Wer heute auf TikTok, in Lifestyle-Magazinen oder in Drogerieregalen stöbert, merkt schnell, Schlaf ist ein Konsumprodukt. Die Menschen investieren Geld und Aufmerksamkeit in ihre Schlafgewohnheiten. Mit Kühlmatratzen, Gewichtsdecken, Schlaftrackern, Melatonin-Sprays oder „digitalen Sonnenuntergängen“, bei denen am Abend alle Bildschirme ausgeschaltet bleiben.
„Schlaf ist heute ein Lifestyle-Thema, besonders für jüngere Menschen. Früher galt schlechter Schlaf vor allem als Alterserscheinung. Das hat sich völlig gedreht“, sagt Gesundheitstrendforscherin Corinna Mühlhausen von Trendcoach Hamburg.
Sichtbar ist der Trend unter dem Schlagwort Sleep Maxxing. Dahinter steckt die Idee, den eigenen Schlaf bis ins Letzte zu optimieren.
Vom perfekt abgestimmten Schlafzimmer über streng durchgezogene Abendroutinen bis hin zu Apps und Gadgets, die jedes Zucken und jede Mikro-Schwankung aufzeichnen.
Der Begriff setzt sich aus „sleep“ und „maxxing“ zusammen, also schlafen und maximieren. Gemeint ist dabei nicht nur länger zu schlafen, sondern besser.
„Entspannung zu maximieren ist ein Widerspruch in sich. Sobald Erholung zur Leistung wird, geben wir sie aus der Hand“, warnt Mühlhausen.
Seit 2024 fällt unter Sleep Maxxing alles, was den Schlaf verbessern soll: Magnesium schlucken, Kiwis futtern, den Mund nachts abkleben, um nur durch die Nase zu atmen, stundenlang nichts mehr trinken, im eiskalten Zimmer schlafen.
Influencer verbreiten zahlreiche, oft sogar gesundheitsschädigende Trends. Mühlhausen sagt, Influencer könnten Entwicklungen beschleunigen, verzerren oder völlig neue Hypes setzen und das in einer Geschwindigkeit, die niemand nicht einmal die Künstliche Intelligenz berechnen kann. Hiermit verändern sie das Feld der Trendforschung.
Für Mühlhausen startete der Schlaf-Hype mit einer Ikea-Kampagne aus dem Jahr 2019. Mit dieser Kampagne entwickelte sich Schlaf zur Alltagsfrage im Büro.
Ikea startete mit der „Work-Life-Sleep-Balance“-Kampagne eine groß angelegte Initiative, um Schlaf gleichwertig neben Arbeit und Freizeit zu etablieren. Im Mittelpunkt stand ein Video mit fantasievollen Figuren wie Elfen und Astronauten, das zeigte, wie wichtig erholsamer Schlaf für Kreativität war. Gleichzeitig warb Ikea im Katalog 2020 für Schlafzimmerlösungen, die Licht, Lärm, Temperatur und Komfort optimierten.
„Schlaf als kulturelles Thema, ist tatsächlich nicht neu, aber heute ist es neu verpackt“, sagt Mühlhausen. Schlaf war schon immer „elementarer Teil des Gesundheitssystems“.
Der Schlaf ist tief in unserer Sprache verankert. Als „Schönheitsschlaf“ oder „Gesundheitsschlaf“.
Guter Schlaf war schon im Mittelalter ein Zeichen für den eigenen Status: Reiche Leute hatten riesige Betten, dicke Vorhänge und genaue Rituale beim Zubettgehen, während die ärmere Bevölkerung oft eng in einem Raum schlafen musste.
Seltsame Schlaftrends gab es schon damals. Menschen legten sich halbsitzend schlafen, weil flach liegen als Haltung der Toten galt. In England gab es zudem den Glauben, frische Luft sei gefährlich im Schlaf. Deshalb verriegelten Menschen ihre Schlafzimmer.
Mit der Industrialisierung änderte sich alles. Schlaf war plötzlich mit Arbeit und Produktivität verbunden. Wer zu lange schlief oder nachts wach war, galt als faul oder ungesund. Ärzte warnten damals vor „Nervosität” durch Schlafentzug, eine frühe Form von Burn-out.
„Wir leben gerade in einer Zeit, die für viele sehr belastend ist, Kriege in Europa, die Folgen der Pandemie, die Klimakrise. All das sorgt für gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stress. Und genau dieser Stress bringt viele Menschen dazu, ihren Schlaf stärker kontrollieren zu wollen“, sagt Mühlhausen.
„Schlafinstitute und Schlaflabore haben den Schlaf außerdem entmystifiziert“, erklärt Mühlhausen. „Plötzlich messen und analysieren Menschen aus allen Gesellschaftsschichten ihr Schlafverhalten.“
Dazu kommt ein neues Gesundheitsverständnis, so Mühlhausen: „Das Bewusstsein für Gesundheit ist gestiegen. Im Mittelpunkt steht heute aber nicht nur Vorsorge, sondern vor allem Wohlbefinden, ein hedonischer Healthstyle, bei dem sich Gesundheit gut anfühlen soll.“
Damit ist gemeint, viele, vor allem jüngere Menschen, wollen gesund leben, ohne auf Spaß zu verzichten. Sie feiern, trinken Alkohol, genießen das Leben und achten am nächsten Morgen wieder auf Ernährung, Bewegung und ausreichend Schlaf.
Der Markt für Schlafhilfen und Schlafprodukte wächst rasant. Laut einer aktuellen Analyse von der Marktforschungsfirma Fact.mr liegt der globale Marktwert 2025 bei rund 73 Milliarden Euro und bis 2034 könnte er auf über 133 Milliarden steigen. Schlaf ist damit nicht nur ein Grundbedürfnis, sondern ein lukratives Geschäft.
Besonders schnell wächst der Bereich Schlaftourismus. Der Markt für Reisen, bei denen es ums Ausruhen und um besseren Schlaf geht, soll bis 2030 laut der Marktforschungsfirma Grand Review 128 Milliarden Euro umfassen.
In speziellen Resorts lernen Gäste, wie sie ihren Schlaf verbessern können und bekommen gleichzeitig eine Auszeit vom Stress des Alltags.
Zum Programm gehören Schlafberatung, perfekt abgestimmte Zimmer mit idealem Licht und wenig Lärm sowie Meditationsangebote.
Ein spannender Fun Fact, das US-Wirtschaftsmagazin Forbes erklärte Vilnius aktuell zur Schlafhauptstadt Europas. Die litauische Hauptstadt punktet mit guter Luft, vielen Grünflächen und kühlen Nächten. Dazu kommen Hotels mit allem, was guten Schlaf unterstützt: luxuriöse Spas, komplette Verdunkelung und hochwertige Bettwäsche.
Trends könne der Markt nicht einfach herstellen, gibt Mühlhausen zu bedenken. Die Nachfrage müsse aus der Gesellschaft kommen sonst bleibe jedes Produkt im Laden liegen.
In jedem Gesundheitshype gäbe es übertriebene, manchmal sogar gefährliche Auswüchse. Das gelte auch für den Schlaftrend, warnt Mühlhausen.
Sie zeigt sich optimistisch und sagt, Trends ohne Mehrwert für die Gesellschaft verschwänden genauso schnell, wie sie auftauchten. Aber der Schlaftrend bleibe, weil Schlaf ein menschliches Grundbedürfnis ist. „Er ist nicht nur oberflächlicher Lifestyle, sondern tief in unserer Gesundheit und unserem Alltag verankert.“
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