Mit dem weltweiten Aufstieg der Künstlichen Intelligenz wächst auch eine oft übersehene Herausforderung: ihr enormer Energiebedarf. KI-Rechenzentren verbrauchen bis zu dreißigmal mehr Energie als herkömmliche Serverfarmen, etwa so viel Strom wie 100.000 Haushalte, wodurch lokale Stromnetze oft an ihre Kapazitäten stoßen. Ihr gesamter Strombedarf, der aktuell etwa dem Stromverbrauch Japans entspricht, könnte sich bis 2030 verdoppeln. Doch damit Österreich im globalen KI-Wettlauf nicht noch weiter zurückfällt und in ungünstige Abhängigkeiten von Google, Microsoft und Co. fällt, müssen die Hochleistungszentren so rasch wie möglich ans Netz gehen.
In Österreich laufen aktuell rund fünfzig Rechenzentren, von denen fast die Hälfte in Wien und Umgebung steht. Doch ein großer Teil davon sind für die Nutzung von KI nicht zu gebrauchen. Anders als klassische Rechenzentren, die E-Mails, Websites oder Datenbanken verwalten, stemmen KI-Zentren die gewaltigen Rechenlasten von KI-Modellen. Das geht nur mit speziell ausgestatteten Grafik‑ und KI‑spezifische Prozessoren. Traditionelle Rechenzentren haben niedrige Energiedichten pro Rack (zum Beispiel fünf bis 15 Kilowatt), während KI‑zentrierte Einrichtungen deutlich höhere Leistung pro Rack erreichen (zum Beispiel vierzig bis hundert Kilowatt oder mehr).
KI-Zentren erzeugen zudem mehr Abwärme, was spezielle Kühllösungen wie Flüssig-oder Immersionskühlung erfordert, weil klassische Luftkühlung nicht mehr ausreicht. Ein herkömmliches Rechenzentrum könnte zwar prinzipiell KI-Workloads ausführen, doch der Energieverbrauch wäre viel zu hoch, die Effizienz schlecht und es könnte nur wenige kleine Modelle gleichzeitig bearbeiten. Ein KI-Rechenzentrum muss perfekt auf die komplexen Bedürfnisse der Technologie abgestimmt sein, andernfalls explodieren Kosten und Laufzeiten.
Experten rechnen damit, dass bis 2030 siebzig Prozent der globalen Rechenkapazität auf KI-Anwendungen zurückgehen. In Deutschland könnten schon in wenigen Jahren vier von zehn Rechenzentren speziell für KI ausgelegt sein. Der AI Continent Action Plan der EU sieht eine Verdreifachung der Rechenzentrumskapazitäten in Europa innerhalb der nächsten fünf bis sieben Jahre vor. Erst im Oktober 2025 hat die EU angekündigt, in Tschechien, Litauen, Polen, Rumänien, Spanien und den Niederlanden sechs große, KI-optimierte Rechenzentren zu bauen, insgesamt dann 19 dieser Art. Momentan konzentrieren sich die meisten Rechenzentren geografisch auf die USA mit 5.400 Standorten. Österreich arbeitet an Plänen für neue KI-Rechenzentren, doch wo genau sollen sie entstehen und welche Standorte kommen infrage?
Im Juli 2025 unterzeichneten Bundeskanzler Christian Stocker, Wiens Bürgermeister Michael Ludwig, Bundesminister für Innovation und Infrastruktur Peter Hanke, Staatssekretär für Digitalisierung Alexander Pröll und Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling gemeinsam die Bewerbung für eine der geplanten europäischen AI-Gigafactorys. Die insgesamt fünf Hochleistungsrechenzentren sollen ausreichend Rechenleistung und Energie für das Training, die Entwicklung und den Betrieb moderner KI-Modelle bereitstellen und Europas Position als führender „AI-Kontinent“ absichern. Der Standort in Wien würde Investitionen von bis zu fünf Milliarden Euro erfordern, davon sollen 65 Prozent der Mittel aus der Privatwirtschaft und 35 Prozent von öffentlicher Hand (EU- oder nationale Mittel) kommen.
Sollte sich Wien gegen die Konkurrenz durchsetzen, könnte der Bau bereits 2028 beginnen, so sieht es der aktuelle EU-Zeitplan vor. Ein geplanter Standort ist noch nicht bekannt, eine Journalistin des Falters spekuliert auf die Seestadt Aspern, die die erste Tiefengeothermie-Anlage Wiens beheimatet und so Vorteile bezüglich der Energieeffizienz hätte. Ein Pressesprecher von Wiens Bürgermeister Michael Ludwig meint auf Anfrage von campus a:“ „In dieser Sache gibt es (noch) keine neuen Entwicklungen und auch keinerlei Entscheidung.“ Die EU müsse den konkreten Call erst noch veröffentlichen.
Ein weiteres KI-Rechenzentrum in Österreich entsteht derzeit im Salzburger Land. Die Wiener Cybersicherheitsfirma fragmentiX investierte Millionen in eine aufgelassene Industriehalle in Lend (Pinzgau) und will durch eine vollständige Kontrolle in österreichischer Hand den Weg zur digitalen Unabhängigkeit von den Amerikanern und Chinesen ebnen. Die Anlage speist ihre Energie ausschließlich aus regionaler Wasserkraft und macht das Ai Data Center somit energetisch völlig autonom. Die Rechenleistung reiche laut Geschäftsführer Werner Strasser für sämtliche österreichische Behörden und das benachbarte EU-Ausland. Wichtig ist fragmentiX die komplette Unabhängigkeit von ausländischen Servern und die Sicherheit vor Spionageangriffen mit Quantencomputern, den derzeit leistungsfähigsten Rechnern der Welt. Zutritt zu den abgeschirmten Containern in der Halle haben nur einige wenige.
„Weil die bestehende Infrastruktur nur minimale Anpassungen erforderte, war die Bauzeit für das Rechenzentrum in Lend praktisch gleich null. Wir hoffen innerhalb der nächsten zwei bis drei Wochen die letzten Finalisierungen abzuschließen und zeitnah mit der Implementierung zu beginnen,“ sagt Geschäftsführer Werner Strasser auf Anfrage von campus a zum aktuellen Stand in Lend. FragmentiX plane bereits zwei weitere KI-Rechenzentren in Österreich, genauere Details dazu gibt Strasser aber nicht, da sich die Projekte noch in Ausarbeitung befänden.
In Oberösterreich rückt ein potenzielles Rechenzentrum von Google in greifbare Nähe. Auf einem rund 500.000 Quadratmeter großen Areal im Bezirk Linz-Land bei Kronstorf haben die Vorbereitungen begonnen: Google hat ein konkretes Projekt bei den zuständigen Behörden eingereicht und die ersten Bagger rollen, um den Boden für das geplante Rechenzentrum vorzubereiten. Damit könnte nach mehr als 17 Jahren der Plan für ein Mega-Rechenzentrum erstmals real werden, die Zuständigen erwarten noch einen Baubescheid. Google blieb bisher intransparent über konkrete Pläne und ließ Anrainer im Unwissen. Es habe nur geheißen, das Gebäude brauche viel Platz, weil die Serverhallen in einem gewissen Abstand stehen müssen, da diese sehr heiß werden würden. Google müsse die Server zudem mit Wasser aus der Enns kühlen. Auf Anfrage von campus a heißt es seitens einem Unternehmenssprecher von Google Österreich, das Rechenzentrum sei auf KI-Anwendungen ausgelegt.
Mit dem offiziellen Start der neuen Cloud-Region in Wien und Niederösterreich rückt ein weiterer bedeutender Meilenstein im Ausbau der digitalen Infrastruktur näher. Microsoft eröffnete eine regionale Rechenzentrums-Infrastruktur rund um Wien, die ab August 2025 in Betrieb ging. Die genauen Standorte hat Microsoft lang unter Verschluss gehalten, laut Medienberichten sollen die drei miteinander verknüpften Rechenzentren aber in Schwechat, Vösendörf und Achau im Bezirk Mödling stehen. Dort können Unternehmen und öffentliche Verwaltungen ihre Daten sicher, datenschutzkonform und lokal innerhalb Österreichs speichern und verarbeiten. Microsoft positioniert die neue Region als zentrale Plattform für digitale Wettbewerbsfähigkeit und betont sie damit als Grundlage für Innovation, KI-Nutzung und Cloud-Anwendung, bei der Nutzer ihre Daten nicht ins Ausland transferieren müssen.
Microsoft signalisiert damit zwar Vertrauen in den Standort Österreich, doch die Verantwortlichen erklären nicht genau, wie sie verhindern wollen, dass US-Geheimdienste wie schon in der Vergangenheit europäische Firmen ausspionieren. Hermann Erlach, General Manager von Microsoft Österreich sagt: „Der Einsatz von KI ist einer der wesentlichen Innovations- und Produktivitätstreiber für die heimische Wirtschaft. Die Kombination aus KI und Rechenzentren ermöglicht es, das volle Potenzial neuer Technologien auszuschöpfen.“ Für das Rechenzentrum in Schwechat haben die Wiener Netze eine eigene 110-Kilovolt-Schaltanlage in Betrieb genommen. Die Kosten dafür habe Microsoft zu hundert Prozent übernommen.
Ein ausgebautes Netzwerk österreichischer KI-Rechenzentren würde die digitale Abhängigkeit von den Amerikanern und Chinesen verringern. Zusätzlich würden spezialisierte Arbeitsplätze entstehen, Investitionen in Milliardenhöhe ins Land fließen und zahlreiche Branchen von Gesundheitswesen über Verkehr bis Energie davon profitieren. Statista Austria prognostiziert ein jährliches Wachstum des Marktes für Rechenzentren in Österreich von etwa sieben Prozent bis 2030. Mit Österreichs hohem Anteil an erneuerbarer Energie ließen sich solche Anlagen laut Experten nachhaltig betreiben, sei es durch Wasserkraft, Solarstrom, Windkraft oder innovative Speicherlösungen. Doch die Zeit drängt, denn schon jetzt setzen die großen Rechenzentrumsbetreiber lieber auf Standorte wie die USA, Skandinavien oder Irland, wo großzügige Flächen und kostengünstige, erneuerbare Energien winken.
Unternehmer weichen bereits vermehrt auf diese ausländischen Rechenzentren aus, weil Österreich bei Flächenwidmungen und Netzzugängen weit hinterherhinkt. Besonders im Raum Wien können die Genehmigungen mehrere Jahre dauern. Was wiederum Abhängigkeiten von Staaten, die mit digitalen Rohstoffen wie Rechenzeit zunehmend geopolitische Interessen verfolgen, verstärkt. Obwohl Regierung und Wirtschaft betonen, dass Österreich im globalen KI-Rennen mithalten muss, fehlt bisher eine kohärente Strategie für neue Rechenzentren, die unerlässlich für die heimische Forschung, sowie Tech-Start-ups sind. “Die nächsten fünf Jahre entscheiden, ob Österreich zurückfällt oder nicht”, sagt Hans-Peter Schmid, Partner bei der Consultant Firma Arthur D. Little und Experte für Energie im Interview mit dem Standard.
Laut einer Studie des Öko-Institut und Greenpeace könnten die weltweiten Treibhausgasemissionen durch Rechenzentren von rund 212 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten (2023) auf 355 Millionen Tonnen bis 2030 anwachsen. Ein Plus von mehr als 65 Prozent. Rund 58 Prozent der fünfzig Rechenzentren in Österreich beziehen erneuerbare Energie und einige Projekte leiten bereits die Abwärme der Zentren direkt in die lokale Versorgung, zum Beispiel das Krankenhaus Nord in Wien-Floridsdorf.
Aber auch der Wasserverbrauch steigt dramatisch: Ein einziges Hyperscale-Rechenzentrum kann, abhängig von Standort und Kühlsystem, bis zu 19 Millionen Liter Wasser pro Tag benötigen, so viel wie eine Kleinstadt mit 30.000 bis 50.000 Einwohnern. Nach Berechnungen des Öko-Instituts würde der globale Wasserbedarf für Kühlung damit von 175 Milliarden Litern (2023) auf 664 Milliarden Liter im Jahr 2030 steigen.
Nach Einschätzung von Experten kann Künstliche Intelligenz nur dann nachhaltig nutzbar sein, wenn auch ihre Energieversorgung es ist. Dafür braucht es einen schnellen, konsequenten Ausbau erneuerbarer Energien und die dazugehörige Infrastruktur: stabile Netze, leistungsfähige Umspannwerke und ausreichend Speicherkapazitäten, sowohl für KI-Zentren als auch ihre Stromleitungen. Bis der politische Wille für die nötigen Entbürokratisierungsmaßnahmen dafür entstehen, könnte es aber noch dauern. Denn der wächst langsamer als es der globale KI-Wettlauf eigentlich erlaubt.
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