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Kritische Rohstoffe: Österreich könnte liefern und will nicht

Österreich sitzt mit Europas größtem Litiumvorkommen auf einem Milliardenschatz, der etwa bei der Energiewende eine bedeutende Rolle spielen könnte. Warum will ihn niemand heben?
Benedikt Schweigl  •  19. Februar 2026 Volontär    Sterne  24
Das „weiße Gold“ (Lithium) für Europas erneuerbare Energien kommt überwiegend aus Salzwüsten in Südamerika. (Foto: (Foto: wirestock - freepik))
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Was haben Kupfer, Lithium, Kobalt, Aliminium und Mangan gemeinsam? Die EU benötigt sie für die angestrebte Energiewende ebenso wie zahlreiche weitere Rohstoffe, darunter Nickel, Lithium und Kobalt für Elektrofahrzeuge, Bor für Windturbinen sowie Wolfram für die Vibrationstechnologie in Smartphones. Das Problem dabei ist: In Europa lassen sich diese Rohstoffe in der Regel nur in sehr geringen Konzentrationen gewinnen. Dadurch entsteht eine Abhängigkeit der EU-Länder gegenüber Drittstaaten, die die Versorgungssicherheit mit diesen Materialien langfristig gefährden könnte, wie ein Sonderbericht des Europäischen Rechnungshofes kürzlich kritisierte.

Insgesamt 26 Materialen, darunter auch Seltene Erden, zählen zu den kritischen Rohstoffen. Diese gelten deshalb als „kritisch“, weil sie eine hohe wirtschaftliche Bedeutung für den Umstieg auf erneuerbare Energien haben und nur begrenzt verfügbar sind. Die Europäische Union bezieht einige davon fast ausschließlich aus einem einzigen Land. Beispielsweise kommt in der EU verwendetes Bor zu 99 Prozent aus der Türkei, Magnesium zu 97 Prozent aus China und Lithium zu 79 Prozent aus Chile. Dabei hat etwa Österreich ungenutzte Lithiumlagerstätten, die Einnahmen in Millionenhöhe und mehr Versorgungssicherheit versprechen.

Lithiumabbau im Kärntner Lavanttal

Wirklich greifbar sind diese kritischen Rohstoffe wohl für die wenigsten Europäerinnen und Europäer. Dabei ließ die Republik Österreich bereits 1985 in Wolfsberg im Kärntner Lavanttal einen Stollen zum Abbau von Lithium errichten. Seit etwa einem Jahrzehnt versucht das australische Bergbauexplorations- und Erschließungsunternehmen ECM Lithium AT GmbH mit der Förderung dieses Rohstoffs zu beginnen.

Im November 2025 hob das Bundesverwaltungsgericht (BVwG) einen Bescheid der Kärntner Landesregierung auf, laut dem für den Abbau keine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) notwendig ist. Ob es tatsächlich zu dieser UVP kommen wird, ist jedoch offen. „Die Angelegenheit ist auf die Landesregierung zurückverwiesen worden, die mithilfe von Sachverständigen prüft, ob die Voraussetzungen für eine UVP bestehen“, erklärte Adrian Plessin von der zuständigen Fachabteilung des Landes. Darüber hinaus prüft das Land Kärnten ebenfalls mit Sachverständigen im Rahmen einer Einzelprüfung die möglichen Umweltauswirkungen des geplanten Abbaus. Somit ist das Projekt nicht nur von einer potentiellen UVP abhängig.

Großes Abbaupotenzial im Spannungsfeld von Nutzen und Kosten

Tatsächlich hat Kärnten mit rund 18 Millionen Tonnen das größte Lithiumvorkommen Europas. Im Zuge des Projekts „Lithiumabbau Koralpe“ will die ECM Lithium AT GmbH aus rund zwölf Millionen Tonnen Gestein etwa 130.000 Tonnen reines Lithium gewinnen. Somit verspricht das Projekt einen wichtigen Schritt in Richtung Unabhängigkeit bei zumindest einem der kritischen Rohstoffe.

Ganz so einfach ist es dann doch nicht, denn Lithium lässt sich entweder durch Verdunstung im Becken aus Salzseen gewinnen oder wie im Falle der Koralm im Lavanttal durch Bergbau aus Festgestein. Letztere Extraktionspraxis ist laut Simon Lobach, Extraktivismusexperte und Gastforschender an der Universität Wien, die deutlich energieintensivere und umweltschädlichere.

Dementsprechend wird für den Abbau von einer Tonne Lithium in Kärnten zwangsläufig mehr Energie benötigt als für eine Tonne Lithium aus Salzseen im sogenannten Lithium-Dreieck (Chile, Argentinien und Bolivien) in Südamerika. Ein abschließendes Urteil zu dem Projekt wolle er jedoch nicht fällen, immerhin könne das Vorhaben die Unabhängigkeit der EU zumindest für diesen Rohstoff tatsächlich stärken, so Lobach.

Mit Eigenförderung, Recycling und Verarbeitungsanlagen zum Ziel

Die EU strebt unter Berufung auf den Critical Raw Materials Act von 2024 danach, die Rohstoffabhängigkeit gegenüber Drittstaaten deutlich zu reduzieren. Der Staatenverbund verkündete bei der Verabschiedung des Gesetzes drei unverbindliche Ziele bis 2030, die den Fokus wiederum auf 15 für die Energiewende relevante strategische Rohstoffe legen: Die EU soll zehn Prozent ihres Verbrauchs strategischer Rohstoffe durch Eigenförderung decken, 25 Prozent dieser Rohstoffe aus Recyclingquellen gewinnen und 40 Prozent der in der EU verbrauchten strategischen Rohstoffe innerhalb der EU verarbeiten. Diese Materialien sind aufgrund ihrer Verwendung in bestimmten grünen Technologien oder auch für Verteidigungsanwendungen „strategisch“ wichtig.

Laut dem Sonderbericht des Europäischen Rechnungshofs wird die EU mit den aktuellen Entwicklungen und Maßnahmen alle drei Ziele verfehlen. Bei sieben von 26 Rohstoffen lägen die Recyclingquoten derzeit etwa nur zwischen ein und fünf Prozent, zehn Rohstoffe werden bisher überhaupt nicht wiederaufbereitet. Hinzukommt, dass die EU im Bereich der Erkundung hinten nachhängt.

Die Umsetzung von Förderprojekten wie jenem in Kärnten dauert in Europa bis zu 20 Jahre, und Unternehmen haben in der jüngeren Vergangenheit vermehrt entsprechende Verarbeitungsanlagen trotz der Zielsetzungen aufgrund hoher Energiekosten und mangelnder Wettbewerbsfähigkeit stillgelegt. So kommt es dazu, dass Kupfer aus Chile beispielsweise zunächst nach China zur Verarbeitung transportiert wird und erst im Anschluss den Weg nach Europa findet.

Für Abbau in Europa fehlt die gesellschaftliche Akzeptanz

Generell hätte die Verarbeitung kritischer Rohstoffe in der EU in den vergangenen Jahrzehnten sogar abgenommen, erklärte Simon Lobach. Die meisten Förder- und Verarbeitungsprojekte in der EU scheitern demnach bereits an strengen Umweltauflagen, fehlender lokaler Akzeptanz sowie bürokratischen und wirtschaftlichen Faktoren. „Diese Projekte sind innerhalb von Europa schwierig umsetzbar. Die meisten Menschen wollen diese Form des Extraktivismus und die damit verbundenen negativen Auswirkungen auf Lebensqualität und Umwelt ganz einfach nicht.“

Lobach bewertet die Förderung und Verarbeitung kritischer Rohstoffe in Europa und anderswo als problematisch, da sie Lebensräume zerstören, die Biodiversität gefährden, Wasser verschmutzen, Böden kontaminieren und Abfallprobleme verursachen können. „Prinzipiell ist es wichtig, sich ambitionierte Ziele zu setzen“, betonte der Extraktivismusforscher im Hinblick auf den Critical Raw Materials Act.

Jedoch sieht er wie auch der EU-Rechnungshof bei der derzeitigen Gesetzeslage keine realistische Chance, dass der Staatenverbund seine geplanten Ziele bis 2030 erreicht. Die EU müsse sich auf der Suche nach mehr Unabhängigkeit in Bezug auf kritische Rohstoffe prinzipiell die Frage stellen, ob sie auch bereit ist die negativen Konsequenzen dieser Förder- und Verarbeitungspraktiken zu tragen.

Handelsabkommen wie Mercosur und jenes mit Indien sieht Lobach unterdessen als ein Mittel zumindest gegen die Einseitigkeit der Abhängigkeiten, jedoch stehe man auch hier vor einem moralischen Dilemma, denn die extraktivistischen Praktiken haben auch in den Herkunftsländern zahlreiche negative Effekte. Die Frage, die sich am Ende stellt, ist nicht jene nach einer utopischen Unabhängigkeit, sondern: Auf welchen Schultern wird die Energiewende ausgetragen? 

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