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Wie KI soziale Medien wieder echter und ehrlicher macht

Reale Influencer konkurrieren inzwischen mit KI-generierten Figuren. Um sich zu behaupten, setzen sie stärker auf das, was Maschinen fehlt: Persönlichkeit, Haltung und Nähe. Davon profitieren auch Plattformen wie TikTok und Instagram.
Sophie-Leonie Foidl-Widhalm  •  19. Februar 2026 Volontärin    Sterne  178
Foto: Pexels
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Perfektion ist im digitalen Raum keine Besonderheit mehr, sondern Grundausstattung. KI-Modelle liefern makellose Bilder auf Knopfdruck und bespielen soziale Medien wie reale Creator.Aufmerksamkeit erzeugt deshalb nicht mehr Perfektion, sondern Echtheit, gerade in einer digitalen Umgebung, in der künstliche Inhalte immer überzeugender erscheinen.

Als Instagram 2010 startete, lebte die Plattform von spontanen Alltagsmomenten. Nutzer posteten verschwommene Schnappschüsse statt perfekt inszenierter Bilder. Mit dem Aufstieg professioneller Creator veränderte sich die Ästhetik. Influencerinnen wie Pamela Reif, Gerda Lewis oder MrsBella prägten durchgeplante Feeds, perfektes Licht und makellose Selbstinszenierung. Dieses Modell brachte ihnen hunderttausende, bis Millionen Follower und setzte neue Standards für visuelle Perfektion.

Mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz verschärft sich der Wettbewerb erneut. Influencer konkurrieren nicht mehr nur miteinander, sondern auch mit virtuellen Figuren. KI-Influencer wie Lil Miquela, Aitana Lopez oder Emily Pellegrini wirken visuell wie reale Personen. Gerade weil KI makellose Inhalte jederzeit produziert, rückt das Menschliche wieder ins Zentrum.

Fitness Influencerin Pamela Reif(Foto: @pamela_rf/Instagram)KI-Fitness-Influencerin(Foto: @fit_aitana/Instagram)

Die Strategie des Unperfekten

Perfektion bildete lange die Währung sozialer Medien. Heute zieht das Gegenteil Aufmerksamkeit auf sich, das Ungefilterte. Influencerinnen wie Frau Gretel verzichten bewusst auf Inszenierung. Die deutsche Creatorin spricht offen über ihre Periode, ungewöhnliche Essenskombinationen und alltägliche Routinen, ohne Filter, ohne perfektes Licht, ohne idealen Winkel. Genau diese Direktheit überzeugt ihre Community. Rund 400.000 Menschen folgen ihr auf Instagram, auf TikTok etwa 1,2 Millionen. In den Kommentaren loben Follower ihre Ehrlichkeit und feiern ihre Nahbarkeit. In einer Zeit, in der KI makellose Inhalte produziert, wird genau diese sichtbare Unvollkommenheit zum Unterscheidungsmerkmal.

 Was Marken jetzt wirklich suchen

Agenturen sehen darin keinen Zufall. „Mit dem Aufkommen von KI-Influencern wird nicht Perfektion zum Erfolgsfaktor, sondern Persönlichkeit“, sagt Johanna Milani von der Marketingfuchs GmbH. Technisch makellose Inhalte ließen sich heute jederzeit produzieren. „Was nicht skalierbar ist, ist echter persönlicher Zugang.“

Je mehr künstlich generierter Content entstehe, desto stärker wachse das Bedürfnis nach Nahbarkeit, Haltung und echten Alltagsmomenten. Erfolgreich seien Creator, „die ihre Community mitnehmen, statt nur ästhetisch zu beeindrucken“. Authentizität definiere sich dabei nicht über Ungefiltertes, sondern über Glaubwürdigkeit und Konsistenz.

Auch in Briefings zeige sich diese Entwicklung. Marken fragten zunehmend: „Wie fühlt sich die Person an? Passt sie kulturell zur Marke? Kann sie eine Geschichte erzählen, nicht nur ein Produkt zeigen?“ KI-Avatare könnten Kontrolle liefern, aber keine echte Beziehung aufbauen. „Für Performance-Ziele und Vertrauensaufbau bleibt der menschliche Faktor entscheidend.“

Kein Ersatz, sondern ein neuer Maßstab

Nicht alle Agenturen beobachten bereits einen grundlegenden Wandel. Die Wiener MMCAGENTUR sieht derzeit keinen direkten Einfluss von KI auf das Influencer-Marketing. Virtuelle Figuren blieben eine Minderheit, viele große Marken mieden sie. Unternehmen setzten KI vor allem bei Produktvisualisierungen oder klassischen Werbemitteln ein.

Doch selbst wenn KI Influencer noch nicht ersetzt, verändert sie den Maßstab. Sobald Technik perfekte Darstellungen jederzeit erzeugt, verlieren sie ihren Wettbewerbsvorteil. Reale Creator müssen sich über mehr als Inszenierung definieren.

Der Job verändert sich

Damit verschiebt sich auch die Arbeit von Influencern. Erfolg entsteht nicht mehr allein durch perfekte Bilder, sondern durch Wiedererkennbarkeit, Haltung und Persönlichkeit. Während sich Ästhetik automatisieren lässt, rückt die Person selbst ins Zentrum.

Künstliche Influencer verdrängen den Beruf nicht, sie zwingen ihn zur Veränderung. Je einfacher sich Perfektion herstellen lässt, desto mehr verliert sie an Bedeutung. Ausgerechnet künstliche Intelligenz sorgt damit dafür, dass soziale Medien wieder stärker auf Persönlichkeit und Menschlichkeit setzen.


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