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High statt betrunken: Lösen Drogen den Alkohol ab?

Die Gen Z schwört dem Alkohol ab. Doch neben gestiegenem Gesundheitsbewusstsein könnte es noch einen anderen Grund für den Wandel geben. Drogen voll im Trend. Sie sind verfügbarer denn je und teilweise sogar billiger als Bier, Wein oder Red Bull-Wodka.
Simon Macheiner  •  19. März 2026 Volontär    Sterne  76
Bei der Gen Z stehen illegale Drogen hoch im Kurs. (Foto: Shutterstock)
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An einem langen Abend verschwinden zwei Studentinnen in einer Bar auf die Toilette. Gut gelaunt kommen sie zurück, auf ihrem Tisch stehen nur zwei Sprudel-Wasser mit Zitronenscheiben. Ihr Kick kommt heute nicht vom Alkohol. Sie haben gerade eine Line Koks gezogen.

Was früher vor allem in elitären Kreisen auf Feiern üblich war, ist mittlerweile fester Bestandteil der Fortgeh-Kultur Jugendlicher. Das könnte eine Antwort auf die Frage der Getränkeindustrie sein, warum die Gen Z beim Alkohol so abstinent geworden ist. Er gilt als altmodisch, ist teuer, macht süchtiger als klassische Partydrogen wie Haschisch oder Kokain und ist insgesamt ungesünder.

Videos von „Mocktails“, also von Cocktails ohne Promille, generieren teils Millionen von Aufrufen. Unter Jugendlichen kursiert jeden Jänner der „Dry Jannuary“ („trockener Jänner“) mit dem Aufruf, einen Monat lang ganz auf Alkohol zu verzichten. Ent-alkoholisierte Weine und Kombucha-Kreationen sind in den Supermarktregalen unübersehbar. Gleichzeitig sind über bestimmte Social Media-Gruppen andere Drogen verfügbarer denn je, bei leistbaren Preisen.

Trinkgewohnheiten im Wandel

Bei den 18 bis 24-Jährigen haben sich bereits 40 Prozent vom Alkohol völlig verabschiedet. Der Alkoholkonsum pro Kopf sank seit den 1970er Jahren kontinuierlich. Praktiken wie das „Komasaufen“ sind in vielen Freundesgruppen verpönt. Experten beobachten den Trend schon länger und rätseln über die Ursachen. Der Gesundheitstrend unter Jugendlichen und die Aufklärung über die Gefahren durch Alkohol an den Schulen galten bisher als einzige Gründe dafür.

Drogen auf dem Vormarsch

Bei Kokain, Tabletten oder Joints geht der Trend eher in die umgekehrte Richtung. Laut einem Bericht des Innenministeriums haben bis zu 40 Prozent der 15 bis 24-jährigen mindestens einmal in ihrem Leben Cannabis konsumiert. Ein besonders drastischer Anstieg ist bei Kokain zu beobachten. 2023 stellten die Behörden in den EU-Mitgliedstaaten im siebten Jahr in Folge Rekordmengen der Droge sicher. Das deutet auch auf ein höheres Angebot hin.

Positives Image

Vor allem auf Partys und in Clubs ist die Drogenflut sichtbar. „Party-Drogen“ putschen auf und sorgen für mehr Selbstbewusstsein, mit Cannabis, Kokain oder auch LSD, Ecstasy und Speed lässt es sich energiegeladen die ganze Nacht durchtanzen. Das Rauscherlebnis ist weit verbreitet und normalisiert, in Österreich sind Koks und Co zum festen Bestandteil des Nachtlebens geworden.

„Über bestimmte Telegramm-Gruppen sind Marihuana, Haschisch und Koks schneller da als ein Taxi. Du nennst deinen Wunsch und ein paar Minuten später steht einer in der Tür und sieht sich nach dir um. Am nächsten Tag hast du dann verlässlich keinen Kater“, sagt ein Wiener Student im Gespräch mit campus-a. Die Gen Z verabredet sich für die Drogen nicht mit dem Dealer am Bahnhof oder in einer finsteren Gasse. Neben dem Internet ist das soziale Umfeld, also Freundesgruppen und Bekanntschaften, eine der Hauptbezugsquellen.

Mit steigender Menge sinkt der Preis. Laut dem Europäischen Drogenbericht 2022 kostet ein Gramm Kokain in Europa durchschnittlich rund siebzig Euro. Cannabis gibt es bereits um zehn Euro pro Gramm. „Teilweise sind bei den aktuellen Gastro-Preisen Haschisch und Koks sogar billiger als Alkohol“, erzählt eine Wiener Studentin.

Gesünder als Alkohol?

Verdrängen die Partydrogen den Alkohol aus den Fortgehmeilen? Die Gen Z hält sie jedenfalls im Vergleich zu Alkohol für gesünder. „Ich kiffe, weil ich das Saufen nicht so gescheit finde“, solche Sätze hört Eckhart Falkensteiner, Sozialarbeiter bei der Suchthilfe Salzburg, immer wieder.

Auch er bemerkt bei seiner Arbeit mit Jugendlichen einen Umstieg von Alkohol auf andere Substanzen. „Sie haben Alkoholiker in ihrem persönlichen Umfeld und erleben die schlimmen Auswirkungen davon. Manche denken dann vielleicht wirklich, Cannabis wäre weniger gefährlich“.

Früher war der Drogenkonsum auf bestimmte Szenen beschränkt. Inzwischen ist etwa das Tabu, Cannabis zu konsumieren, in breiten gesellschaftlichen Schichten gefallen. Die Legalisierung in Deutschland trage außerdem zur Normalisierung bei den Jugendlichen auch in Österreich bei, so der Sozialarbeiter.

Experten warnen

Auch der britische Drogenforscher David Nutt hält Alkohol für die mit Abstand gefährlichste Droge, denn soziale und gesellschaftliche Auswirkungen wie Aggressivität, Gesetzesverstöße und häusliche Gewalt seien ebenfalls zu berücksichtigen. Mehr als 200 Krankheiten stehen in Verbindung mit Alkoholismus. Doch „Gesund“ sind auch die anderen Drogen nicht. Cannabis etwa steht im Verdacht, zu Psychosen und Depressionen zu führen. Bei Jugendlichen soll der Konsum außerdem die Gehirnentwicklung negativ beeinflussen.


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