„Take back control“ war der berühmte Brexit-Slogan, der während des Austritts Großbritanniens immer wieder zu hören war. Er bezog sich auf die gesetzgeberische Autonomie, die das Brexit-Lager durch die EU-Mitgliedschaft angeblich verloren sah.
Politiker wie Liam Fox betonten, Großbritannien müsse wieder ein unabhängiger, souveräner Staat sein, frei von Regeln aus Brüssel. Inzwischen zeigt sich jedoch, Souveränität kann in der Praxis auch Abgeschiedenheit bedeuten. Es gibt zumindest ein europäisches Projekt, dem sich Großbritannien nur ungern dauerhaft entzieht.
Erasmus+ ist ein seit Jahrzehnten bestehendes EU-Programm, das jungen Menschen erlaubt, bis zu einem Jahr in einem anderen europäischen Land zu studieren, Praktika zu absolvieren oder an Bildungsprogrammen teilzunehmen und dafür finanzielle Unterstützung zu erhalten. Studierende sind im Austauschsemester von den Studiengebühren an der Gasthochschule befreit und erhalten ein monatlichen Mobilitätszuschuss zur Unterstützung der Lebenserhaltungskosten.
Die EU finanziert das Programm über ihren Haushalt. Staaten wie Deutschland oder Frankreich tragen durch ihre hohen Nettozahlungen in den EU-Haushalt indirekt mehr zu solchen Programmen bei, als sie selbst direkt daraus erhalten.
Dieses Argument führte die britische Regierung für den Austritt an. Das Vereinigte Königreich verzichtete bewusst darauf, selbst als Drittstaat weiter teilzunehmen, wie es andere Länder tun. Boris Johnson, der damalige Premierminister des Vereinigten Königreichs, führte an, Erasmus sei „extrem teuer“ und liefere kein angemessenes „Value for Money“.“
Der Ausstieg aus Erasmus hatte sehr konkrete Folgen. Nicht nur kamen weniger Studierende aus anderen europäischen Ländern nach Großbritannien, auch britische Studierende verloren Wege ins europäische Ausland.
Besonders bitter ist dabei der Generationenaspekt. Gerade junge Menschen standen dem Brexit überwiegend skeptisch gegenüber. Umfragen zufolge hätten etwa 70 bis 75 Prozent der 18- bis 24-Jährigen für einen Verbleib in der EU gestimmt.
Die Entscheidung entzog genau dieser Gruppe eine Erfahrung, die Europa greifbar macht. Für eine Zeit in einem anderen Land zu leben, zu lernen und Teil eines gemeinsamen europäischen Raums zu sein.
Nach einiger Zeit entwickelte sich der Ausstieg zu einem Nachteil. Durch den geringeren Austausch britischer und ausländischer Studierender litt auch die internationale Stellung einiger britischer Universitäten. Vor allem Hochschulen und Studierendenverbände erhöhten daraufhin den Druck auf die Politik.
Nun kehrt Großbritannien zum Erasmus-Programm zurück. Ab dem akademischen Jahr 2027/28 soll das Vereinigte Königreich wieder vollständig an Erasmus+ teilnehmen und Studierenden den Austausch mit europäischen Hochschulen ermöglichen.
Billig ist der Wiedereintritt nicht. Für das akademische Jahr 2027/28 hat sich das Vereinigte Königreich verpflichtet, rund 570 Millionen Pfund in das Programm einzuzahlen, berichtet die Financial Times. Das sind umgerechnet 665 Millionen Euro. Also deutlich mehr als die Beiträge, die Großbritannien in den Jahren vor dem Brexit zahlte.
Damit trat Großbritannien aus einem Programm aus, das als zu teuer galt, um wenige Jahre später für dasselbe Programm deutlich höhere Beiträge zu leisten. Ein stilles Eingeständnis früherer Fehlentscheidungen?
Der Erasmus-Wiedereintritt sagt weniger über Europa aus als über die Lage der britischen Politik. Es wirkt wie ein gezielter Versuch, zumindest einen Teil der jungen Generation zurückzugewinnen.
Die Regierung erfüllt damit eine ihrer zentralen Forderungen, ohne den Brexit insgesamt infrage zu stellen. Es ist eine kostspielige, aber gut sichtbare Geste gegenüber jungen Britinnen und Briten, denen mit dem EU-Austritt konkrete Chancen genommen wurden.
Zugleich ist es eine Geste in Richtung Europa. Erasmus ist politisch ungefährlich, es bringt weder europäische Gerichtsbarkeit noch neue Regulierungen mit sich. Gerade deshalb eignet es sich als erster Schritt der Annäherung.
Es signalisiert Offenheit und indirekt auch die Einsicht, der vollständige Rückzug könnte sich als Fehler erwiesen haben. Zugleich bleibt der eigene politische Kurs grundsätzlich unverändert.
Die Annäherung kommt jedoch nicht überraschend. Seit dem Regierungswechsel unter Keir Starmer bemüht sich die britische Regierung um eine strategische Neuausrichtung der Beziehungen zur EU. Zwar ohne eine EU-Mitgliedschaft, aber mit verstärkter Kooperation in zentralen Bereichen wie Bildung, Handel und Sicherheit.
Die geopolitischen Rahmenbedingungen sprechen ebenfalls für eine engere Zusammenarbeit. Die jüngste US-Sicherheitsstrategie wünscht sich mehr Instabilität in der EU. Gleichzeitig wächst der Einfluss von Russland und China. Für die EU und das Vereinigte Königreich ergibt sich daraus ein gemeinsames Interesse, sich international abgestimmt und geschlossen zu präsentieren.
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