Goethe verschwindet zunehmend aus dem deutschen Bildungskanon und mit ihm droht ein zentrales Fundament der europäischen Geistesgeschichte verloren zu gehen. Als Dichter, Denker und Naturforscher prägte er nicht nur die literarische und humanistische Entwicklung Europas, sondern legte auch geistige Grundlagen für das demokratische Denken der Moderne. Seine Gedanken sind dabei hochaktuell und visionär, viele davon wirken wie prophetische Warnungen vor Entwicklungen, die erst Jahrhunderte später eingetreten sind oder sich heute erneut erfüllen.
Über diese erstaunliche Aktualität diskutierten im Oktober der deutsche Autor, Jurist und Goethe – Experte Manfred Osten und der österreichische Mediziner, Theologe und Universalgelehrte Johannes Huber im Otto-Mauer-Zentrum in Wien. Eingeladen hatte das Forum Zeit und Glaube.
Bereits 1787 entwarf Goethe in einem Brief an Charlotte von Stein eine erstaunlich moderne Vision. Er beschrieb eine zukünftige Welt, in der „die Welt ein großes Hospital und einer des anderen humaner Krankenwärter werden wird“. Diese Metapher eines „großen Hospitals“ lässt sich heute als Sinnbild einer globalen Gesellschaft deuten, die unter einer Art kollektiver Immunschwäche leidet. Einer Pandemie der Maß- und Grenzenlosigkeit, die sich in extremistischen Haltungen und entfesselten Dynamiken zeigt. Manfred Osten beschäftigt sich mit dieser Theorie in seinem 2021 erschienenen Buch „Die Welt, ein großes Hospital“.
Die Klimakrise, so der Experte Manfred Osten, habe Goethe vorausgesehen. Bereits 1774 formulierte er in „Die Leiden des jungen Werther“ Begriffe wie „Selbstverschuldung“, „Weltverschuldung“ und sprach von einer Natur, die durch die Maßlosigkeit des Menschen aus dem Gleichgewicht geraten sei. „Goethe hatte eine Vision für eine Klimakatastrophe, den Untergang des Planeten und seiner Bewohner,“ sagt Osten. Auch in Faust klingt diese Warnung an:
„In jeder Art seid ihr verloren; –
Die Elemente sind mit uns verschworen,
Und auf Vernichtung läuft’s hinaus“
Goethe orientierte sich an langfristigem Denken und mahnte zur Pflicht gegenüber zukünftigen Generationen, eine Botschaft, die in der aktuellen Klimakrise dringlicher denn je erscheint. In Goethes „West-östlicher Divan“ heißt es:
„Gutes tu rein aus des Guten Liebe! Und das überliefre deinem Blut!
Und wenn’s den Kindern nicht verbliebe,
Den Enkeln kommt’s doch wieder zugut.“
Goethes Weitsicht reichte auch in Sachen Feminismus und Genderthematiken weit über seine Zeit hinaus. Er sah die Frau als Zentrum der Energie und prophezeite den Mann als „Auslaufmodell“, wie Osten betont. Noch lange bevor die Menschheit das Patriarchat anerkannte, antizipierte Goethe die eigentliche Überlegenheit des weiblichen Geschlechts. Im zweiten Teil der Fausttragödie thematisierte Goethe „das weibliche Element der Welt“ so Osten.
„Göttinnen thronen hehr in Einsamkeit;
Um sie kein Ort, noch weniger eine Zeit;
Von ihnen sprechen ist Verlegenheit.
Die Mütter sind es!“
Die „Mütter“ sind hier ein mythisches, überzeitliches Konzept. Goethe beschreibt sie nicht als normale Menschen, sondern als weibliche, schöpferische Wesen, die über Raum und Zeit erhaben sind. Sie stehen für die Quelle alles Gestaltenden, quasi die schöpferische Kraft hinter der sichtbaren Welt.
Dem stimmt auch Huber zu. Laut ihm sei der Körper der Frau das größte evolutionäre Meisterwerk der Geschichte und dem Mann genetisch überlegen, wie er in seinem 2022 erschienenen Buch „Wunderwerk Frau“ beschreibt.
Allein in der Schwangerschaft vollbringe der weibliche Körper Unglaubliches. Das Kind benötige ein eigenes Herz-Kreislauf-System, der Stoffwechsel der Frau werde grundlegend umgestellt. Sie benötige 140.000 Kilokalorien mehr, um das Kind zu versorgen. Frauen besitzen außerdem 1.000 Gene mehr als Männer, die auch grundlegend anders reguliert seien. „Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat Mutter Natur etwas beeindruckenderes erschaffen als die Frau,“ sagt Huber.
Laut dem Mediziner fand vor 1,7 Millionen Jahren in den Mitochondrien, den Kraftwerken der Zelle, eine Mutation im Kalziumkanal statt, die die Entwicklung vom Homo erectus zum Homo sapiens ermöglichte. Zum ersten Mal begriff der Mensch zwei grundlegende Dinge über sich selbst und seine Umwelt. Er ist über die reine Triebsteuerung, die vorher über sein Leben und Sterben entschieden haben, hinausgewachsen und ist sich seiner eigenen Intelligenz bewusst geworden. Und er hat verstanden, dass es eine Intelligenz gibt, die seine eigene übersteigt. Die habe er mit Mühe versucht, in Bildern darzustellen und zu begreifen. „Die ganze Weltgeschichte ist nichts anderes als eine Erzählung der Bilder, mit denen die Menschheit versucht hat, diese übergeordnete Intelligenz zu beschreiben,“ so Huber.
Die Mitochondrien würden laut Huber nur von der Mutter weitervererbt werden. Wenn also die entscheidende Mutation der Menschheit in den Mitochondrien stattgefunden hat, dann müsste der erste Mensch Eva gewesen sein und nicht Adam, meint Huber. Er spricht von einer notwendigen „Korrektur der Genesis“ und das nach den ersten „Vorläufermodellen des Menschens“, der erste „weise Mensch“ eine Frau gewesen sein muss.
Den metaphysischen Gedanken einer übernatürlichen Intelligenz hat Goethe in „Zahmen Xenien“, einer Sammlung von Gedichten, ebenfalls aufgegriffen:
„Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt es nie erblicken;
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt uns Göttliches entzücken?“
Osten interpretiert das als Goethsches‘ Glaubensbekenntnis, Huber als indirekten Beweis für eine übernatürliche Transzendenz, die den Menschen geprägt haben muss. Denn die Faszination mit dem Göttlichen hätten Menschen nur, weil ein Teil des Göttlichen in uns selbst läge.
Der Mensch sei laut Huber wie in Goethes Zeilen geprägt von der Sonne. Wenn wir in die Sonne blicken, reagieren unsere Augen auf die Wellenlänge. Schildkröten legen ihre Eier in den Sand und überlassen die Entwicklung des Nachwuchs der Sonne. „Die Sonne hat uns imprägniert und wenn wir eine übernatürliche Intelligenz annehmen, dann deswegen weil sie uns geprägt hat,“ so Huber.
Laut Osten ist die Prägung von Lebewesen ein zentraler Gedanke von Goethe, wie er in dem Gedicht „Daimon“ schreibt:
„Und keine Zeit und keine Macht
zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.“
Huber überträgt dieses Prinzip auf Medizin und Pädagogik. Kein Richter, so argumentiert er, könne vollständig objektiv handeln, jeder entscheide im Schatten seiner eigenen epigenetischen Prägung. Nur wer sich davon lösen kann, könne wirklich gerecht sein.
Die entscheidenden Prägungen entstehen, so Huber, in der frühen Kindheit. „Wenn das Baby in diesen Phasen zu wenig Liebe und Zuwendung seitens der Mutter erfährt, können später depressive Verstimmungen entstehen.“ Deshalb rät er Eltern, ihr Kind in den ersten 1.000 Tagen „so viel wie möglich zu küssen und zu streicheln“, um eine sichere Bindung und eine spätere Gelassenheit im Leben des Kindes zu ermöglichen.
Auch Osten erkennt in Goethes Werken die Bedeutung der liebevollen Empathie, die von der Mutter weitervermittelt werden muss, um ein friedliches Zusammenleben der Menschheit zu ermöglichen. „Denn man kann nur lieben, wenn man geliebt worden ist,“ so Osten. Goethe selbst schreibt:
„Zwei Hebel wirken viel auf’s irdische Getriebe:
Sehr viel die Pflicht, unendlich mehr die Liebe“
Im Jahr 2024 nahm die bayerische Landesregierung unter Markus Söder Goethes Faust von der Pflichtlektürenliste der Schulen und beendete damit eine 48-jährige Tradition, in der das Werk fest zum Unterricht gehörte. Bayern ist mit dieser Entscheidung nicht allein. Mehrere Bundesländer hatten den Klassiker bereits zuvor aus dem Pflichtprogramm gestrichen, zuletzt 2021 Nordrhein-Westfalen und ab 2026 Hessen. In Niedersachsen steht Goethes Hauptwerk seit rund vierzig Jahren nicht mehr auf der Liste verpflichtender Lektüre.
Diese Entscheidungen treffen in Kultur- und Literaturkreisen auf Sorge. Ulrike Lorenz, Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar appellierte in einem offenen Brief an Söder, Goethe beizubehalten und beschrieb Faust als ein “thematisch und sprachlich brisanter Anstoß zur Auseinandersetzung mit Grundlagen, Widersprüchen und dem Wandel in unserer heutigen Welt.”
Der ehemalige Deutschlehrer Rainer Werner spricht in einer Sendung des Schweizer Radiosenders Kontrafunk von einer beunruhigenden Entwicklung an deutschen Schulen. „Bayern hat beschlossen, Goethe als Pflichtlektüre zu streichen“. Das sei eine Form der Verflachung und einer „Erleichterungspädagogik“. Er habe Sorge, Goethe könnte vollständig aus den Klassenzimmern verschwinden. „Goethes Faust ist ein Drama so reichhaltig und lehrreich, dass man sich ein ganzes Jahr lang damit beschäftigen könnte,“ sagt er. Auch der Theologe Johannes Huber „blickt mit Ehrfurcht auf die Zitate Goethes.“
Während im Westen gestrichen wird, wächst im Osten die Begeisterung. Ein Spezialistenteam der Shanghai International Studies University (SISU) arbeitet seit Jahren an einer vollständigen Übersetzung von Goethes Gesamtwerk in die chinesische Sprache. Sie sehen in seinen Schriften die Basis für den Erfolg einer Gesellschaft. All seine Romane, Gedichte, Dramen, Memoiren, Autobiografien, Briefe und Tagebücher sollen in vierzig bis fünfzig Bände übersetzt werden, die etwa 30 Millionen chinesische Schriftzeichen enthalten.
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