TikTok-Videos behaupten, die Welt sei heute ungleicher als je zuvor. Die Clips zeigen Sätze wie: „Übrigens: Die Vermögensungleichheit ist heute größer als zur Zeit der Französischen Revolution“ Nutzer teilen dazu Videos und Bilder von Versailles oder anderen prunkvollen Palästen, oft begleitet von dem Satz: „Ich wäre auch wütend gewesen.“
Gemeint ist der Zorn der Bevölkerung vor der Französischen Revolution 1789. In den Kommentaren schreiben viele, der Unterschied zwischen Arm und Reich sei heute sogar größer als damals. Daraus leiten sie ab, heute müssen die Menschen wieder „wütend werden“. Doch wie viel Wahrheit steckt hinter diesen Behauptungen?
Besonders häufig teilen Nutzerinnen und Nutzer eine Grafik aus der European Review of Economic History. Sie zeigt, wie sich Vermögen verteilt. In Frankreich besaßen die reichsten zehn Prozent zwischen 1760 und 1790 rund 60 Prozent des Vermögens. In den USA hielten die obersten zehn Prozent im Jahr 2016 dagegen knapp unter 80 Prozent des Vermögens.
Auf den ersten Blick scheint die Sache klar. Wenn der Vermögensanteil der Reichen heute höher ist als vor einer der bedeutendsten Revolutionen der Geschichte, dann muss die Ungleichheit heute größer sein als damals.
(Foto: European Review of Economic History. Printed 2000 in OK Cambridge, University Press. Published on TikTok, Reddit, X in 2025)
Gehen wir der Sache auf den Grund. Um diese These zu überprüfen, nutzen Forschende den sogenannten Gini-Koeffizienten. Er ist ein statistisches Maß und gibt den Grad der Ungleichheit innerhalb einer Bevölkerung an. Er wird auf einer Skala von 0 bis 1 gemessen. Ein Wert von 0 bedeutet vollständige Gleichheit, also alle besitzen gleich viel. Ein Wert von 1 bedeutet vollständige Ungleichheit, bei der eine Person alles besitzt und der Rest nichts.
Internationale Organisationen wie die OECD und die Weltbank nutzen diesen Wert, um Länder miteinander zu vergleichen. In westlichen Staaten wie Frankreich, den USA oder Österreich liegt dieser Wert beim Vermögen meist zwischen 0,65 und 0,75. Das zeigt: Die Vermögensverteilung ist auch heute stark ungleich.
Doch das Vermögen von heute ist nicht das Vermögen von damals. Der Gini-Koeffizient berechnet das Vermögen anhand von Immobilien, Aktien, Fonds, private Pensionen oder Versicherungen.
Für das Jahr 1789 ist so eine Berechnung nahezu unmöglich. Historische Daten stammen fast ausschließlich von reichen Adeligen und der Kirche, weil nur deren Besitz dokumentiert wurde. Große Teile der Bevölkerung tauchen dort gar nicht auf, weil sie kein offiziell dokumentiertes Vermögen hatten. Das macht historische Berechnungen unsicher.
Trotzdem schätzen Forschende, etwa in der World Inequality Database, die Ungleichheit damals auf Gini-Werte zwischen 0,7 und 0,8. Das liegt überraschend nah an heutigen Werten. Aber das ist nur eine Schätzung.
Ein weiterer Fehler der TikTok-Grafik liegt an der Betrachtung, wie viel Vermögen die reichsten zehn Prozent besitzen. Das allein sagt aber noch nichts darüber aus, wie der Rest der Gesellschaft das verbleibende Vermögen teilt. Zwei Gesellschaften können denselben Anteil bei den obersten zehn Prozent aufweisen, obwohl sich das Vermögen innerhalb der übrigen 90 Prozent völlig unterschiedlich verteilt.
Der Unterschied liegt darin, ob breite Teile der Bevölkerung eigenes Vermögen haben oder ob ein großer Teil der unteren 90 Prozent kaum Besitz aufweist. Auf dies wird in der Grafik gar nicht eingegangen.
Wenn viele Menschen kaum Vermögen haben oder sogar verschuldet sind, entsteht insgesamt eine höhere Ungleichheit, auch wenn die Spitze gleich aussieht. Genau das kann mit einem Maß wie dem Gini-Koeffizienten dargestellt werden.
Das Hauptproblem der TikTok-Vergleiche ist der Fokus auf relative Anteile. Es wird gezeigt, wer wie viel Prozent vom Vermögen besitzt, aber nicht, wie hoch dieses Vermögen überhaupt ist.
Relativ heißt also: Wie groß ist mein Stück vom Kuchen. Absolut heißt: Wie groß ist der Kuchen selbst. Zwei gleich verteilte Kuchen können völlig unterschiedlich groß sein. Genau das spielt für den Lebensstandard eine Rolle.
Ein Vergleich zwischen dem heutigen Leben und dem Alltag eines französischen Bauern um 1790 verdeutlicht diesen Unterschied. Damals kam es regelmäßig zu Hungerjahren, viele Menschen hatten nicht genug zu essen. Medizinische Versorgung, Sozialhilfe oder Versicherungen existierten nicht. Die Kindersterblichkeit lag bei etwa 20 bis 30 Prozent. Armut bedeutete damals eine akute Bedrohung für das eigene Leben.
Heute ist Armut meist eine starke Einschränkung, aber keine Existenzfrage in Westeuropa. Gesundheitssysteme sind ausgebaut, die Lebenserwartung ist um Jahrzehnte gestiegen und die Kindersterblichkeit liegt in Industrieländern unter einem Prozent.
Warum gibt der Gini -Koeffizient dann heute ähnliche Maße an wie vor rund 250 Jahren? Vermögen wächst fast immer schneller als das Einkommen durch einfache Arbeit. Ein Unternehmen oder große Kapitalanlagen legen schneller zu als normale Löhne. Wer bereits viel besitzt, profitiert deshalb automatisch stärker.
Das war früher so, etwa mit Land und Titeln, und das ist heute ähnlich mit Aktien oder Firmenanteilen. Heute gibt es Menschen wie Elon Musk mit hunderten Milliarden Dollar Vermögen.
Solche extremen Spitzenwerte treiben den Gini-Koeffizienten stark nach oben. Das bedeutet jedoch nicht automatisch eine Verarmung aller anderen. Häufig wächst lediglich die Spitze deutlich schneller als der Rest. Der Gini kann also steigen, selbst wenn sich der Lebensstandard nicht verschlechtert.
Auch wenn der Lebensstandard heute insgesamt höher ist, heißt das nicht, die Sorgen der jungen Menschen in den sozialen Medien sind harmlos oder unwichtig. Ein gutes Beispiel ist der Wohnungsmarkt. Der Anteil junger Menschen unter 35 mit Wohneigentum ist in vielen Ländern stark gesunken. Gleichzeitig sind Immobilienpreise deutlich schneller gestiegen als die Einkommen. Für viele junge Haushalte bedeutet das: Sie müssen immer länger sparen oder können sich Eigentum gar nicht mehr leisten.
Neben Wohnen spielen auch Erbschaften, Bildung und politischer Einfluss eine Rolle. Wer aus reichen Familien kommt, kann sich unbezahlte Praktika, lange Ausbildungswege oder Netzwerke oft leichter leisten.
Vermögen beeinflusst damit nicht nur den Kontostand, sondern auch Chancen im Leben. Gleichzeitig wächst der Einfluss sehr Vermögender auf Politik und öffentliche Debatten. Auch wenn TikTok vieles zuspitzt, sind die Sorgen vieler junger Menschen daher nicht unbegründet.
Verfasse auch du einen Beitrag auf campus a.