Der Song „Trippin“ der deutschen House-Band BUNT. pulsiert durch den Fitnessclub SuperCycle in der Wiener City, während Neonlichter und Discokugeln das Studio in eine Clubszene verwandeln. Die treibenden Beats motivieren die Sportlerinnen und Sportler, als würden sie sich tatsächlich auf einem Dancefloor bewegen. „Bei dem Feeling hier merkst du die Anstrengung kaum“, keucht eine BWL-Studentin. „Was übrig bleibt, sind der Spaß am Training und die Begegnungen mit Gleichgesinnten.“
Die Wiener Ausgehkultur hat sich verändert. Statt langer Partynächte ziehen Sportevents zur Morgenstunde junge Erwachsene an. Die klassischen Partylocations sterben aus. Bekannte Wiener Destinationen wie der „Ponyhof“ oder die „Bettel-Alm“ haben Insolvenz angemeldet. Der Rest der Szene kämpft um seine Relevanz. Gleichzeitig entstehen Fitness-Hotspots mit Protein-Shakes, Elektrolytgetränken oder einfach nur Wasser statt Wodka-Red Bull und Happening-Charakter. Gemeinsames Mitsingen mit den bekannten Songs inklusive.
Die Wiener Ausgehkultur verändert sich (Foto: pexels)
Die Clubs bieten so Bewegung, Gemeinschaft und eine moderne Art der Feierstimmung. Das Ganze teils zu einer Uhrzeit, zu der frühere Generationen erst vom Abfeiern nach Hause kamen. Die Endorphine kommen dann etwa vom Spinning statt vom Abtanzen. „In der Class entsteht ein starkes Gemeinschaftsgefühl,“ sagt SuperCycle-Gründerin Rhana Loudon in einem Podcast über ihr erfolgreiches Unternehmen. Auch Wiener Sportclubs wie SuperJoy oder der Aura Social Club sind auf den Trend aufgesprungen.
Longevity, Gesundheit, Schlaf und Wohlbefinden, lange ein Thema der über 40-Jährigen, hat bei der Generation Z offenbar an Bedeutung gewonnen. Das zeigen die vielen erfolgreichen Fitness- oder Gesundheitsinfluencer in den sozialen Medien, zudem ist es längst durch Studien belegt, dass „Studierende, die sich gesünder ernähren und regelmäßig körperlich aktiv sind, deutlich bessere Werte in ihrer psychischen Gesundheit und ihrem Wohlbefinden aufweisen.“, heißt es etwa in einer Studie des BioMedCenters.
Was hat sich bei den Interessen verändert und ist der Trend nachhaltig?
Gründe für diese Entwicklung gibt es mehrere. So etwa belasten die mit Clubabenden einher gehenden hohe Getränkepreise, Eintritte und Taxis die schmalen Budgets etwa von Studenten. Gleichzeitig hat die Pandemie bestehende Schwächen der Clubszene verstärkt, während neue Formate entstanden sind, die leichter zugänglich und kostengünstiger sind. In Kombination mit dem steigenden Gesundheitsbewusstsein können sich Sportclubs so zu neuen Treffpunkten junger Erwachsener entwickeln. Ihr Angebot lässt sich zudem in den in einer sich beschleunigenden Welt zwangsläufig besser strukturierten Alltag integrieren.
Seit der Pandemie reden Soziologen gerne über das neue Biedermeier in der Jugendkultur. Rückzug ins Private, Gemütlichkeit und digitaler Austausch gehören dazu. Dabei wächst auch die Sehnsucht nach echten Begegnungen. Social Media ermöglicht zwar ständige Vernetzung, schafft jedoch keine realen Freundschaften.
Das neue Bewusstsein junger Menschen für körperliche und mentale Gesundheit wurzelt ebenfalls in der Pandemie. Isolation, Krankheiten und Unsicherheiten haben ihre Spuren hinterlassen. Sport wird dadurch zum Ausgleich, zum Ort für Stressabbau und Selbststärkung, zu einer Art Selbstermächtigung in einer herausfordernden Welt, zur sozialen Praxis und zum Community-Faktor.
Indoor-Cycling mit Rave-Vibes bei Supercycle (Foto: SuperCycle)
„Unser Run-Club wächst wahnsinnig schnell, ohne dass wir einen Cent für Werbekosten investieren“, erklärt Patrik Gräfter von „Social Run Club“ gegenüber campus a. Instagram pusht den Trend zur Gesundheit stark genug und bringt uns die Leute.“ Die seien meist zwischen zwanzig und dreißig. „Socialising spielt dabei eine zentrale Rolle“, sagt auch er.
Indoor-Cycling mit Rave-Vibes macht glücklich. Das lässt sich auch neurochemisch belegen. Sportstudios wie das „Supercycle“ bieten mit Discokugeln, Animateuren zwischen DJ und Trainer-Performance einen Safe Space, um sich auspowern und gleichzeitig feiern zu können. „Sich zu lauter Musik zu bewegen und schwitzend und in Bewegung komplett abschalten zu können, produziert Glückshormone,“ erklärt Rhana Loudon in ihrem Podcast weiter. Was der Wiener Hormonspezialist Johannes Huber bestätigt. „Wer solche Endorphin-Quellen für sich entdeckt, nutzt sie gerne immer wieder und wird versuchen, auch andere dafür zu begeistern“, sagt der Mediziner.
Wenn nach einer intensiven Einheit das Licht aufhellt und die letzten Beats nachklingen, bleiben viele Teilnehmer noch kurz zum Plaudern. Die Stimmung erinnert an einen Afterparty-Moment nur ohne Müdigkeit oder Kater. Die 26-Jährige Anna Patsch etwa ist begeistert von den Sportclasses. „Man leidet bei der Sportstunde im Kollektiv und es erinnert mich stark an Clubbing, weil man sich gemeinsam bewegt und feiert“, sagt sie.
So neu wie er wirkt ist der Trend gar nicht. Sportvereine prägten vor allem vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1970er-Jahre ganze Gemeinden, weil sich Menschen dort, ähnlich wie in Tanzvereinen, regelmäßig trafen und ein gemeinsames Ziel verfolgten. Sie verbanden Training mit Geselligkeit und schufen Freundschaften, die oft ein Leben lang hielten. Die meisten Vereine waren sich dieser Rolle bewusst. Sie organisierten Feste, Ausflüge und Feiern. Sie galten damit über Jahrzehnte hinweg als soziale Ankerpunkte, die weit mehr boten als nur Bewegung. Der Trend dürfte also gekommen sein, um zu bleiben.
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