Die „Maersk Gibraltar“, ein Containerschiff der dänischen Reederei Maersk, fährt durch das Rote Meer. An Bord liegen Container mit Elektronik aus Shenzhen für Händler in Rotterdam. Die Route führt durch den Bab el Mandeb. Diese Meerenge verbindet den Indischen Ozean mit dem Mittelmeer über den Suez Canal. Dort greifen Huthi-Milizen Schiffe an. Drohnen und Raketen zielen auf Frachter, die täglich Güter im Wert von Milliarden Dollar transportieren. Ein einzelner Angriff zwingt Reedereien zur Umkehr oder zu Umwegen.
Früher sicherten staatliche Marinen die wichtigsten Handelsrouten. Heute können Milizen oder staatliche Einheiten mit überschaubarem Budget den Verkehr stören. „Der kommerzielle Schiffsverkehr war früher kein Ziel. Heute wird er zu einem Hauptziel,“ beschreibt Corey Ranslem, CEO von Dryad Global, einem Unternehmen für maritime Risikoanalyse, die Veränderung.
Der Seehandel als Rückgrat der Weltwirtschaft
Rund achtzig Prozent des Welthandels laufen über den Seeweg. Jährlich bewegen mehr als elf Milliarden Tonnen Waren die Ozeane. Häfen wie Shanghai oder Singapur bewegen jedes Jahr Millionen Container von einem Schiff zum nächsten.
Der Suez Canal wickelt etwa zwölf Prozent des globalen Handels ab. Die Straße von Hormuz transportiert rund ein Fünftel des weltweiten Ölangebots. Störungen in diesen Bereichen wirken sich auf Energiepreise, Produktion und Lieferzeiten aus.
Welche Schiffe betroffen sind
Angriffe treffen Containerschiffe, Tanker und Massengutfrachter gleichermaßen. Diese Schiffe transportieren Öl aus dem Nahen Osten, Elektronik aus Ostasien und Rohstoffe aus Afrika.
„Die Art des Schiffes ist fast egal. Wir sehen Bedrohungen gegen alle Schiffstypen,“ beschreibt Ranslem die Lage.
Betroffen sind insbesondere Schiffe mit Verbindungen zu westlichen Märkten oder politischen Konfliktparteien.
Wer angreift und warum
Huthi-Milizen greifen im Roten Meer an, um Einfluss im Nahostkonflikt auszuüben. Iranische Einheiten operieren im Persischen Golf, insbesondere durch die Revolutionsgarde. Russland und Ukraine attackieren Schiffe und Hafeninfrastruktur im Schwarzen Meer. Diese Angriffe verfolgen politische und strategische Ziele.
„Die Verbreitung von Technologien wie unbemannten Systemen erweitert die Fähigkeit, in den maritimen Raum wirken zu können,“ erklärt Ulf Steindl vom Austrian Institute for European and Security Policy.
Die Waffen der neuen Angreifer
Drohnen, Raketen und unbemannte Boote dominieren aktuelle Angriffe. Diese Systeme lassen sich mit vergleichsweise geringem Aufwand herstellen. Ranslem nennt eine konkrete Relation: „Eine Drohne, die einen Sprengsatz tragen kann, lässt sich für etwa 50.000 Dollar bauen.“
Raketen zur Abwehr kosten bis zu eine Million Dollar pro Einsatz.
Die gefährlichen Engstellen
Reedereien umgehen gefährliche Regionen. Fahrten um das Kap der Guten Hoffnung verlängern die Strecke zwischen Asien und Europa um bis 6.000 Seemeilen. Diese Umwege erhöhen Treibstoffkosten und binden Schiffe länger.
Versicherer erhöhen Prämien für War Risk Insurance. Diese Versicherungen decken Schäden durch kriegsähnliche Ereignisse ab. Prämien steigen innerhalb weniger Tage, sobald sich die Sicherheitslage verschärft.
Unternehmen passen Lieferketten an. Sie erhöhen Lagerbestände, verteilen Lieferanten auf mehrere Regionen und verlagern Produktion näher an Absatzmärkte.
„Lieferketten werden unsicherer und schwerer planbar. Effizienz verliert an Bedeutung, Resilienz gewinnt,“ sagt Sebastian Kummer von der Wirtschaftsuniversität Wien.
Wer die Kosten trägt
Umleitungen verlängern Transportzeiten um bis zu zwei Wochen. Kosten entstehen an mehreren Stellen gleichzeitig: längere Transportzeiten, höhere Versicherungen, gebundenes Kapital und verzögerte Lieferungen.
Preisbewegungen treten schnell auf, besonders bei Öl und Energie. Märkte reagieren innerhalb weniger Tage auf Störungen im Schiffsverkehr. Lieferketten pendeln sich nach Störungen oft innerhalb von vier bis sechs Wochen neu ein, während Preise in dieser Zeit erhöht bleiben.
Die „Maersk Gibraltar“ dreht ab und fährt Richtung Afrika. Die Strecke wird länger, die Fahrt teurer, die Lieferung verspätet sich. Im Zielhafen von Rotterdam verschiebt sich der Zeitplan und Container bleiben liegen.
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