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Hermann Göring: Der Nazi und sein Psychiater

Im Herbst jährt sich Hermann Görings Zyankali-Selbstmord, mit dem er seiner Hinrichtung zuvorkam, zum achtzigsten Mal. Ein Blick auf den zweiten Mann im Dritten Reich und den US-Psychiater, der Görings Seele zu entschlüsseln versuchte und am Ende den gleichen Tod starb.
Jonas Spreng  •  28. Februar 2026 Volontär    Sterne  12
Angeklagte des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess (Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nuremberg_Trials._Looking_down_on_defendants_dock,_circa_1945-1946._-_NARA_-_540127.jpg)
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Vor rund achtzig Jahren, im November 1945, begann im Saal 600 des Nürnberger Justizpalasts einer der größten Prozesse der Geschichte. Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs, der über 60 Millionen Menschenleben forderte und im Holocaust einen beispiellosen Zivilisationsbruch hervorbrachte, sollte zum ersten Mal, individuelles Handeln im Rahmen staatlicher Gewalt völkerrechtlich verfolgt werden.

Bereits die Auswahl der Angeklagten erwies sich für die Alliierten als heikle Aufgabe, hatten sich doch mit Hitler, Himmler und Goebbels Potentaten des Regimes einem Zugriff durch Suizid entzogen. Ende des Sommers konnten sie sich schließlich auf 24 Vertreter aus Politik, Militär und Wirtschaft einigen, die vor dem Internationalen Militärgerichtshof zur Rechenschaft gezogen werden sollten.

Der prominenteste unter ihnen: Reichsmarschall Hermann Göring, zweiter Mann im Dritten Reich

Bei seiner Verhaftung in Augsburg hoffte Göring noch, in einer künftigen Nachkriegsordnung eine Rolle spielen zu können, und forderte ein Vieraugengespräch mit Eisenhower – von einem Marschall zum anderen. Dieser lehnte jedoch ab und ließ Göring stattdessen Orden, Auszeichnungen und Pillen abnehmen und ihn desillusioniert in ein Gefangenenlager im luxemburgischen Bad Mondorf bringen.

Göring, der im Ersten Weltkrieg als Jagdflieger Berühmtheit erlangt hatte, kam nach Kriegsende in München früh mit Hitler in Kontakt. 1923 nahm er an dessen Putsch teil und stieg anschließend rasant in der NSDAP auf. Ein zentraler Motor dieses Aufstiegs war sein untrügliches Gespür für die Motive und Schwächen anderer, ein Talent, das er ohne Skrupel einzusetzen verstand.

Nach der Machtübernahme spielte er eine zentrale Rolle beim Ausbau des NS-Terrorsystems: Er war maßgeblich an der Gründung der Gestapo beteiligt, verantwortete die Errichtung der ersten Konzentrationslager und wurde später zum Beauftragten für den Vierjahresplan ernannt. Spätestens 1935 als Oberbefehlshaber der Luftwaffe avancierte er zu einem der einflussreichsten Männer des Regimes. 

Adolf Hitler und Hermann Göring (rechts) 1938 in BerlinAdolf Hitler (links) und Hermann Göring (rechts) 1938 in Berlin (Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Adolf_Hitler_and_Hermann_G%C3%B6ring_in_1938.jpg)

In Mondorf bot sich jedoch ein anderes Bild dieses einst „großen“ Mannes: Als feistes, vom Entzug gezeichnetes Wrack litt er nicht nur unter dem schlechten Essen, sondern vor allem unter dem abrupten Wegfall jener narzisstischen Zufuhr, von der er zeitlebens zehrte. Zusätzlich nagte an ihm die Impertinenz, mit der ihn die Aufseher behandelten.

Dies änderte sich im August 1945 als der US-Psychiater Douglas M. Kelley in Mondorf eintraf.

Der ehrgeizige Offizier erkannte sofort die historische Chance, die sich ihm bot: hochrangige Nationalsozialisten, angeklagt wegen nie da gewesener Verbrechen, allein in seiner Obhut.

Kelley verbrachte etliche Stunden mit den Gefangenen, doch keiner übte eine solche Anziehung auf ihn aus wie Göring. „Göring war zweifellos die herausragendste Persönlichkeit im Gefängnis“, schrieb Kelley später. Er war fasziniert von dessen Intelligenz, rhetorischer Gewandtheit und jener Ausstrahlung, die der ehemalige Reichsmarschall selbst im Arrest nicht verloren hatte. 

Kelley war jedoch keineswegs blind für Görings dunkle Seite. Im Gegenteil: Die Rücksichtslosigkeit, der ausgeprägte Narzissmus und die kaltherzige Gleichgültigkeit, die Göring allen außerhalb seines engen Familien- und Freundeskreises entgegenbrachte, schienen seine Faszination sogar noch zu verstärken. Görings Ambiguität – das ständige Oszillieren zwischen Charme und höflicher Freundlichkeit auf der einen und einem tiefen moralischen Abgrund auf der anderen Seite – führte Kelley in jene Bereiche der menschlichen Seele, deren Erforschung er so schmerzlich ersehnte.

Basierend auf dem Buch des Journalisten Jack El-Hai konzentriert sich der neue Film Nürnberg auf die Beziehung dieser beiden Männer, die sich auf erschreckende Weise ähnelten.

El-Hai reflektiert die gefährliche, weil Vertrauen bildende Nähe, die sich bei langen, intensiven Gesprächen einstellt – eine Nähe, die im Fall Kelley und Göring eine Dynamik erzeugte, die weit über das Professionelle hinausging. Außerdem treten immer mehr Parallelen zwischen Kelley und Göring hervor: etwas Größenwahnsinniges, ein Hang zu Gefallsucht und zu sprunghafter Härte.

Rami Malek als Douglas Kelley (links), Russell Crowe als Hermann Göring (rechts) (Foto: https://www.sonyclassics.com/film/nuremberg)

Als Kelley wenige Monate nach Prozessbeginn als Psychiater abgelöst wird und in die USA zurückkehrt, endet die Beziehung abrupt. Angeblich hinterlässt ihm Göring noch einen Abschiedsbrief.

Im Oktober 1946 endet der Prozess mit zwölf Todesurteilen, eines davon für Hermann Göring. Um der Hinrichtung zu entgehen, schluckte er in der Nacht zuvor Zyankali, das ihm ein US-Wachmann beschafft hat. So sichert sich Göring seinen letzten Auftritt und stirbt, wie er gelebt hat: in seiner eigenen Show, jede Form von Moral mit Füßen tretend.

Kelley zeigte sich überrascht vom Selbstmord seines ehemaligen Weggefährten. Er war überzeugt gewesen, Görings übersteigertes Ego würde einen solchen Schritt nicht zulassen.

Dennoch wählte Kelley zwölf Jahre später denselben Tod. Am Neujahrstag 1958 schluckte er vor den Augen seiner Frau, seines zehnjährigen Sohns und seines Vaters Zyankali. Eine seltsam dramatische Inszenierung, die mehr wie eine makabre Parallelaktion als ein bloßer Zufall wirkt. Zumal wenig dafür spricht, freiwillig den qualvollen Zyankalitod zu wählen, wenn eine Pistole den schnelleren und weniger schmerzhaften Tod ermöglicht hätte.

Handelte es sich also um ein Relikt aus Nürnberg?

War Kelley, der versuchte, Göring zu verstehen, am Ende selbst unter dessen Einfluss geraten? War er Görings Manipulationskünsten erlegen? Hatte er unbewusst begonnen, sich mit ihm zu identifizieren? Oder geriet er in jenes gefährliche moralische Gefilde, das entsteht, wenn man das Böse nicht nur beschreibt, sondern zu lange anstarrt?

Vielleicht war es aber auch etwas anderes, das ihn in den Abgrund trieb. Etwas, das zerstörerischer war als jedes Gespräch mit Göring hätte sein können: die Einsicht, dass es sich bei den Architekten dieses menschenverachtenden Regimes weder um böse, wahnsinnige oder fremdartige Monster handelte, sondern um erschreckend gewöhnliche Menschen.

Lange vor Eichmann in Jerusalem stand Kelley mit dieser Erkenntnis allein da. Vielleicht war es diese Einsicht, an der er am Ende zerbrach.


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1 Kommentar
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04 March 2026 Antworten



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