Die deutsche Dokumentarfilmerin Isa Willinger, bekannt für essayistische Arbeiten wie Hi, AI, widmet sich in ihrem neuen Film No Mercy der Frage, wie Regisseurinnen weltweit Kino prägen und verändern. Der Film versammelt internationale Filmemacherinnen und diskutiert Macht, Blickregime und künstlerische Radikalität.
Im Zentrum steht dabei auch der Begriff des „Female Gaze“, als Gegenentwurf zum „Male Gaze“, also zu jener von der Filmtheoretikerin Laura Mulvey geprägten Analyse, nach der das klassische Hollywoodkino Frauen häufig als Objekte männlichen Begehrens inszeniert. Der Female Gaze versucht hingegen, weibliche Erfahrung und Subjektivität ins Zentrum filmischer Erzählweisen zu rücken.
campus a: Was war der Ausgangsimpuls für No Mercy?
Isa Willinger: Ein Impuls war der Filmessay Women Make Film von Mark Cousins, der 14 Stunden lang ausschließlich Ausschnitte von Regisseurinnen zeigt, kommentiert aus seiner Perspektive. Das war wichtig, aber mir fehlten die Stimmen der Regisseurinnen selbst. Ich wollte einen Film machen, in dem sie sprechen. Außerdem erinnerte ich mich an ein Interview mit Kira Muratova, in dem sie sagte, Frauen machten die härteren Filme. Diese irritierende These wurde ein idealer Aufhänger für Gespräche.
campus a: Der Film folgt sehr oft Kira Muratova. Was fasziniert Sie an ihr?
Isa Willinger: Mich beeindruckte ihre Radikalität und Ausdrucksstärke. Sie unterwarf sich keiner gängigen Filmsprache und entwickelte eine kompromisslos eigene Handschrift. Das erfordert Mut und Eigensinn. Gleichzeitig liebe ich ihren grotesken Humor, der ihre Filme bis heute so besonders macht.
campus a: Wie definieren Sie den „Female Gaze“ jenseits eines Schlagworts?
Isa Willinger: Filme entstehen nie aus einem einzigen Blick, sondern aus mehreren Perspektiven. Deshalb ist der Begriff unscharf, vielleicht aber gerade deshalb produktiv. Für mich bedeutet Female Gaze vor allem, dass die Erfahrung weiblicher Figuren ins Zentrum rückt, formal wie erzählerisch, oder zumindest gleichwertig neben männlichen Perspektiven steht.
campus a: Besteht die Gefahr, dass der Begriff essentialistisch wird?
Isa Willinger: Ja. Der Begriff war wichtig als Gegenpol zum Male Gaze, der Frauen stark sexualisiert hat. Aber die Realität ist komplexer als diese Dichotomie. Heute muss man differenzierter denken, der Begriff ist historisch erklärbar, aber nicht absolut.
campus a: Nach welchen Kriterien haben Sie die Gesprächspartnerinnen ausgewählt?
Isa Willinger: Es mussten Regisseur*innen sein, die mich selbst inspiriert haben und etwas Relevantes zu den Themen sagen konnten, etwa zu Gewalt, Geschlechterrollen oder Blickregimen. Mir war kulturelle und generationelle Vielfalt wichtig. Natürlich spielte auch das Machbare eine Rolle. Mit Kathryn Bigelow hätte ich gern gesprochen, das hat leider nicht geklappt.
campus a: Warum nicht Laura Mulvey?
Isa Willinger: Ich wollte keinen primär akademischen Diskurs, sondern mit den Filmemacherinnen selbst sprechen. Der Film sollte aus der praktischen Erfahrung heraus entstehen. Theoretische Perspektiven fließen indirekt ein, etwa über Nina Menkes, aber reine Filmwissenschaftlerinnen wollte ich bewusst nicht einbeziehen.
campus a: Gab es Aussagen, die Sie überrascht oder irritiert haben?
Isa Willinger: Sehr viele. Ich wollte nichts Wiedergekäutes erzählen. Überraschend waren oft gerade Widersprüche. Während der Gespräche war das manchmal irritierend, erst im Schnitt wurde klar, wie wertvoll diese Spannungen sind. Besonders herausfordernd waren die Interviews mit Ana Lily Amirpour und Céline Sciamma.
campus a: Wie haben Sie die Balance zwischen Gespräch und Bildbeispiel entwickelt?
Isa Willinger: Zunächst entwickelte ich eine eigene Bildsprache. Ich entschied mich für nächtliche Barsettings, weil Nacht Intimität erzeugt. Auf der Metaebene arbeitete ich mit Nebel, Doppelbelichtungen und einer tastenden Ästhetik. Die konkrete Balance entstand erst im Schnitt, im Zusammenspiel meiner Bilder mit den Filmausschnitten.
Die österreichische Regisseurin Valie Export kommt in der Dokumentation auch zu Wort. (Foto: Stadtkino Filmverleih)
campus a: Wie bewerten Sie die aktuelle Situation für Regisseurinnen im europäischen Kino?
Isa Willinger: In Europa, vor allem im Arthouse, haben Regisseurinnen durch staatliche Förderstrukturen und paritätische Jurys bessere Chancen. In den USA sieht man eher Rückschritte, 2025 waren nur acht Prozent der Top-100-Filme von Frauen inszeniert. Dort dominieren kapitalistische Marktmechanismen. Und der Kapitalismus ist einfach sehr sexistisch. Eine kappbekleidete wunderschöne junge Frau auf der Leinwand verkauft sich an der Kinokasse halt gut.
campus a: Hat sich seit #MeToo substanziell etwas verändert?
Isa Willinger: In den 2010er Jahren gab einen spürbaren Aufschwung, vor allem bei den Streamingplattformen, die stark auf Diversität setzten, das waren die Obama-Jahre. Joey Soloway realisierte bei Amazon mit Transparent und I Love Dick zwei dezidiert feministische, sehr eigenständige Serien. Inzwischen hat sich der Kurs jedoch verschoben. Bei Amazon finden sich heute Projekte wie Melania, was zeigt, dass politische und kulturelle Entwicklungen starken Einfluss auf Programmstrategien in den USA haben. Gleichzeitig gibt es auch Erfolge wie den von Chloé Zhao mit Hamnet. Dennoch bleiben solche Karrieren im amerikanischen Mainstream eher Ausnahmen als Ausdruck einer stabil veränderten Struktur.
campus a: Gibt es eine Aussage im Film, die Sie selbst als radikal empfinden?
Isa Willinger: Radikal würde ich nichts davon nennen. Ich kann alles nachvollziehen. Es gibt Positionen, denen ich nicht völlig zustimme, aber gerade diese Differenzen machen den Diskurs lebendig und erweitern den Horizont.
campus a: Was müsste passieren, damit wir den Begriff „Female Gaze“ nicht mehr brauchen?
Isa Willinger: Wenn alle Menschen die gleichen Möglichkeiten hätten und Geschlecht keine strukturelle Rolle mehr spielte, wäre der Begriff überflüssig. Dann wären Male Gaze und Female Gaze historische Kategorien. Durch die menschliche Fähigkeiten Empathie und Fantasie könnten eigentlich Alle, alle Perspektiven einnehmen.
campus a: Was sollen Zuschauer nach dem Film anders sehen als zuvor?
Isa Willinger: Ich wünsche mir, dass sie sich bestärkt fühlen und Lust bekommen, die Filme der Regisseurinnen zu entdecken. Vor allem aber, dass sie erkennen, wie kraftvoll und gleichwertig diese Stimmen sind.
Verfasse auch du einen Beitrag auf campus a.