campus a: Frau Purtscher-Lang, was denken Sie als Patientenanwältin? Ist es mittlerweile gefährlich, sich unserem Gesundheitssystem anzuvertrauen?
Karin Prutsch-Lang: Wir haben super Ärzte und gute Versorgung, aber es mangelt an Ressourcen: Es geht gar nicht mehr um Fehler von Ärzten. Es geht vielmehr um den Personalmangel, durch den Patienten mit Krebs teilweise ein halbes Jahr auf einen Termin warten müssen.
campus a: Laut Ärztestatistik gibt es zahlenmäßig aber genug Ärztinnen.
Prutsch-Lang: Diese Zahlen sind verfälscht. Früher waren die Ärzte vollzeitbeschäftigt, heute sind viele teilzeitbeschäftigt. Das steht nicht in der Statistik. Ein Problem sind auch die kleinen Krankenhäuser. Dort steht immer ein volles OP-Team zur Verfügung, das nicht ausgelastet ist, während in den Schwerpunktkrankenhäusern die Ärzte fehlen.
campus a: Viele Patienten gehen statt zu Ärztinnen gleich ins Krankenhaus. Sind wir zu panisch geworden?
Prutsch-Lang: Teilweise gibt es einfach keine andere Option. Wenn jemand am Wochenende akute Schmerzen hat, bleibt nur das Spital, weil die Ärztezentren geschlossen sind.
campus a: Besser verteilte Ärztinnen würden das Problem also lösen?
Prutsch-Lang: Es gibt auch andere Ressourcen-Probleme. So sind bestimmte teure Behandlungen limitiert, wodurch sie am Ende eines Quartals, Halb- oder Kalenderjahres nicht mehr zur Verfügung stehen. Schon in dringlichen Fällen warten Patienten teilweise sechs Monate, in nicht dringlichen können es zwei Jahre werden.
campus a: Wie sollten sich Patientinnen denn verhalten?
Prutsch-Lang: Sie sollten sich nicht auf vage Zeitangaben wie „In drei oder vier Monaten bekommen Sie einen Termin“ verlassen und immer eine Zweitmeinung einholen, um die Dringlichkeit besser einschätzbar zu machen. Wenn es trotz Dringlichkeit noch immer nicht mit einem Termin klappt, empfehle ich eine Rechtsanwältin oder einen Rechtsanwalt einzuschalten.
campus a: Wohin geht der Trend? Wird es besser oder schlechter?
Karin Prutsch-Lang: Leider schlechter. Die Situation wird sich weiter zuspitzen.
campus a: Wieso tut niemand etwas dagegen?
Prutsch-Lang: Änderungen sind politisch schwer durchzusetzen. Eine Lösung wäre es, kleinere Krankenhäuser zu schließen und Ärztezentren für weniger akute Beschwerden einzurichten. Für größere Operationen sollte es Schwerpunktkrankenhäuser geben. Das geht nur nicht, denn wenn kleine Krankenhäuser geschlossen werden, gibt es immer einen Aufschrei. Alle sind stolz auf ihre kleinen Krankenhäuser.
campus a: Den Medizinaufnahmetest, den MedAT, schaffen jährlich nur Wenige. 2025 hat ihn durchschnittlich nur jede achte Anwärterin bestanden. Würde es etwas bringen, den MedAT zu verändern?
Prutsch-Lang: Der Test ist nicht geeignet, hier gut zu selektieren. Es ist wie ein Lotteriespiel. Mit ausreichend finanziellen Mitteln können Interessenten so oft antreten, bis sie es schaffen. Jemand, der besser geeignet wäre, zum Beispiel weil er besonders empathisch ist, kann sich das vielleicht nicht leisten. Dabei ist Empathie fast das Wichtigste als gute Ärztin.
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