sagt er. „Aber genau diese Unsicherheit kostet Zeit, Marktanteile und vor allem Wettbewerbsfähigkeit.“

Ist Europas Autobranche zukunftslos?

Im Gegenteil zur europäischen Autoindustrie wächst die chinesische. Volkswagen verzeichnet Milliardenverluste. Im wichtigen Absatzmarkt China verliert der deutsche Auto-Riese stetig Marktanteile. 15 Prozent weniger Fahrzeuge exportierte VW im ersten Quartal 2026 nach China. BYD hingegen baut weiter aus und plant bereits eine Fabrik in Ungarn. Sie wollen hier direkt für den europäischen Markt produzieren.

Es zeigt sich: Europa hat kritische Investitionen in E-Mobilität verpasst. Trotzdem lernen europäische Autobauer nicht aus diesen Fehlern. Stattdessen halten sie an alten Technologien fest, und die Politik zieht mit. Verbrennungsmotoren stehen vor dem Aus. Ökonomisch und ökologisch. Trotzdem bekennt sich die EU nicht zu einer zukunftsfähigen Autoindustrie, sondern fällt vor der Autolobby auf die Knie.

EU-Politiker weichen Gesetze auf und brechen Wahlversprechen. Undurchsichtiger Lobbyeinfluss und Entscheidungen, die unsere ökonomische und ökologische Zukunft gefährden, schwächen das Demokratievertrauen. China wird autokratisch regiert, die Regierung stellt die Wirtschaft vor Mitbestimmung. Die demokratische EU bewegt sich in die gleiche Richtung, wenn Lobbyisten mehr Einfluss haben als Wahlergebnisse. Sind kurzfristige Profite wichtiger als unsere Demokratie und Zukunft?

Das Ressort Wirtschaft ist ermöglicht mit freundlicher Unterstützung durch SPAR Österreich.
SPAR Österreich

campus a-Preis für Nachwuchsjournalismus

Werde Teil der campus a-Redaktion!

Verfasse auch du einen Beitrag auf campus a.

Empfehlungen für dich

Kommentar
0/1000 Zeichen
Advertisement