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Potty Parity: Warum Frauen vor Toiletten Schlange stehen

Warteschlangen vor Frauentoiletten sind kein Zufall, sondern das Ergebnis von Strukturen, die seit Langem als normal gelten. Das Phänomen hat inzwischen auch einen Namen: Potty Parity.
Lilith Sandratski  •  3. Februar 2026 Volontärin    Sterne  12
Stadtplaner am Zug: Die Konzepte, um Geschlechterfairness bei den Wartezeiten vor Toiletten zu schaffen, liegen bereits vor. (Foto: Shutterstock)
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Egal ob Konzertpause, gerade gelandet oder auf einem Festival: Frauen müssen zweimal überlegen, ob sie noch etwas trinken möchten. Die Konsequenzen sind ihnen vertraut. 

Ungleiche Wartezeiten

Ein Bild, das viele kennen: Vor der Frauentoilette zieht sich die Schlange bis in den Flur. Ein Mann läuft vorbei und verschwindet im für ihn vorgesehenen Bereich. Er muss im Schnitt gerade einmal elf Sekunden warten. Frauen hingegen müssen deutlich mehr Geduld mitbringen: Sie warten durchschnittlich sechs Minuten und 19 Sekunden. Das zeigen die Ergebnisse einer Modellrechnung der Universität Gent. 

Was oft wie ein banales Alltagsärgernis wirkt, ist in Wahrheit ein strukturelles Problem. Lange Warteschlangen sind kein Naturgesetz, sondern ein Spiegel dafür, wie öffentliche Räume gestaltet werden und für wen sie tatsächlich gemacht sind.

Dass Frauen systematisch länger warten müssen, ist kein Zufall. Vielmehr offenbart sich hier, welche Prioritäten die Stadtplanung setzt, und welche Bedürfnisse sie schlicht übersieht.  

„Potty Parity“

Ein Phänomen so allgegenwärtig, dass es inzwischen Einzug in die Fachsprache gewonnen hat: Potty Parity. Hinter dem Begriff verbirgt sich die ungleiche Verteilung von Toiletten für Männer und Frauen und das Bestreben, diese Verhältnisse gerechter zu gestalten.  

Warum bildet sich eine Schlange?  

Ein Toilettenbesuch dauert bei Frauen im Schnitt etwa 1,5 Minuten, bei Männern nur rund eine Minute. Ursache dafür sind unter anderem die praktischen Abläufen und die unterschiedlichen Nutzungszeiten von Toilettenkabinen im Vergleich zu Urinalen: Frauen müssen die Tür öffnen, den Sitz abwischen und Kleidung anpassen.  

Hinzu kommt, dass es für Frauen trotz dieser längeren Nutzungszeiten oft weniger Toiletten gibt, da Urinale weniger Platz beanspruchen und auf derselben Fläche mehr Toiletten untergebracht werden können.  

Viele weitere Faktoren, etwa Kinderbetreuung oder Menstruation, tragen ebenfalls zu den längeren Wartezeiten bei.  

Wie kann das Problem gelöst werden?

Die Universität Gent zeigt, dass eine einfache Lösung die Wartezeit für alle auf durchschnittliche zwei Minuten und zehn Sekunden reduzieren könnte: genderneutrale Toiletten 

Fragwürdige Zuständigkeit

Die MA18 erstellt laut der Stadt Wien “übergeordnete, räumlich-strategische Planungen und Konzepte in den Bereichen Raumplanung und Mobilität, welche die Grundlagen für wesentliche stadtentwicklungspolitische Entscheidungen bilden”. Da es sich bei langen Wartezeiten für Frauen um ein strukturelles Problem stadtpolitischer Relevanz handelt, scheint mir diese Adresse als passend. Doch meine Anfrage wird “zuständigkeitshalber” an die MA48 weitergeleitet. 

Die Abteilung ist für ein sauberes Stadtbild und die nachhaltige Entsorgung zuständig und betreibt zudem 167 öffentliche WC-Anlagen.

Damit wird deutlich: Die zuständigen Stellen behandeln das Thema nicht als strukturelle Planungsfrage, sondern primär als Betriebsangelegenheit. 

Die Mediensprecherin der MA48, Sandra Holzinger, betont, dass bei Neuerrichtungen ausschließlich Unisex-Kabinen zum Einsatz kommen. Solche ermöglichen eine flexiblere Auslastung, das sie unabhängig vom Geschlecht genutzt werden können. Bei ausreichendem Platz würden zusätzlich außenliegende Pissoirs installiert, um den Nutzungsdruck zu reduzieren. Barrierefreie Kabinen, teilweise mit Wickeltischen, stünden allen Personengruppen zur Verfügung. Seit Beginn 2024 würden in stark frequentierten Anlagen zudem kostenlose Damenhygieneartikel bereitstehen 

Das grundsätzliche Problem bleibt: Laut Holzinger gibt es keine österreichweiten (Bundes-)Verordnungen, Richtlinien oder Gesetze, die für alle öffentlichen Bedürfnisanstalten verbindlich vorschreiben, ab wann wie viele Anlagen beziehungsweise wie viele Kabinen zu errichten sind. Ausnahme sei die ÖNORM B 1600, die Planungsgrundlagen für barrierefreies Bauen vorgebe.  

Strukturen früh mitdenken

Wo keine verbindlichen Regeln existieren, orientieren sich Menschen an Gewohnheiten und festgefahrenen Denkmustern. Eine Beobachtung, die der Wiener Architekt Florian Kütter bestätigt: Als größte Hürden in der Planungspraxis für eine nutzungsgerechtere Toilettenplanung nennt er diese Gewohnheiten, sowie die Konzentration auf Bauordnung und Richtlinien. Markus Tomaselli, Architekt in Wien und Leiter des Instituts für Städtebau an der TU Wien, ergänzt, dass Aspekte wie Wartezeiten in der Praxis oft wirtschaftlich und gesellschaftlich unterschätzt seien. Auch die universitäre Ausbildung spiele eine Rolle: Lehrende und Studierende sollten sich frühzeitig des Problems bewusst werden, um strukturelle Ungleichheiten von vornherein zu berücksichtigen.  

Wer das nächste mal ansteht kann sich beruhigen: Das Problem liegt nicht an fehlender Geduld. 


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