Anfang Dezember forderten zehntausende junge Menschen, vor allem der Generation Z (Jahrgänge 1995 bis 2010) bei Aufmärschen in bulgarischen Städten den Rücktritt ihrer Regierung. Teils friedlich, aber vereinzelt auch mit Krawallen und verwüsteten Politbüros. Eine schwarze Totenkopf-Flagge wehte dabei über ihren Köpfen.
Der Totenschädel trägt Strohhut und stammt aus dem Kult-Manga One Piece. Seit vergangenem Sommer ist er das Erkennungszeichen einer globalen Welle von „Gen-Z-Protesten“. Von Indonesien über Kenia bis nach Chile, Mexiko und Italien protestiert die angeblich so faule und schicksalsergebene gegen Korruption, die Herrschaft der Alten oder den Klimawandel.
Die Proteste kommen in Wellen und verlaufen annähernd synchron, obwohl sich die einzelnen Gruppen nicht miteinander abstimmen. Was steckt dahinter und wann erreicht das Phänomen Österreich?
Die jungen Demonstranten kämpfen scheinbar für sich gegen die Missstände ihrer Heimatländer. So stürzten Anti-Korruptions-Proteste 2022 in Sri Lanka, 2024 in Bangladesch und 2025 in Nepal, Madagaskar und der Mongolei ihre jeweiligen Regierungen und wurden zum internationalen Vorbild. In Mexiko brachte Mitte November die Empörung über den Kartell-Mord an einem Provinz-Bürgermeister Tausende auf die Straßen. Währenddessen widmen sich tunesische Proteste ökologischen Fragen, wie dem Ressourcen-Raub durch ausländische Konzerne. Die jeweiligen Motive mögen sich unterscheiden, doch dahinter verbirgt sich eine weltweit gültige, gemeinsame Geschichte. Die einer geraubten Zukunft.
„Die Generation Z wird allmählich erwachsen“, sagt Soziologin Dženeta Karabegović von der Universität Salzburg. „Sie finden sich in einer Welt voller politischer Instabilität, Polarisierung und Korruption wieder, mit wachsender Vermögensungleichheit und schwachen Arbeitsmärkten.“ Das schaffe ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. „Die Gen Z erkennt den weltweiten Aufbau autoritärer Systeme auf Kosten der Demokratie und reagiert auf nationaler Ebene“, so Karabegović.
Initialzünder der Proteste ist meist der Unmut über Korruption. Frust bündelt sich in Mobilisierung. Die Gen Z nützt dabei ihre Stärken. Jugendliche haben weniger familiäre und berufliche Verpflichtungen, was sie für Proteste besser verfügbar macht. Wer jung, arbeitslos und voller Energie ist, kann eher demonstrieren als Vollzeitbeschäftigte.
Während der Proteste in Nepal kam es zu 76 Todesopfern und der Regierungspalast in der Hauptstadt Kathmandu stand in Flammen. Ihre Übergangsregierung wählten die Nepalesen über den Online-Nachrichtendienst Discord. (Foto: Shutterstock)
Die Generation Z ist zudem gut darin, sich auf sozialen Medien zu vernetzen. Außerdem kann sie etwas, was Älteren ebenso nicht mehr gelingt: Sie führt verschiedene Interessen zu einer gemeinsamen Bewegung zusammen. In Tunesien etwa protestierten Umweltaktivisten gemeinsam mit gesundheitlich Geschädigten aus der lokalen Phosphat-Industrie und Gruppen, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzten.
Besonders betroffen von solchen Protesten sind aufgrund höheren sozialen Drucks Länder des globalen Südens. So etwa Osttimor, wo die Gen Z die Abschaffung der lebenslangen Renten für Politiker und das Storno eines Ankaufs von Dienstfahrzeugen für Parlamentarier mit Protesten erwirkte. Auf den Philippinen ging es dagegen um Hilfsgelder, die infolge von Korruption versandeten.
Die Proteste kommen nicht aus dem Nichts, meint Karin Fischer, Soziologie-Leiterin an der Linzer Johannes Kepler Universität. „Die heutige Unzufriedenheit der Genz Z ist historisch gewachsen.“ In Chile etwa gab es bereits im Jahr 2006 Schüler- und Studentenproteste gegen die Privatisierung des Bildungssystems, die 2016 abermals aufflammten. „Protesttraditionen und Politisierungsprozesse versanden nicht, sondern bleiben im Bewusstsein einer Gesellschaft“, sagt Fischer.
So war der Arabische Frühling 2010 gewissermaßen der geistige Vorläufer heutiger Proteste in Marokko. Schon damals organisierten sich junge Nordafrikaner über Facebook-Gruppen, teilten ihre Herrschaftskritik und verlangten demokratische Räume. Die aktuellen Aufmärsche sind nun in etwas Größeres eingebettet. In Asien sind die Proteste bereits als asiatischer Frühling bekannt, der vielleicht zu einem globalen heranwachsen könnte.
In den Philippinen reißen die Proteste seit September nicht ab. Auslöser waren veruntreute Gelder für den Hochwasserschutz. (Foto: Wikimedia Commons/Cyberneticboylol/(https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Smokes,_fire_and_a_flag.jpg) und (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Smokes_fire_and_a_flag.jpg))
Das gemeinsame Erkennungszeichen, die Totenkopfflagge aus One Piece, tauchte erstmals im Juli 2025 auf den Wägen indonesischer LKW-Fahrer auf. Aus Protest gegen ihre Regierung hissten sie zum achtzigsten Unabhängigkeitstag statt der Nationalflagge den Jolly Roger. Präsident Prabowo Subianto erklärte daraufhin das Führen der Flagge zum Hochverrat, womit er den Totenschädel mit dem Strohhut erst recht zum Symbol zivilen Widerstands machte. Im Ursprungsmedium, dem Manga One Piece, steht der Schädel für die fiktive Crew der Strohhutpiraten, die gegen eine autoritäre „Weltregierung“ und für die Befreiung der Unterdrückten kämpft.
Im geballten Auftreten ähneln die derzeitigen Proteste jenen der 68er-Bewegung. „Auch 68 war global“, sagt Soziologin Fischer. „Ich sehe durchaus Parallelen, wobei heute eine stärkere Betonung auf wirtschaftlicher Gerechtigkeit, sozialer Sicherheit und Umweltfragen liegt, statt dem Kulturkampf wie im Berlin und Paris der 68er.“
Auch die horizontale Organisation ohne Führer und Partei sei mit damals vergleichbar. „Obwohl Proteste wie in den 1960er-Jahren historisch selten sind, können sich Bewegungen ballen, zeitlich und räumlich, und zu großen Wellen werden“, meint auch die Salzburger Soziologin Karabegović. Von Nepal bis Serbien, wo Studierende bereits seit 2024 gegen die Korruption ihrer Regierung protestieren, lernen soziale Bewegungen voneinander und ahmen sich gegenseitig nach. Die weltweite Verwendung des Strohhutschädels ist nur eins von vielen Beispielen dafür. „Trotzdem müssen die aktuellen Proteste noch zeigen, ob sie die Lebensumstände von Menschen so nachhaltig wie die 68er beeinflussen können“, sagt Karabegović. Allein der Sturz der Regierung reicht dazu nicht.
Das Aufbegehren der Gen Z ist nicht immer erfolgreich. Die türkischen Proteste endeten im Juli 2025 mit einer landesweiten Sperre für soziale Medien. (Foto: Shutterstock)
Doch wie bei vergangenen Bewegungen, besteht auch für die Gen Z die Gefahr der Unterwanderung. In Mexiko fordert sie etwa ein härteres Vorgehen gegen das organisierte Verbrechen. Wiederholt tauchten Berichte auf, wonach amerikanische und chilenische Akteure die Proteste zugunsten einer US-Intervention in Mexiko künstlich anheizten. „Wir müssen diese Gefahr immer bedenken“, sagt Fischer. Die Proteste zur Corona-Pandemie zeigten bereits, wie Rechtsextreme und Verschwörer Bewegungen für sich vereinnahmen und deren Inhalte auf ein diffuses Anti-Eliten-Narrativ reduzieren können.
Wird auch Österreich Gen Z-Proteste erleben? Dagegen spricht zunächst die alternde österreichische Gesellschaft. Proteste und Revolutionen, die Kraft ihres Unmuts ganze Regierung absetzen, sind in Ländern mit jüngerer Bevölkerung wahrscheinlicher. Zudem gehen größere Kundgebungen in Österreich nach alter Sitte eher von Dachverbänden und Gewerkschaften aus. Allerdings zeigten Bewegungen wie Fridays for Future bereits, wie lose organisierte Proteste im Zuge internationaler Protestaktionen auch in Österreich Fuß fassen können. Die Erfahrung und die Praxis vergangener Proteste wären jedenfalls da. Derzeit bleiben sie nur größtenteils ungenutzt. Fragt sich, wie lange nur.
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