Mit mehr als fünf Millionen Followern auf TikTok zählen Louisa und Nader Jindaoui zu den bekanntesten Familienaccounts im deutschsprachigen Raum. Sie zeigen regelmäßig Szenen aus ihrem Alltag mit ihren Kindern und erreichen damit ein Millionenpublikum. Kritik gibt es vor allem dann, wenn sehr junge Kinder unverpixelt in privaten oder emotionalen Momenten zu sehen sind. Diese Aufnahmen bleiben dauerhaft online abrufbar.
Die Jindaouis sind kein Einzelfall. Familienaccounts gehören zu den erfolgreichsten Formaten auf Instagram, TikTok und YouTube. Kinder stehen im Zentrum vieler dieser Profile. Verbindliche Regeln für diesen Umgang gibt es bislang kaum.
Im Film gelten für minderjährige Darsteller feste Vorgaben. Dreharbeiten müssen genehmigt werden, Arbeitszeiten sind begrenzt, Pausen vorgeschrieben. Behörden kontrollieren die Einhaltung dieser Regeln. Ein Teil der Gagen wird treuhänderisch verwaltet. Eltern müssen zustimmen, doch sie entscheiden nicht allein.
Filmauftritte gelten als Arbeit und werden entsprechend behandelt.
Wenn Eltern ihre Kinder für Social Media filmen und veröffentlichen, gilt das rechtlich meist als privater Alltag. Eine Behörde prüft weder die Dauer der Aufnahmen noch die Häufigkeit der Veröffentlichungen. Auch eine verpflichtende Absicherung von Einnahmen ist nicht vorgesehen. Die Entscheidung liegt beim Elternhaus.
Professionell organisierte Drehs unterliegen klaren Vorgaben. Im Wohnzimmer entscheidet die Familie selbst, wie oft die Kamera läuft, auch dann, wenn die Reichweite größer ist als bei mancher Fernsehproduktion.
Auf dem YouTube-Account von Louisa und Nader Jindaoui trägt ein aktuelles Video den Titel „Bis wie viel kann Imani zählen?“. In einem anderen heißt es „Nidal schlägt fremde Leute“. Auf den Vorschaubildern sind die Kinder groß zu sehen, ihre Reaktionen stehen im Mittelpunkt. Titel und Thumbnails sind auf Plattformen wie YouTube entscheidend dafür, ob ein Video angeklickt wird. Sie bündeln Aufmerksamkeit in wenigen Worten und Bildern.
Wer den Account regelmäßig verfolgt, erfährt vieles über die Kinder: ihre Namen, ihre Geburtstage, ihre Gewohnheiten. Man sieht erste Versuche beim Zählen, Streit unter Geschwistern, Tränen und Versöhnung. Diese Szenen bleiben online und lassen sich auch später noch finden.
Die Entscheidung darüber treffen die Eltern. Die Kinder selbst können nicht mitbestimmen, ob diese Momente öffentlich sind oder nicht.
Familienaccounts finanzieren sich über Werbung, Produktplatzierungen und Beteiligungen an Plattformerlösen. Unternehmen zahlen für Reichweite und Wiedererkennungswert. Je verlässlicher ein Format funktioniert, desto planbarer werden Kooperationen.
Auf YouTube erscheinen vor oder während der Videos Werbeanzeigen, hinzu kommen bezahlte Partnerschaften. Die Plattform vergütet hohe Abrufzahlen direkt. Sichtbarkeit lässt sich in Einnahmen umrechnen.
Wenn Kinder regelmäßig Teil dieser Videos sind, werden sie auch Teil dieses Systems. Ihre Auftritte stehen nicht nur für private Momente, sondern auch für ein Format, das wirtschaftlich funktioniert.
Über die Veröffentlichung entscheiden die Eltern. Die Plattformen stellen die Infrastruktur bereit und verdienen an Werbeanzeigen und Reichweite mit. Politisch wird das Thema diskutiert, konkrete gesetzliche Vorgaben gibt es im deutschsprachigen Raum bislang nicht.
In Frankreich gilt seit 2020 ein Gesetz, das Auftritte von Kindern in sozialen Medien regelt. Für bestimmte Inhalte sind Genehmigungen erforderlich, ein Teil der Einnahmen wird für die Kinder zurückgelegt. Zudem können sie später verlangen, dass Aufnahmen gelöscht werden.
Die Videos werden veröffentlicht, kommentiert und weiterverbreitet. Die Plattform speichert sie dauerhaft. Unter jedem neuen Clip wachsen die Aufrufzahlen weiter. Für die Algorithmen ist es ein erfolgreicher Beitrag. Für das Kind ist es ein weiterer Moment, der öffentlich festgehalten wird.
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