Die Musik ist laut, das Licht flackert, irgendwo klirrt ein Glas. Es ist einer dieser Abende, an denen alles leicht sein sollte. Und doch schwingt bei vielen ein Gedanke mit, leise, aber präsent: Ist mein Drink wirklich sicher?
Für diesen Moment gibt es Night Saver. Eine kleine Testkarte, kaum größer als eine Bankkarte, die innerhalb weniger Sekunden zeigt, ob sich etwas im Glas befindet, das dort nichts verloren hat. Kein technischer Schnickschnack, keine App, kein Labor, nur ein Tropfen, ein Farbwechsel und ein Stück Sicherheit.
Hinter der Idee stehen die beiden Wiener Gründer Johannes Franner und Michael Stermann. Die Studenten sind beide Anfang zwanzig und haben ein Produkt entwickelt, das aus einem sehr realen, sehr ernsten Anlass entstanden ist: Zwei Schwestern von Michael wurden Opfer von K.-O.-Tropfen. Räumlich und zeitlich getrennt, aber im selben Jahr. Ein Zufall, der lange nachwirkte. „Meine Hauptmotivation ist, dass meine Schwestern wieder ohne diesen ständigen Hintergedanken fortgehen können“, sagt Michael.
Gründer von „Nightsaver“: Johannes Franner und Michael Stermann (Foto: Gründer von „Nightsaver“: Johannes Franner und Michael Stermann)
Eine Idee, die geblieben ist
Night Saver begann nicht als Businessplan, sondern als Schulprojekt. 2021, Handelsakademie, Schwerpunkt Social Impact. Die Aufgabe war ein gesellschaftliches Problem zu erkennen und eine Lösung dafür zu entwickeln. Viele Projekte kamen und gingen. Night Saver blieb.
Johannes Franner und Michael Stermann machten ihre Diplomarbeit daraus, nahmen an Wettbewerben teil, pitchten ihre Idee und merkten schnell, dass es Interesse gab. Die Gespräche waren ernst. Die Nachfrage real. Was fehlte, war das Herzstück: ein funktionierendes Produkt.
Die größte Herausforderung lag in der Chemie. Zwei junge Gründer ohne chemischen Background, auf der Suche nach jemandem, der ihnen hilft. Sie wurden belächelt, abgewiesen, sogar ausgelacht. Ein Professor erklärte ihnen, ihr Vorhaben sei so realistisch wie „Gehirnchirurgie durch einen Säugling“. Doch auch diese Hürde meisterten sie und fanden einen Chemiker der nun fixer Bestandteil ihres Teams ist. Heute, vier Jahre später, wirkt dieser Satz fast ironisch.
Chemie, die man sehen kann
Night Saver basiert auf einem chemischen Prinzip namens Solvatochromie. Vereinfacht gesagt: Eine spezielle Reaktivtinte verändert ihre Farbe, wenn sie mit bestimmten Substanzen in Kontakt kommt.
Die Karte reagiert gezielt auf GHB und GBL, die in Europa am häufigsten verwendeten K.-O.-Tropfen. Besonders problematisch ist, dass GBL ist in Österreich legal erhältlich ist, etwa als Bestandteil von Reinigungsmitteln. Im Körper hat es jedoch dieselbe Wirkung wie das verbotene GHB. Ein Tropfen aus dem Glas genügt. Verfärbt sich das Testfeld grün bis dunkelblau, ist klar: Dieses Getränk sollte man nicht trinken.
Über 2.300 Tests hat das Team durchgeführt, mit Bier, Cocktails, Softdrinks, Mischgetränken und sogar Rotwein. Eigenfärbungen, Trübstoffe, schlechte Lichtverhältnisse, all das wurde berücksichtigt. Die aktuelle Farbskala ist bewusst so gewählt, dass sie auch auf dunklen Tanzflächen eindeutig erkennbar bleibt.
Trotz der klaren Funktion ist Night Saver kein Produkt, das falsche Sicherheit verspricht. Im Gegenteil. Michael betont immer wieder, dass ihre Karte kein Allheilmittel ist. „Unsere Karte ist kein komplettes Sicherheitskonzept, sondern ein Baustein davon.“
Night Saver erkennt nicht alle möglichen Substanzen. Deshalb gehört sie in ein größeres Sicherheitsverständnis, Blick aufs Glas, Hand darüber beim Durchgehen, Freunde und Freundinnen in der Nähe. Wie im Auto, vergleicht Michael: Sicherheitsgurt, Airbag und Assistenzsysteme wirken gemeinsam. Eines allein reicht nicht. Gerade diese Offenheit macht das Produkt glaubwürdig.
Wer Night Saver nutzt und warum
Interessant ist die Dynamik rund um die Zielgruppen. Genutzt wird Night Saver vor allem von Feiernden. Gekauft wird es häufig von Eltern, die ihren Kindern ein Stück Sicherheit mitgeben wollen. Gedacht ist es langfristig für Clubs, Festivals und Veranstalter. Die Vision der Gründer ist, Night Saver soll dort verfügbar sein, wo Menschen feiern, idealerweise kostenlos. Möglich machen sollen das Kooperationen mit Sponsoren, die die Karten finanzieren. Erste Pilotprojekte für den kommenden Sommer sind bereits in Planung. Es geht nicht um maximale Verkaufszahlen, sondern um Sichtbarkeit. Um Normalität. Um das Gefühl, dass Vorsicht nichts Peinliches ist.
Night Saver versteht sich nicht nur als Testkarte, sondern als Teil einer Bewegung gegen sexualisierte Gewalt. Sichtbarkeit spielt dabei eine zentrale Rolle. Wenn Clubs offen Haltung zeigen, verändert das die Atmosphäre und senkt das Risiko. „Wenn Veranstalter aktiv gegen K.-O.-Tropfen auftreten, meiden Täter diese Orte.“
Langfristig arbeitet das Team bereits an der nächsten Entwicklungsstufe: Testfelder, die auch Ketamin oder Benzodiazepine erkennen können. Parallel dazu sollen die Produktionskosten sinken, um das Produkt möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen.
Und was wäre der ideale Endpunkt? „Dass man unsere Karte irgendwann nicht mehr braucht, auch wenn wir damit unser eigenes Geschäft überflüssig machen“
Ein schöner Gedanke. Bis dahin genügt vielleicht schon ein kleiner Blick aufs Testfeld und ein Abend, der genauso endet, wie er begonnen hat: sicher.
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