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Schokolade nach dem Krieg: Erinnerungen für die Ewigkeit

Süßes ist gerade vor Weihnachten allgegenwärtig, fast schon bis zum Überdruss. Das war nicht immer so. Im Gespräch mit „campus“ a erinnern sich Zeitzeugen, wie es war, nach dem Zweiten Weltkrieg zum ersten Mal wieder Schokolade zu essen.
Johanna Köll  •  19. Dezember 2025 Volontärin    Sterne  10
Der Name Cadbury prägt die Schokolade-Erinnerungen der Kriegskinder. Die Marke gibt es noch immer, den Genuss des ersten Mals kann sie nicht mehr liefern. (Foto: Shutterstock)
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Die erste Schokolade nach dem Krieg: Erinnerungen für die Ewigkeit

Süßes ist gerade vor Weihnachten allgegenwärtig, fast schon bis zum Überdruss. Das war nicht immer so. Im Gespräch mit „campus“ a erinnern sich Zeitzeugen, wie es war, nach dem Zweiten Weltkrieg zum ersten Mal wieder Schokolade zu essen.

Es sind nicht immer nur die großen Dinge, die erste Liebe, der erste Job oder ein Kind, die Lebensgeschichten prägen. „Da gibt es eine Sache, die ich als Sechsjährige erlebt habe, und die ich nie wieder vergessen habe. Ich rede nicht so gerne über die alten Zeiten, aber das habe ich schon oft erzählt, vielleicht sogar ein bisschen zu oft“, sagt die Linzern Inge Salomon, 86.

Im Herbst 1946, als viele Österreicher Hunger litten, trafen die ersten Care-Pakete in Österreich ein. Salomons Vater machte sich auf den Weg ins Linzer Landhaus, um eins zu bekommen. Bestimmt waren sie für Kranke, aber auch für Familien mit Kindern, deshalb kam er nicht mit leeren Händen zurück in die Familienwohnung am Linzer Spallerhof. „Teil des Paketes war diese Schokolade“, erzählt Salomon im Gespräch mit campus a. „Es war eine Cadbury, ein britisches Produkt, mit Silberpapier unter der roten Verpackung. „Schon das Aussehen ließ meinen Puls höher schlagen.“

Gerade jetzt, vor Weihnachten, ist Schokolade allgegenwärtig, fast schon bis zum Überdruss. Das war nicht immer so. Noch bis ins 18. Jahrhundert war Schokolade, serviert als würziges Heißgetränk, dem Adel und der wohlhabenden Oberschicht vorbehalten. Erst während der Industrialisierung entstand die heute beliebte Schokoladetafel, etwa zeitgleich mit Unternehmen wie Manner, das 1898 die Neapolitaner auf den Markt bracht. 

Während des Zweiten Weltkriegs war an Schokolade nicht zu denken. Auch nach 1945 herrschte Hunger und Lebensmittelkarten prägten den Alltag. Schokolade tauchte erst wieder auf, als amerikanische Soldaten und CARE-Pakete kleine Luxusgüter brachten. Im Gespräch mit campus a erinnern sich Zeitzeugen, wie es war, nach dem Zweiten Weltkrieg zum ersten Mal wieder Schokolade zu essen.

Kakao-Fettgemisch aus dem Backrohr

Im Vergleich zu anderen Familien hatten die Salomons den Krieg einigermaßen gut überstanden. Dies dank einer tüchtigen Tante, einer Schneiderin, die aufs Land gefahren war und den Bauern die Kleider geflickt hatte. Im Tausch gegen Brot, Milch, Eier und manchmal sogar Speck. Sogar so etwas Ähnliches wie Schokolade hatte es vereinzelt während des Krieges für die kleine Inge gegeben. Hergestellt im Backrohr, aus Kakaopulver und Fett: „Gut war die nicht, muss ich sagen. Da ging es eher um die Nährstoffe als um den Genuss. Meine Mutter war auch nie eine gute Köchin.“

Geteilter Genuss ist doppelter Genuss

Doch bei der Care-Schokolade war schon vom bloßen Ansehen erwartbar, das würde jetzt sehr wohl Genuss werden. Klar war, dass die Schokolade der Kleinen gehörte, doch sie wollte ihrer Mutter Helene etwas davon abtreten. Schließlich ist geteilter Genuss doppelter Genuss. „Wir haben das in unserem Wohnzimmer zelebriert und uns vorgenommen, uns je nur ein kleines Stückchen zu gönnen“, erinnert sich Salomon. „Es war dann auch… Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Es war unbeschreiblich.“

Obwohl Salomon keine „Süße“ ist, schwelgt sie in Erinnerungen. Auch daran, wie sie sich in Zurückhaltung übte. „Ich habe mir vorgenommen, auch weiterhin jeden Tag nur ein kleines Stückchen zu essen, und so hat die Tafel fast zwei Wochen lang gehalten.“ 

Etwas vergleichbar Gutes, meint sie, habe sie am Süßwarenmarkt nie wieder bekommen. Auch wenn ihr bewusst ist, dass die Sinne trügen können. „Schokolade mit dem gleichen Rezept wie die Cadbury aus dem Care-Paket hätte wahrscheinlich heute keine Chance mehr.“

Ihr Sohn machte die Probe aufs Exempel. Eines Tages schenkte er seiner Mutter zwei Tafeln Cadbury aus dem aktuellen Sortiment der nach wie vor bestehenden Marke, die heute zum Lebensmittelmulti Mondelēz gehört (bekannt als neuer Eigentümer etwa der Salzburger Mirabel Mozartkugel). „Ich war gerührt, und den Namen Cadbury auf einer Schokoladetafel zu lesen, hat die Erinnerungen belebt“, erzählt sie. „Geschmacklich konnte sie aber bei weitem nicht an das anschließen, was meine Phantasie inzwischen aus dem Geschmack der Cadbury aus dem Care-Paket gemacht hat.“ 

Ungewohntes Mundgefühl

Die Mehrheit aller Zeitzeugen schildert nahezu himmlische Schokoladebegegnugen wie diese, oft gepaart mit Kritik am heutigen Überfluss. Doch manche Geschichten weichen ab vom verbreiteten Narrativ der Kriegskinder. So etwa die von Renate Sainitzer, die 1941 zur Welt kam und im 18. Bezirk bei ihren Großeltern aufwuchs. 

„Mein Onkel war Busfahrer für das amerikanische Militär in unserem Bezirk und die haben die Soldaten ihm für seine Kleine eines Tages meine allererste Tafel Schokolade mitgegeben. Schau mal, meinte er und munterte mich auf, das mir unbekannte braune Lebensmittel zu probieren. Er gibt es mir. Unversehens hatte etwas im Mund, mit dem ich nichts anfangen konnte. Es war mir so fremd, dass ich es gleich wieder ausspuckte.” Bis heute kann Sainitzer gut auf Schokolade verzichten. 

Acht Kilo pro Kopf und Jahr

Die Österreicher essen jetzt im Schnitt acht Kilo Schokolade pro Kopf und Jahr. Das fast tägliche Naschen sieht auch sie kritisch: “Das ist Wohlstandverwahrlosung. (Lacht) Nur weil etwas da ist, wird es genommen. Mein Mann und ich essen kaum Schokolade, was bedeutet, dass vielleicht jemand anderer 16 Kilo im Jahr isst.”


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