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Unmögliche Meisterleistung: Schnitz-Kunstwerk aufgetaucht

Im Niederösterreichischen Gföhl ist ein Wunder der Handwerkskunst aufgetaucht. Wie schaffte es ein Schnitzer vor rund hundert Jahren, in Ein-Liter-Glasflaschen opulente Werke zu schaffen, die niemals durch die Flaschenhälse gepasst hätten?
Julia Ehrensberger  •  25. Februar 2026 Redakteurin    Sterne  630
Das Schnitzkunstwerk von Johann Hengstberger: Filigrane Schnitzereien in Glasflaschen. (Foto: Privat)
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Johann Hengstberger war ein einfacher Bauer ohne Tischlerausbildung und doch schuf er ein hölzernes Kunstwerk von unglaublicher Detailverliebtheit. In fünf Glasflaschen schnitzte er filigrane Szenen seines Lebens, in dem er mit feinem Werkzeug in deren Inneren arbeitete: Apfelbäume und Weinberge, Spinnräder, Zirkusaufführungen und Bergwerke. Jede der Ein-Liter-Flaschen enthält winzige, exakt gearbeitete Holzfiguren, bewegliche Mechanismen und sogar selbstgeschriebene Gedichte mit winziger Schrift. Jedes der rund 500 Einzelteile pro Flasche ist klein genug, um durch die schmalen Hälse der Flaschen zu passen. Selbst Experten rätseln: Wie hat der Mann das geschafft?

Kriegsgefangener mit Leidenschaft fürs Schnitzen

Geboren im Jahr 1890, musste Hengstberger von 1911 bis 1914 zum Heer. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs ging es für ihn an die Front, doch schon nach 14 Wochen geriet er in russische Kriegsgefangenschaft. Die Soldaten brachten ihn in ein Lager nach Sibirien, wo er nach einem halben Jahr an Skorbut erkrankte und ins Lazarett musste. Dort, auf seinem schmalen Feldbett, fiel sein Blick auf eine Glasflasche in der Ecke des Krankenzimmers. Darin befand sich ein filigran geschnitztes Holzkreuz mit der Darstellung des Leidens Christi. Hengstberger war beeindruckt.

Kaum genesen, musste er zurück ins Gefängnis, doch die Erinnerung an die Flasche ließ ihn nicht los. Er bat die russischen Offiziere um eine ähnliche Flasche und schnitzte das Holzkreuz nach. Bald verkaufte er seine Handwerkskunst für fünf Rubel an die Anwohner rund um das Gefängnis. „Da bemerkte er seine Begabung für das Schnitzen,“ sagt Gottfried Lechner, ein Nachfahre und Erbe Hengstbergers, in dessen Besitz die Flaschen heute stehen. 

Nach Kriegsende ließ den frisch gebackenen Hobbyschnitzer die Leidenschaft nicht mehr los. Hengstberger beschloss, ein Gesamtwerk aus fünf Flaschen mit kunstvollen Holzschnitzereien zu schaffen. Jede einzelne sollte Geschichten aus seinem Leben erzählen.

Gärtner mit Messer und Raspel

Für die erste Flasche schnitzte Hengstberger einen Apfelbaum mit feinen Wurzeln, Blättern, Ästen und Zweigen, auf denen winzige Vögel sitzen. „Er hat sich wirklich genau angeschaut, wie ein Vogel aufgebaut ist und sich gefragt: Wie viele Zehen hat er eigentlich?“, erzählt Lechner. Die kleinen Figuren, die in der Flasche die Äpfel pflücken und in Körbe legen, stehen sinnbildlich für Hengstberger selbst. Schließlich war er auch leidenschaftlicher Gärtner und in der Familie zuständig für die Pflege der Apfelbäume und die Ernte auf dem Bauernhof. 

Der Apfelbaum mit den Bauern bei der Ernte. (Foto: Privat)

Die zweite Flasche zeigt ein Spinnrad mit Haspel und Brechl und sie war, so erzählt Lechner, selbst pensionierter Tischler, die schwierigste Arbeit seines Großonkels. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie er das Spinnrad im Inneren der Flasche zusammengebaut hat“, sagt er. Wiederum erzählte Hengstberger von sich selbst. Auf dem Hof spannen die Frauen früher Wolle zu Garn, aus dem sie Socken und Pullover strickten. Im Winter saßen er und die anderen Kinder am warmen Ofen und sahen ihnen dabei zu.

Unterhaltung abseits des Bauernhofs war rar

Die dritte Flasche zeigt einen Zirkus samt Orchester, Akrobaten und Pferden. In Hengstbergers Jugend gab es keine Fernseher und Unterhaltung abseits des Bauernhofs war rar. „Wenn er ein bisschen Abwechslung suchte, nahm er die Kinder einfach zu den Zirkusaufführungen mit“, erzählt Lechner von seinem 1976 verstorbenem Vorfahren. 

Die Zirkusarbeiter und das Bergwerk. (Foto: Privat)

Die vierte Flasche stellt ein Bergwerk mit Arbeitern dar. Ganz oben liegt das mit der Förderkette gewonnene Erz. „Mit dieser Flasche wollte er eine Menschengruppe ansprechen, die sehr schwere Arbeit leisten musste“, erklärt Lechner. Die Minenarbeiter, damals ein verbreiteter Job.

Die fünfte und letzte Flasche zeigt ein Winzerhaus, umrankt von Weinreben, mit Vögeln, einer Uhr und einem kleinen Heurigen, in dem Hengstberger selbst gerne den frischen Wein verkostete. Im Weinviertel, wo die Familie ansässig war, halfen die Bauern einander früher bei der Weinlese und die Kinder durften die frischen Trauben essen. Lechner findet diese Flasche besonders beeindruckend: „Die kleinen Weintrauben, die kaum einen Zentimeter großen Fensterflügel mit Schlitz und Zapfen sind handwerklich einfach unglaublich.“ 

Lange Fingernägel als Pinzette 

Stück für Stück schob Hengstberger die winzigen Holzteile von oben in die Flasche und baute sie im Inneren zusammen. Da viele Teile so klein waren, dass sie sich kaum mit den Fingern greifen ließen, entwickelte er eine ungewöhnliche Technik. „Er ließ sich zwei Fingernägel so lang wachsen, bis er sie wie eine Pinzette benutzen konnte“, erzählt Lechner. Immer wieder brachen Teile oder verbogen sich, sodass der Schnitzer die Flasche zerbrechen und von vorn beginnen musste. Geduld, sagt Lechner, sei wohl die wichtigste Zutat seiner Kunst gewesen. Alle fünf Flaschen schnitze er zwischen 1924 und 1929. Für die gröberen Schnitzarbeiten nutzte Hengstberger Hartholz, für die filigranen Details Weidenholz und für die Kontrastfarben Espe und Birke.

Die mittleren drei Flaschen sind besonders aufwendig gearbeitet. Sie enthalten bewegliche Mechanismen wie ein drehbares Spinnrad, ein Karussell im Zirkus und winzige bewegliche Figuren. Manches ist im Laufe der Jahre kaputt gegangen und heute gibt es niemanden mehr, der es reparieren könnte.

Wanderschaft durch Österreich

Für alle fünf Flaschen baute Hengstberger einen Tragekasten mit Gurten, den er sich auf den Rücken schnallen konnte. Anfang der 1930er Jahre ging er damit auf Wanderschaft durch Österreich, um seine Werke in Schulen, Restaurants und Hotels zu präsentieren. Er wollte sie laut Lechner so vielen Menschen wie möglich zeigen und dann seinen Nachkommen hinterlassen. Weshalb er trotz teils üppiger Angebote nie verkaufen wollte. 

Gottfried Lechners Jugend und Leben war geprägt von seinem Großonkel Hengstberger.Gottfried Lechners Jugend und Leben war geprägt von seinem Großonkel Hengstberger. (Foto: Privat)

Schrulliger Künstler und Fantast

Heute können Interessierte die Werke im Haus der Familie Lechner in Gföhl (NÖ) besichtigen. Lechners Frau Eva bewirtet dabei die Gäste, das eine oder andere Kaufangebot haben auch sie schon bekommen. 

Auch Lechners Cousine Ute erinnert sich noch an den bemerkenswerten Ahnen. „Er war war ein etwas schrulliger Künstler, wenn nicht ein Fantast,“ erinnert sie sich lachend. „Kein typischer Bauer, er war anders als die anderen.“ Während die Männer auf den Feldern und im Wald arbeiteten, zog sich Hengstberger lieber in seine Werkstatt zurück. Dort schnitzte er, schrieb Gedichte oder kümmerte sich um seine Neffen und Nichten. „Wenn alle zusammen aßen, saß er meist still in einer Ecke, zog sich den Hut tief ins Gesicht und tat so, als würde er schlafen“, erzählt Ute. „In Wahrheit lauschte er jedem Wort der Familie.“

Talent für Tischlern liegt in der Familie

Mit 75 wollte Hengstberger noch ein neues Projekt starten. Er wollte aus einem einzigen Stück eine bewegliche Holzkette schnitzen. Doch seine alten Hände zitterten dafür schon zu sehr. Also übergab er die Idee an seinen Großneffen Lechner, damals fünfzehn Jahre alt und Tischlerlehrling. Das Talent für Holzarbeiten schien ihm in die Wiege gelegt zu sein, und auch Lechners Sohn sollte später Tischler werden. Schon als Kind beobachtete Lechner Hengstberger in seiner Werkstatt stundenlang. „Ich genoss den Geruch des Holzes und war angesteckt von der Leidenschaft meines Großonkels,“ lächelt er. 

Als ihm sein Großonkel die Idee zur Holzkette in den Kopf setzte, besorgte sich Lechner ein Stück Lindenholz. Immer wieder schnitt er zu tief, ein Kettenglied brach und er musste neu anfangen. Einmal arbeitete er zwei Wochen lang konzentriert und dachte schon, diesmal würde er es schaffen, als er auf einen im Holz verborgenen Ast stieß. „Ein Fehler im Holz, normalerweise von außen gar nicht zu erkennen“, sagt er heute. „Die Kette wäre zerbrochen, hätte ich dort hineingeschnitten.“ Also wollte er sich weiter in jener Tugend üben, die Hengstberger etwas so Bemerkenswertes schaffen ließ: In Geduld. Doch seinem Lehrmeister reichte es. „Wenn du es nicht kannst, dann lass es“, sagte er. 

Fast hätte Lechner aufgegeben. Doch Hengstberger besann sich und ermutigte seinen Großneffen, weiterzumachen. Mit Worten, die ihn bis heute begleiten: „Im Leben zählt nicht, was du begonnen hast, sondern nur, was du vollendet hast.“ 

Die bewegliche Holzkette von Gottfried Lechner.Die bewegliche Holzkette von Gottfried Lechner. (Foto: Privat)

Erbe eines Schnitz-Genies

Für den nächsten Versuch hatte sein Lehrmeister kein einwandfreies Stück Lindenholz mehr. Das neue war übersät mit kleinen Ästen und Verwachsungen, die Lechner allerdings schon von außen erkennen konnte. Mit Geduld schnitzte er sich um die fehlerhaften Stellen herum und wich ihnen mit präzisen Handbewegungen aus. Nach rund vierhundert Arbeitsstunden war es schließlich geschafft. Die bewegliche Holzkette war vollendet. Er ist sichtlich noch immer stolz darauf, wenn er sie vorzeigt. Auch sie ist ein kleines Wunderding, auch wenn Lechner weiß, wie weit weg damit er von dem Schnitz-Genie des Johann Hengstberger geblieben ist.


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